Haiti Ende der Neunzigerjahre: Éric, ein ehemaliger Beamter, der aufgrund von Strukturanpassungsprogrammen entlassen wurde, will sich an denen rächen, die er für sein Unglück verantwortlich macht. Er beginnt einen Amoklauf durch ein Port-au-Prince, in dem der nach der absoluten Macht strebenden "Erwählte" eine neue Ordnung zu errichten sucht. Zugleich kehren sich Schriften um, Spiegel werden blind, eine Heiligenstatue treibt sich in den Straßen herum, und der Erwählte lässt Gott ermorden ...
Gary Victors härtester und in Haiti meistdiskutierter Roman, ausgezeichnet mit dem Prix du Livre insulaire.
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Magischer Realismus und klare Sprache sprechen aus, was auf Haiti falsch läuft. Ein brutales Abenteuer und Machtspiel.
MarcoL aus Füssen am 14.12.2025
Bewertungsnummer: 2677422
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Gary Victor gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Haitis. Sein literarisches Schaffen zeugt meistens von einer intensiven Gesellschaftskritik - auch in seinen Krimis.
Dieser Roman, der 2000 im Original erschien, liegt nun in einer Deutschen Erstübersetzung vor. Er spielt am Ende der 1990er Jahre und erzählt von Eric, einem ehemaligen Beamten.
Strukturanpassungen und Staatswillkür, gefüttert von einem korrupten Regime, machten ihn arbeitslos – seine damalige Partnerin wandte sich sofort von ihm ab, als er ihren gewohnten Lebensstil nicht mehr finanzieren konnte. Der Hass in Eric wucherte. Er machte die Obrigkeit für sein Unglück verantwortlich und begann, in Port-au-Prince die Verantwortlichen zu suchen und zu richten. Wer ihm dabei im Weg stand, wurde kaltblütig erschossen. Sein erstes auserwähltes Opfer war der Finanzminister. Doch dieser war schlau genug, Eric weitere „Schuldige“ zu präsentieren und sich selbst als Opfer zu inszenieren. Die Jagd setzte sich fort.
Mittlerweile versank Haiti im Chaos. Eine Heiligenstatue wurde lebendig und machte ihr eigenes Rache-Ding. Spiegel wurden blind, und alles Geschriebene stand auf einmal rückwärts da. Auch die Menschen begannen, rückwärts zu sprechen. Die absolute Anarchie startete, während der Präsident und seine Untergebene in Saus und Braus lebten und sich um die arme Bevölkerung nicht kümmerten.
Die Sprache ist meistens äußerst direkt. Der magische Realismus, dem sich der Autor hier bedient, lockert einiges auf und macht es gleichzeitig bildhafter und schärfer. Das Töten von Menschen erfolgt in einer kaltblütigen Geläufigkeit, ohne Skrupel und Gewissen – und steht für das Verhalten der Regierenden gegenüber der Bevölkerung. Das Erblinden der Spiegel ist hier eine starke Metapher für den sterbenden Widerstand und die Willkür der Mächtigen.
Manche Szenen sind wirklich nichts für empfindliche Mägen. Auch der Autor selbst hat lange gezaudert, ob er den Roman in der vorliegenden Form überhaupt veröffentlichen soll, weil er ihm oftmals zu brutal vor kam.
Er tat es – und wurde dafür ausgezeichnet. Zu recht – es ist ein kafkaesker Amoklauf, der aufzeigt, was im Land schiefläuft, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Das Einfließen des Magischen Realismus' ist in einem von der Voodoo Kultur geprägtem Land beinahe schon ein Muss. Auch der Titel ist sehr stichhaltig: die Lösung der gestellten Aufgaben findet Eric an der Kreuzung der Parallelstraßen – also eigentlich nirgends, erst in der Unendlichkeit.
Sehr gerne gelesen, trotz mancher schockierender Szenen, - und gerne gebe ich eine Leseempfehlung für alle, die dieses Abenteuer wagen – oder auch mal über den Tellerrand blicken wollen. Es ist eine Regimekritik der anderen Art, wie wir sie in der europäischen Literatur wohl eher kaum finden. Die Werke des Autors kann ich alle uneingeschränkt empfehlen.
Dystopischer Albtraum
MarieOn am 20.11.2025
Bewertungsnummer: 2658902
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Eric hörte sie schreien, während er an dem Magazin der alten 45er Automatik bastelte. Der Spiegel, der Spiegel, heulte sie auf. Er wandte den Blick ab, konnte sie nicht mehr sehen, wie sie sich halb nackt in den Hüften wiegte, ihre Stimme, ihr Geruch widerte ihn an. Sie konnte von Glück reden, dass die Feder des Magazins klemmte, sonst hätte er ihr eine Kugel in die Stirn gejagt. Großvater duldete sie, weil sie irgendeiner Abstammungslinie entsprungen war. Der Spiegel ist blind, jammerte Marthe, jemand muss ihn verhext haben. Sein Vetter Anastase mischte sich ein, er möge Spiegel, sie seien das Auge Gottes, das uns ermögliche, uns zu sehen. Erst kürzlich bei einem Trip habe er einen Eselskopf mit tellergroßen Augen herausschauen sehen, das habe ihn zu einem seiner Gedichte inspiriert.
Endlich hatte Eric die Feder ins Magazin gefummelt. Jetzt strich er sanft mit dem Lauf über den Zeitungsausschnitt, auf dem Finanzminister Mataro in die Kamera lächelte. Wegen seinem Strukturanpassungsprogramm waren die Aasgeier von der Bank zusammen mit dem Gerichtsvollzieher bei ihm aufgetaucht, kurz nachdem Salomé ihn verlassen hatte. Er wird ihn abknallen und Mataro wird nicht der letzte sein. Anastase war widerwillig aufgestanden, um nach der plärrenden Martha zu sehen und schrie nun ebenfalls: „Der Spiegel wirft wirklich nichts zurück“. Eric musste hier raus.
Fazit: Gary Victor, einer der populärsten haitianischen Gegenwartsliteraten, bekannt für seine drastischen Schilderungen sozialer Missstände und für seine scharfen Kritiken an der haitianischen Gesellschaft, hat diesen Roman 2000 veröffentlichen lassen. Die Geschichte beginnt wie ein Krimi und verwandelt sich dann in einen dystopischen Albtraum. Der Protagonist will sich an der korrupten Regierung für seinen sozialen Abstieg rächen. Zuerst erschießt er Mataros Geliebten, den Transvestiten Vicky, dann muss Mataro ihn zum Präsidenten, genannt der „Erwählte“, führen, der einer Zeremonie beiwohnt, die sein Regierungsberater und gleichzeitig Schwarzmagier abhält. Ab da läuft alles aus dem Ruder. Die Geschichte spitzt sich zu, wie ein luzider Fiebertraum, in dem du weißt, dass du träumst und versuchst, den Ablauf zu beeinflussen. Die Kulisse gleicht einem Hexenkessel, Hitze, die sich über die Stadt legt, Autoschlangen, die die Dunstglocke über der Stadt forcieren und das Atmen erschweren, Starkregen mit Überschwemmungen, Slums auf Müllbergen, in denen Massen von Arbeitslosen hausen. Drogenclans und Banden, die ihre Viertel regieren, überall Gestank. Sodom und Gomorrha. Selten habe ich auf 130 Seiten so viele Szenen gesehen, die eine Welt erzählen, die sich so sehr von meiner unterscheidet. Aberglaube spielt eine große Rolle und scheint bestens geeignet, das Volk zu lenken. Die Armut ist unbeschreiblich, treibt junge Frauen in die Prostitution und lässt Aids Blüten treiben. Durch das Freihandelsabkommen werden amerikanische Produkte subventioniert und die Bauern in die städtische Armut gespült. Gary Victor hat die Gabe, schier unvorstellbare Zustände sichtbar zu machen und sich damit in Haiti nicht nur Freunde gemacht. Kein einfacher Unterhaltungsroman. Für alle Leser*innen, die an experimentellen Texten, die eine Botschaft transportieren, Spaß haben.
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