Rezension
Deutschlandfunk Kultur, Jörg PlathIn ihrem Debüt erzählt Elli Unruh, die 1987 in Kasachstan geboren wurde, in Süddeutschland aufwuchs und im Deutschen Literaturarchiv Marbach arbeitet, als ob sie nie etwas anderes getan hätte. ›Fische im Trüben‹ erzählt von einer untergegangenen Zeit in einer ländlichen Umgebung in Kasachstan. Sentimentalität kommt dennoch nicht auf. Der Roman ist voller Konkreta und atmosphärisch dicht. Weil Unruh den Figuren meist nah ist und der Tonfall dem Mündlichen angenähert, entsteht der Eindruck großer Unmittelbarkeit. Er verdankt sich auch einer ungewöhnlichen Sprache mit altertümlichem Deutsch, dem Plautdietsch. Ein erstaunliches, ganz und gar ungewöhnliches Buch.26.9.2025
NDR Kultur, Annemarie StoltenbergElli Unruh erzählt in ihrem hervorragenden Debütroman von einer Familie, die als Mennoniten ihre Heimat in Kasachstan verlassen hat. In ihrer poetischen Sprache versteht die Autorin diese Welt heraufzubeschwören. Die Trakehner Pferde, Esel, Hühner und Hunde spielen eine große Rolle – und die Menschen, die gegen Not und Hunger kämpfen müssen. Manche Dialoge schreibt sie in Plautdietsch, jener Sprache, die ein wenig wie altertümliches Deutsch wirkt und in Mennoniten-Gemeinden weltweit noch heute gesprochen wird. Manche Begriffe sind aus dem Russischen übernommen. So meint man, einen oft zärtlich sanften Erzählton zu hören in diesem auch handwerklich hervorragend gestalteten Band.18.11.2025
DAZ Deutsche Allgemeine Zeitung, Elli Unruh im Interview mit Artur RosensternDie deutsche Mehrheitsgesellschaft kennt die Geschichten der eingewanderten Russlanddeutschen kaum, dabei dürfen wir die eigene Geschichte als Bereicherung begreifen, als einen Expertenstatus für einen Teil europäischer Geschichte, von dem die Mehrheitsgesellschaft höchstens eine Ahnung hat. Für mich ist das Schreiben ein Zustand zwischen Trotz und Hoffnung. Wenn ich die Zeit schon nicht aufhalten kann, dann will ich mich wenigstens nicht der Sprachlosigkeit darüber schuldig machen.7.12.2025
Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg»Fische im Trüben«, in den 1980er Jahren angesiedelt, erzählt mit Gelassenheit und großer sprachlicher Sicherheit vom Alltag in der Steppe. Das Sprachgemisch wird durch Einsprengsel plastisch, russische wie auch plautdietsche Begriffe. Die Kapitel sind lose, aber mit Geschick gefügt. Elli Unruh stellt eine Welt vor, die sie selbst nicht mehr kennt, sie hat recherchiert und ihren Verwandten tausend Fragen gestellt. Vielleicht gelingt auch dadurch diese nostalgiefreie Mischung aus Sinnlichkeit und Distanz. Die Poesie der Nüchternheit liegt über diesem souveränen Debütroman.13.1.2026
MDR Kultur Buchkritik, Ulrich Rüdenauer, 25.2.2026Ein bemerkenswertes Debüt. Bemerkenswert ist der Roman in vielerlei Hinsicht: Da ist eine Welt, die sie beschreibt und die nur sehr wenigen Menschen bekannt sein dürfte. Aus 3 Perspektiven blicken wir auf eine Mennonitengemeinde, wir bekommen Einblick in eine von eigenen Riten und Traditionen geleitete Truppe, die in der Sowjetunion nicht wohl gelitten ist und sich gegen allerlei Schikanen wehren muss … Das eigentlich Besondere aber ist Elli Unruhs Ton. Sie erzählt mit traumwandlerischer Leichtigkeit und poetischem Gespür. Man kann kaum glauben, dass die Autorin nicht selbst dabei gewesen ist, aber gerade mit ihrer atmosphärisch-prägnanten Sprache schafft sie eine verschwundene Lebenswirklichkeit neu. Die kindliche Perspektive des neunjährigen Kocha, jenes seiner Tante Hedi, deren erste Liebessehnsucht ausgerechnet einem Russen gilt und die des alten Heinrichs. Es sind ganz unterschiedliche Wahrnehmungsweisen: Unbekümmertheit und Neugier, Sorgen und Wissen um die menschliche Grausamkeit, die gerade in den 1940er Jahren allgegenwärtig war. Nach und nach entsteht so ein Panorama, das Dunkle, die Anfeindungen, die Vertreibung, das lässt Unruh auf fast beiläufige Weise einfließen, aber es grundiert das Leben der Menschen.
Deutschlandfunk Kultur, Wiebke Porembka, 25.2.2026Vergleichsweise überraschend ist die Nominierung des Debüts »Fische im Trüben« von Elli Unruh, der im Programm des kleinen, seit mehr als vier Jahrzehnten unkorrumpierbaren Transit Verlags erschienen ist. Elli Unruh hat für ihren Roman eine klare, bildhafte Sprache gefunden, die sie allerdings durch russische Einsprengsel und vor allem durch Wendungen aus dem Plautdietschen, dem Dialekt der Mennoniten, zu einer eigenwilligen Kunstsprache verdichtet. Mit dieser Nominierung hebt die Jury einen Titel hervor, den es noch zu entdecken gilt.
NOMINIERT FÜR DEN PREIS DER LEIPZIGER BUCHMESSE 2026. Die Begründung der Jury: Gehen oder bleiben, sprechen oder so lange schweigen, bis keine Zeit für einen Abschied bleibt? Elli Unruh erzählt klug, ergreifend und ohne jede Romantik von einer besonderen Kultur und findet dafür eine unerhörte Sprache, die alles zusammenfügt, was der Roman vor unseren Augen ausbreitet. Damit erschließt sie uns eine Welt, die fremd und mittlerweile versunken ist. Im Roman leuchtet sie in einer lebenssatten Frische, die ihresgleichen sucht.
Susanne Lang stellt mit großer Begeisterung im rbb Radio 3 Elli Unruhs Debütroman »Fische im Trüben« vor und endet eindringlich mit: »Eine dringende Leseempfehlung! Elli Unruh erzählt unaufgeregt, ohne Verklärung, mit leichter Melancholie in einer poetischen aber auch lakonischen Sprache. Es sind Erzählungen aus dem Familienkreis und der Dorfgemeinschaft oder die Aufzeichnungen ihrer Urgroßmutter, die sie inspiriert haben. Diese Alltäglichkeiten fügt sie zu einem großen Geschichtspanorama zusammen und zeigt damit auf sehr eindrucksvolle Weise wieder einmal, welche Kraft Literatur entfalten kann.
MDR und DEUTSCHLANDFUNKPODCAST: Unter Büchern stellt vor: Die Belletristik-Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse, 11.3.2026Ein Gespräch Elli Unruh mit Jörg Plath: »Es ist ein sehr eigener Ton, in dem Elli Unruh schreibt. Ein fast märchenhafter Anfang, die Beschreibung einer Apfelplantage, wenn nicht dazu der Satz käme: ›Die friedlichste aller Armeen.‹ Das Buch scheint wie tastend, nur nach und nach rücken die 3 Protagonisten ins Zentrum, die wiederum über die Verwandtschaft miteinander verflochten sind. Das wirkt sehr organisch. Dieser schweifende Ton ist ungewöhnlich und sehr, sehr schön.
Stuttgarter Nachrichten, 13.3.2026Unter der Headline »›Fische im Trüben‹ – der wunderbare Fischzug der Stuttgarter Autorin«, schwärmt Kritiker Stefan Kister von dem Roman: »Elli Unruh arbeitet im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Offenbar setzt der Umgang mit den Hinterlassenschaften des literarischen Lebens eine besondere, inspirierende Kraft frei. Denn hier begann vor einigen Jahren auch die Karriere von Iris Wolf. Erstaunlich, mit welcher geradezu ethnologischen Präzision in ›Fische im Trüben‹ eine versunkene Alltagswelt zum Leben erweckt wird. Aus anekdotischem Material entstehen nicht nur einprägsame Szenen, sondern gestochen scharfe Bestandsaufnahmen der Mentalitätsgeschichte einer religiösen Gemeinschaft, die sich gegen eigene Borniertheiten, vor allem aber gegen eine feindliche Umwelt wappnen muss. Gleichzeitig ist der Roman in seiner rauen, unbestechlichen Imaginationskraft auch ein heiteres Buch.