Der pensionierte Grundschullehrer Enrico hat zwei Rekorde pulverisiert: Mit seinen hundertdreiunddreißig Jahren ist er der älteste Mensch auf Erden und genau darum der meistgehasste. Jede Woche bestätigt ihm seine Ärztin Maria - oder seine Paläontologin, wie er sie nennt -, dass seine Gesundheitswerte einwandfrei sind. Doch für den Rest der Welt ist Enricos Langlebigkeit eine unfassbare Ungerechtigkeit und Anmaßung. Täglich finden Demonstrationen vor seinem Haus statt. Mal versammeln sich Südkoreaner zu einem stummen Protest, mal fährt ein Team von CNN vor, mal stürmt ein fanatischer Brüller bis ins Wohnzimmer. Und Enrico? Er ist längst zu alt, um sich Sorgen zu machen. Eunice, seine Haushälterin, kümmert sich um die Küche und alles andere, gelegentlich kommen der Urenkel Francesco oder der Hausbesitzer Pierangelini vorbei. Der freundliche Ispettore Gizzi sorgt für die Sicherheit, und wenn der neue Methusalem Lust auf Artischocken bekommt, wird er im gepanzerten Polizeiwagen zum Campo de' Fiori gefahren, um welche zu kaufen. Sonst sitzt er in seinem uralten Sessel, erinnert sich mit ihm zusammen an früher und lässt die Zeit vergehen, die ihm so unverdrossen Gesellschaft leistet.
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Unterhaltsames Philosophieren über das Alter
Buchbesprechung aus Bad Kissingen am 27.12.2025
Bewertungsnummer: 2685690
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
REZENSION – Er sei „nur ein Mann, der sich des Vergehens einer über die Grenzen des Schicklichen hinaus verlängerten Lebensdauer schuldig gemacht hat“, sagt der schon vor Jahrzehnten pensionierte italienische Grundschullehrer Enrico. Der Protagonist des im September beim Rotpunktverlag erschienenen Romans „Methusalem kauft Artischocken“ des italienischen Schriftstellers Marco Presta (64) ist mit seinen 133 Jahren nicht nur der mit weitem Abstand älteste Mensch der Welt, sondern allein wegen seines hohen Alters inzwischen der meistgehasste Mensch auf Erden.
Obwohl dieser „Methusalem“ niemanden stört, nur hin und wieder ins Dorf geht, um seine geliebten Artischocken zu kaufen, ansonsten aber daheim in seinem Lieblingssessel sich an Episoden seines Lebens erinnert, stehen vor seinem Haus tagtäglich hunderte Demonstranten aus aller Welt, die ihm nur aufgrund seiner scheinbar unendlichen Langlebigkeit Ungerechtigkeit und Anmaßung vorwerfen. Innenministerium und Polizeibehörde haben den alten Mann deshalb unter Polizeischutz gestellt, den Inspektor Vincenzo Gizzi mit seinem Team gewissenhaft wahrnimmt. „Er ist aufrichtig und ehrlich. Er wird keine Karriere machen“, denkt Enrico über seinen Beschützer.
Dieser ironische Ton, mit dem der alte Mann über seine Mitmenschen urteilt und ebenso auf sein Leben zurückblickt, sind die Würze dieses einerseits sehr humorvollen und deshalb sehr unterhaltsamen, andererseits aber durchaus philosophisch tiefgründigen Romans. „Wenn ich Bilanz ziehe, muss ich sagen, dass ich insgesamt viel länger alt als jung gewesen bin.“ Es ist dieser ungewöhnliche Altersabstand, der es Enrico möglich macht, mit aller Gelassenheit und Sorglosigkeit die lautstarken und schließlich in Gewalt ausartenden Demonstrationen vor seinem Haus in seinem Lieblingssessel auszusitzen.
Diesen fast märchenhaft anmutenden Zustand nutzt Marco Presta in seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman, um mit Ironie und Sarkasmus manche Absurditäten in unserem Alltag aufzuzeigen, dabei auf subtile Weise gesellschaftliche Normen zu kritisieren oder unsere eigenen Werte und Einstellungen zum Leben zu hinterfragen – vor allem unsere Einstellung zum Alter und unseren Umgang mit alten Menschen. Dies formuliert der Autor aber nicht mit bedrückender Direktheit und Härte, sondern zeigt in seiner sozialkritischen Satire die Menschen in ihrer Unvollkommenheit und in skurrilen Situationen. Mit seinem lockeren Sprachstil und amüsanten Dialogen lässt uns Presta schmunzeln. Der Humor hilft, die eigentlich ernste Thematik unseres eigenen Alterns und unseres Umgangs mit alten Menschen in zunehmend alternder Gesellschaft zu entschärfen. Diese ungewöhnlich leichte Art, sich literarisch mit dem für viele Leser vielleicht nur unbewusst, für andere aber tatsächlich belastenden Thema humorvoll zu beschäftigen, macht Prestas lesenswerten Roman im Vergleich mit anderen literarischen Werken zu etwas Besonderem.
Der eher belanglos klingende Titel „Methusalem kauft Artischocken“ mag manchen davon abhalten, sich diesen italienischen Roman als Lektüre vorzunehmen. Doch wäre es schade. Tatsächlich kommt die Erzählung zwar fast ohne Handlung aus. Denn worauf es in diesem Roman ankommt, sind die episodenhaften Erinnerungen des alten Mannes, seine daraus resultierenden Erkenntnisse und Kommentare: „Als die Berliner Mauer fiel, stand ich kurz vor meinem hundersten Geburtstag. Ich erinnere mich noch an die Fernsehbilder, die ansteckende Begeisterung, all die Menschen, die Bruchstücke der Mauer als Andenken aufsammelten. Oder um sie später wieder aufbauen zu können, wer weiß.“
Enricos geliebte Artischocken nutzt Marco Presta als Gleichnis für die Vielschichtigkeit des Lebens und die Mühsal, trotz aller Komplexität dessen Sinn und Kern zu erkennen, wozu wohl nur ein alter Mensch fähig zu sein scheint. Presta eröffnet mit Enricos Monologen viele Fragen über das Leben, das Altern und unsere moderne Gesellschaft, verzichtet als Autor aber selbst auf konkrete Antworten. Vielmehr fordert er auf diese Weise seine Leser auf, selbst nachzudenken und nach Antworten zu suchen. Doch eine wichtige Botschaft dieses „Methusalem“, nämlich sich im Leben nicht allzu wichtig zu nehmen, ist eindeutig: „Das Leben eines Menschen ist wie ein Haufen Spinat, nach dem Kochen bleibt nicht mehr viel übrig.“
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