Über seine erste Kur im Schweizer Kurort Baden bei Zürich schrieb Hermann Hesse diese humorvollen und zugleich selbstironischen Aufzeichnungen, die im Jahr 1925 erstmals in Buchform erschienen. Seine Urenkelin, die bekannte Schweizer Grafikerin Karin Widmer, hat den Text, der nahezu zeitgleich mit Thomas Manns Sanatoriumsroman „Der Zauberberg“ erschien, nun 100 Jahre später mit über 50 farbigen Federzeichnungen im Stil der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts illustriert. Nicht wenige der satirischen Beobachtungen Hesses über den Kur- und Badebetrieb im Allgemeinen und über seine Mit-Kurpatienten dürften auch heute noch zeitlos gültig sein.
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Hesses sensible Produktivität
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 20.04.2025
Bewertungsnummer: 2471026
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In diesen sehr persönlichen Aufzeichnungen, die Hesse 1924 erstmals veröffentlichte, erzählt er tragikomisch von seinem Kuraufenthalt im Kurhotel Verenahof in Baden in der Schweiz. Hesse, der zeitlebens an rheumatischen Beschwerden litt, nennt sich selbst Ischiatiker und sollte in den kommenden Jahrzehnten regelmäßiger Gast in Baden werden.
Am ersten Tag, er kommt mit dem Zug in Baden an, schöpft er Mut und Kraft aus dem Eindruck, sich nicht so kränklich zu bewegen wie die anderen Kurgäste, die er auf dem Weg vom Bahnhof zu den Bädern erblickte. Schon im ersten Kapitel ergründet Hesse die Menschen in alltäglichen Momenten und zeichnet sie in philosophischen Szenen. Und so geht es weiter – er merkt bald, dass er gar nicht so kräftig ist, wie er gedacht hatte. Sein Stolz schmilzt mit dem ersten Bad.
Von einem vermeintlich Gesunden wird er zum erschlafften Kurgast, der sich widerwillig dem schnöden Zeitvertreib des Kurlebens unterordnet, sich in Casinos die Zeit vertreibt, um kurz vor dem Aufgeben wieder in sein „wahres“ Ich aufzusteigen. Dabei erfahren wir einiges über das Zusammenleben mit anderen Kurgästen, die Morgen- und Abendrituale, die üppigen Mehrgangmenüs, Hesses damals revolutionären Gedanken und Einstellungen zu Gesundheit (ganzheitlich) und Spiritualität. Viele der Kurgäste kamen, wie Hesse, jedes Jahr nach Baden. Den guten Badener Gastwirten unterstellt er gar, dass die mit ihren üppigen Mahlzeiten eine komplette Heilung verhindern wollten - nur damit alle wiederkämen. (Historisch gesehen ist das gar nicht so abwegig: im katholischen Baden wurde immer fett gefeiert und die Protestanten aus dem zwinglianischen Zürich kamen in Scharen zum Kurfeiern angereist. (Wie heute Mallorca oder Ibiza).
Der Kurarzt, der Hesses produktive Sensibilität zu verstehen schien, und dessen Bruder, der Hotelier des Verenahofes, waren offenbar der Grund, dass Hesse über mehrere Jahrzehnte regelmäßig nach Baden kam. Die anderen Kurgäste waren ihm eher eine Last, mit der er jedoch seinen Frieden schloss und das auf eine für diese Zeit unkonventionelle Weise. Dies alles erfahren wir sowie auch die innere Kämpfe, die Einsamkeit, das Feinsinnige und die kraftvolle innere Rückkehr; einfach der gesamte persönliche Prozess.
Für alle, die sich für Gesundheit, philosophische, psychologische Gedankengänge, innere Auseinandersetzungen interessieren, ist dies ein schönes, humorvolles Buch. Und für alle die in und um Baden leben natürlich auch. Der Verenahof in Baden steht übrigens heute noch – außer Betrieb. Eine Reise in die Thermen Baden ist trotzdem sehr lohnenswert.
Muss man kennen
Bewertung aus Zürich am 19.11.2024
Bewertungsnummer: 2344826
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Hesse zeigt sich hier stilistisch und psychologisch hochdifferenziert, sich selbst und die andern Kurgäste auf faszinierende Weise charakterlich, emotionell und schonungslos (auch sich selbst gegenüber) charakterisierend und auslotend. Man profitiert auch für seinen Umgang mit sich selbst
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