Der Taxifahrer Jürgen Krause ist zunächst nicht sonderlich angetan von seinem Fahrgast, einem älteren, etwas arroganten Herrn mit düster-melancholischer Ausstrahlung, der sich als Federico Temperini vorstellt. Doch allmählich gewährt ihm sein Gast Einblicke in sein einsames Leben und seine Obsession mit dem »Teufelsgeiger« Niccolò Paganini. Krause wird neugierig, und eine Art Freundschaft entwickelt sich zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern.
Dabei hat Krause ganz andere Sorgen, denn seit seine Ex-Frau wieder einen Lebensgefährten hat, fürchtet er den Kontakt zu seinem jugendlichen Sohn Leo zu verlieren. Es dauert eine Weile, bis er merkt, dass die Gespräche mit dem älteren Herrn auch ihm guttun. Als Temperini stirbt, setzt Krause einiges zu seinen Ehren in Bewegung.
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Sehr gehaltvoll!
Anna am 30.07.2025
Bewertungsnummer: 2554059
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Auf den Hinfahrten war er einsilbig, auf den Rückfahrten gesprächiger, ein aufrecht sitzender, strenger Richter in Schwarz, der den Daumen über Geiger und Pianisten häufiger senkte als er ihn hob.“
So beschreibt der Taxifahrer Jürgen Krause seinen etwas außergewöhnlich wirkenden Fahrgast Federico Temperini. Regelmäßig ruft der alte Mann neuerdings bei ihm an und lässt sich in die Philharmonie fahren.
Allmählich entwickelt sich eine Nähe zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Beide sind auf ihre Art und Weise einsam. Jürgen Krause vermisst seinen Sohn, der mit seiner Ex-Frau und ihrem neuen Mann in einer anderen Stadt lebt. Temperinis große Leidenschaft gehört dem sogenannten Teufelsgeiger Nicolò Paganini, den er immer wieder erwähnt, aber unter den Lebenden scheint es niemanden zu geben, der ihm nahesteht.
Das ganze Buch hindurch fragt sich Jürgen Krause, wer Federico Temperini eigentlich ist und warum „der Alte“ ausgerechnet ihn als Chauffeur gewählt hat.
Ich würde es aber nicht vordergründig als ein spannendes Buch bezeichnen. Vielmehr als eines, das mit großer sprachlichen Vielfalt zwei Leben lebendig werden lässt, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Die Empathie, die beide allmählich füreinander empfinden, äußerst sich oft nur in kurzen Sätzen oder Gesten, aber dadurch wird sie so besonders. Insbesondere Jürgen Krause entwickelt tiefe Gefühle für Temperini, was vor allem zum Schluss hin deutlich wird.
Es geht um Verlust, Einsamkeit, Väter und Söhne und um Musik, wobei die Themen miteinander verwoben sind. „Schwarzer Schwan“ ist eines dieser Bücher, das viel Gesprächsstoff liefert, weil es so gehaltvoll ist. Es entfaltet sich umso mehr, wenn man es langsam liest, jedenfalls ging es mir so. Ich habe jeden Satz genossen!
Die Reinkarnation Paganinis
MarieOn am 12.08.2025
Bewertungsnummer: 2565294
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Jürgen Krauses Telefon klingelt, als er schon die Treppe herunter zu seinem ersten Fahrgast eilt. Federico Temperini hört er, dann Schweigen, so als sei damit schon alles gesagt. Ja? Und? antwortet er etwas schärfer als eigentlich beabsichtigt. „Ich suche einen Chauffeur für zwei Abende pro Woche.“ „Also Sie wollen Taxifahrten bestellen.“ „Ich suche einen Chauffeur.“ Krause versucht ihn abzuwimmeln.
Bei Temperinis zweitem Versuch erklärt er, dass der Fahrer von 19 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung stehen sollte, natürlich für gutes Geld. Krause weiß, dass er den ungewöhnlichen Auftrag annehmen wird. Dieses Extrageld wird er zur Seite legen, um mit seinem Sohn mit dem Wohnwagen durch Kanada zu fahren.
Irene ist mit Leo zu ihrem Neuen gezogen. Sie hielt seine Nachtfahrten nicht mehr aus. Jetzt sieht er Leo nur noch am Papawochenende. Er hatte Irene an der Fachhochschule für Verwaltung kennengelernt. Sie wurde schwanger und während sie im Krankenhaus war, um Leo auszutragen, versemmelte er drei von vier Prüfungen, weil seine Angst zu versagen ihm alle Gedanken stahl. Und so kam er zum Taxifahren.
Temperini hatte ihn letzte Woche für heute bestellt. Als Krause vor seiner Haustür hält, steht schon ein großer hagerer Schatten seiner selbst davor. Temperini macht keine Anstalten, einen Fuß auf den Bürgersteig zu setzen. Krause steigt aus, geht auf den Mann zu, erst da setzt der sich in Bewegung. Er bleibt vor der hinteren Türe stehen, wartet, dass Krause sie öffnet, dann steigt er ein. Von hinten schiebt er umständlich einen gefüllten Umschlag auf den Beifahrersitz, Krauses Honorar. Zur Philharmonie, sagt der Alte. Krause beobachtet ihn verstohlen im Rückspiegel. Temperini fragt ihn, ob er von Niccolo Paganini, dem Teufelsgeiger gehört habe. Am Rande antwortet er, nicht ahnend, dass er bald mehr über den Geiger erfahren wird, als ihm lieb ist.
Fazit: Theres Essmann hat mit dieser Debütgeschichte 2020 ein Stipendium gewonnen. Sie hat ihrem Protagonisten aus der Gegenwart diesen Gegenpol aus Alter, Kultur und Bildung, den so viel Geschichte umweht, entgegengesetzt. Zuerst findet dieses ungleiche Paar keinen großen Anklang aneinander. Doch mit jeder Fahrt zur Philharmonie, in Parks oder auf Friedhöfe kommen sie sich zwangsläufig näher. Krause, umgeben von ganz eigenen weltlichen Problemen, wie der Angst, den geliebten Sohn an den Stiefvater zu verlieren, lernt den alten Mann als Gesprächspartner schätzen. Die Autorin schafft es alle Beteiligten authentisch miteinander zu verweben, den eifersüchtigen Vater, den Sohn, der unter diesem Konkurrenzkampf leidet, die eigensinnige Ex-Frau, wenige Freunde und den einsamen alten Mann, der fast wie die Reinkarnation Paganinis wirkt. Die Erzählung verläuft ruhig, unaufgeregt und das Ende hat mich sehr berührt. Ich mochte den Folgeroman „Dünnes Eis“ ein wenig lieber.
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