Virtuos, behutsam und unerbittlich: Dagmar Leupold bringt Dinge zum Sprechen - sie erzählen von der Mutter, aber auch von Krieg, Flucht und Fremdheit.
Wie erzählt man von der eigenen Mutter? Vor über hundert Jahren in Ostpreußen geboren, vor der Roten Armee geflohen, auf Umwegen irgendwo im deutschen Westen angekommen und dort, im neuen Leben, in der neuen Zeit nach dem Krieg, von dem bald keine Rede mehr war, immer fremd geblieben. Fremd auch der eigenen Tochter, die sich weiter und weiter entfernte, bis die Geschichte der Mutter irgendwann unbegreiflich geworden war. Muttermale ist der Roman einer Annäherung. In immer neuen Anläufen versucht Dagmar Leupold, Verlorenes wiederzugewinnen. Sie greift dazu auf das zurück, was vom Leben der Mutter geblieben ist, Alltagsgegenstände, Gewohnheiten, Fotos, gern gebrauchte Wörter und Sätze: alles, was über die Zeit hinweg von der Mutter zu ihr spricht. Sie lauscht diesem Sprechen, um ihm Geheimnisse und Unausgesprochenes abzulauschen, und findet immer wieder Spuren eines Traumas.
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Sehr berührende Spurensuche
Buch_im_Koffer aus Münster am 23.02.2026
Bewertungsnummer: 3056077
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Fragmente, kleine Anker hat die Tochter, um sich der Mutter zu erinnern. Verinnerlichte Worte, ein Lied, Fotos, Alltagsgegenstände – sie alle erzählen von verblassten Gedankenschnipseln, kurzen Episoden, die sich aus der Vergangenheit ins Heute tragen. Diese versucht die Tochter mit den wenigen Fakten, die sie hat, zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Geboren 1924 in Ostpreußen, Krieg, Flucht, Arbeit als Krankenschwester beim DRK, Ehe in Westdeutschland.
In immer neuen Ansätzen ist es ein Versuch, sich der Mutter anzunähern, ein Leben zu rekapitulieren, zu verstehen. Sie, ein „Flüchtling!“, die die Erinnerung an die „entrissene Heimat“, an eine Zeit vor dem Krieg im neuen Leben stets in sich trug, gleich einer „Konserve“ bewahrte, und doch vehement schwieg. Teil einer Generation der Sprachlosigkeit, die sich der Tochter manifestierte, das Erlebte, das Grauen, stets gut verschlossen. Der Tochter gegenüber fremd, distanziert. Die Verschlossenheit und stille Angepasstheit, die die Fragen und Hoffnungen der folgenden, jungen Generation zeitlebens abprallen ließ. „So gab es von Beginn an eine Verfeindung, deine gegen meine Zeit, Abfolge war keinesfalls Nachfolge.“ Nur wenige kleine Lichtblicke der Nähe und Zuneigung, ein Lächeln mal, ein „Bemuttertwerden“, waren ihr vergönnt.
Dagmar Leupolds Roman ist sprachgewaltig und poetisch zugleich. Grandios, wie sie über die kleinen Anker in Erzählungen abtaucht, die der Mutter nie vollends gerecht werden können, ihr aber zumindest eine Kontur, eine ‚Ahnung von‘ verleihen. Und so ist es nun die Tochter, die der Sprachlosigkeit der Mutter ihre eigenen Worte entgegensetzt, Überlegungen und Vermutungen anstellt, zusammengesetzt aus vielen kleinen „Malen“, die die Mutter hinterlässt.
Jeder einzelne Anlauf, das Unausgesprochene und Erinnerte zum Leben zu erwecken, manchmal nur 1, 2 Seiten, ist eine kleine Entdeckung! Lesen, innehalten, weiterlesen. Großartig!
Eine Annäherung an die Mutter
Bewertung aus Villach am 31.10.2025
Bewertungsnummer: 2641116
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Für den Bayerischen Buchpreis zu recht nominiert: Dagmar Leupod denkt zurück an ihre Mutter.
Die Mutter wurde 1924 in Ostpreußen geboren und erlebte in ihrem jungen erwachsenen Leben den 2. Weltkrieg, der sie scheinbar sehr geprägt hat. Die 1956 geborene Tochter erlebt die Mutter als distanziert, streng und kalt. Lacht sie einmal, interpretiert es ihre Tochter als Gefühlsentgleisung.
Der Roman erstreckt sich von der Kindheit und Jugend bis zum Muttersein und ihrem Altern und Sterben. Es besteht keine liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Besonders deutlich wird das, wenn die Tochter beschreibt, dass sie auch den Kochlöffel zu spüren bekommen hatte. Über vieles wird geschwiegen. Der Roman wird als eine Annährung beschrieben – ich interpretiere den Roman als die Mutter verstehen wollen.
Wer war sie, diese Mutter, die zwei ihrer Brüder im Krieg verloren hatte, die als Krankenschwester die Verwundeten versorgte und aus ihrer Heimat vertrieben wurde? Die protestantisch war und Prügel als Disziplinierungsmaßnahme akzeptierte.
Erst im Alter änderte sie sich ein wenig: ohne Chanel No. 5 ließ sie sich nicht im Rollstuhl vor die Türe führen und dieser Duft wird die Tochter immer an die Mutter erinnern.
Ein großartiger Roman, der die Atmosphäre von Gefühlskälte und Distanz außergewöhnlich gut transportiert. Sprachlich ein Genuss – zu Recht nominiert für den Bayerischen Buchpreis.
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