»Cristina Rivera Garza hat etwas fast Magisches geschrieben: den Versuch, das Leben von Liliana wiederzuerlangen. Dieses Buch ist eine Offenbarung.« Mariana Enriquez
»Lilianas unvergänglicher Sommer« ist das intime und zugleich vielschichtige Porträt einer Schwester. Es ist die aufwühlende Suche nach den Spuren einer jungen Frau. Es ist der unbedingte Wunsch, nach dem und über das Grauen zu schreiben und die eigene Trauer zuzulassen. Es ist ein funkelndes literarisches Werk von weltweiter Strahlkraft.
Liliana kann besser schwimmen als ihre ältere Schwester, ist größer und aufgeschlossener. Sie hat einen festen Freund, sie studiert, schlägt sich die Nächte mit ihren Freundinnen um die Ohren. Sie trennt sich von ihrem Freund, lernt, geht ins Kino. Und dann: wird Liliana Rivera Garza ermordet. Der Täter ist ihr Ex-Partner, seither nicht verurteilt. 29 Jahre später kehrt die preisgekrönte Autorin Cristina Rivera Garza aus den USA nach Mexiko zurück, um sich dem Andenken an ihre Schwester Liliana zu widmen. Doch der Erinnerung an Liliana, an die Unbeschwertheit ihrer Jugend, an ihr Leben und ihr Sterben steht die Bürokratie der Justiz entgegen – und die Sprache. Die Sprache, um die Cristina Rivera Garza ringt, ist eine, die es nicht gibt, die es nicht geben kann, die es geben muss. Es ist eine Sprache, in der ein zu früh verlorenes Leben verstanden werden kann. Und die den Lebensfunken einer jungen, ausgelöschten Frau neu entfacht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
105 Bewertungen
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
1 Sterne
(0)
Das Unverständliche literarisch auszuhalten
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 16.12.2025
Bewertungsnummer: 2678877
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Lilianas unvergänglicher Sommer“ ist kein Buch, das man einfach liest. Es ist ein Buch, das einen festhält, das nachhallt, das sich dem schnellen Urteil entzieht. Cristina Rivera Garza schreibt über den Mord an ihrer Schwester Liliana – und zugleich über die Unmöglichkeit, diesen Mord jemals zu verstehen oder zu „erklären“.
Neunundzwanzig Jahre nach dem Femizid kehrt die Autorin aus den USA nach Mexiko zurück, um Einsicht in die Ermittlungsakten zu erhalten. Was folgt, ist ein kafkaeskes Ringen mit der Bürokratie, mit verschwundenen Dokumenten und einer Justiz, die versagt hat. Doch dieses Buch ist weit mehr als ein Bericht über institutionelles Scheitern. Es ist ein hybrides Erinnerungsbuch, das Archivmaterial, Briefe, Zeug*innenstimmen, poetische Passagen und essayistische Reflexion miteinander verbindet.
Besonders stark ist die literarische Form. Rivera Garza erzählt nicht linear, sondern tastend, fragmentarisch, suchend. Zunächst stehen die Akten im Zentrum, dann die Briefe Lilianas, später die Stimmen von Freundinnen und Kommilitoninnen. Gegen Ende treten die Eltern zu Wort, bevor schließlich die Autorin selbst spricht. Diese letzten Passagen gehören zu den eindringlichsten, die ich seit Langem gelesen habe. Es gibt Stellen, die man kaum lesen kann, ohne dass die Augen brennen. Die Trauer wird nicht erklärt – sie wird körperlich erfahrbar.
Gerade weil Rivera Garza so literarisch schreibt, entfaltet das Buch seine große emotionale Wirkung. Es ist gefühlvoll, ohne sentimental zu sein. Präzise, ohne kalt zu werden. Die Sprache sucht nach einem Ausdruck für etwas, das sich eigentlich jeder Sprache entzieht: den Verlust eines geliebten Menschen durch Gewalt. Immer wieder ringt der Text mit der Frage, wie man schreiben kann, ohne zu verraten – und wie man erinnern kann, ohne zu vereinnahmen.
In den Stimmen der Freundinnen und Weggefährtinnen wird Liliana häufig als außergewöhnlich beschrieben – klug, lebendig, beliebt, von vielen geliebt. Diese beinahe ikonische Darstellung hat mich kurz innehalten lassen. Nicht, weil sie unglaubwürdig wäre, sondern weil sie letztlich nicht entscheidend ist. Ein Femizid bleibt ein Femizid – unabhängig davon, wie besonders, klug oder liebenswert eine Frau war. Gerade diese
Überhöhung macht noch einmal schmerzhaft deutlich, wie falsch jede implizite Logik ist, die Wert oder Bedeutung eines Lebens gegeneinander aufrechnen will. Vielleicht liegt genau darin die verstörende Wirkung dieser Passagen.
Lilianas unvergänglicher Sommer liefert keine Antworten, keine Erlösung, keinen Abschluss. Es bleibt bei der Ungerechtigkeit, bei der Leerstelle, bei der Trauer. Doch genau darin liegt seine literarische Kraft. Dieses Buch zeigt, was Literatur vermag, wenn sie sich der Trauer wirklich aussetzt: erinnern, aushalten, widersprechen. Es ist ein stilles, wütendes, zutiefst menschliches Buch – und eines, das man nicht so schnell wieder loswird.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
Ganz nah dran…
Bewertung aus Aachen am 24.10.2025
Bewertungsnummer: 2634688
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Selten habe ich so lange für ein Buch gebraucht. Aber keineswegs, weil es so langatmig war!!! Im Gegenteil. Dieses Buch ist so intensiv und tief gehend, wie Buchstaben auf Papier nur sein können. Dabei versucht Cristina Rivera Garza so sachlich, wie möglich, über das Leben und den Tod ihrer Schwester Liliana zu berichten. Frei von Klagen und ohne pathetisch zu werden, gelingt ihr dieses eindringliche Porträt einer jungen, lebensfrohen Frau, die einem grauenvollen Schicksal erlag. Ich dachte, ich sei die richtige Person für dieses Buch, da ich beruflich bedingt schon viel zu viele Akten über Femizide gelesen und mit zahlreichen Tätern intensiv über diese gesprochen habe.
Auch gab es in meinem persönlichen Umfeld bereits zwei Morde an jungen Frauen, die auch mein Leben geprägt haben.
Und wer von uns Damen war noch nicht selbst Opfer sexuell motivierter Übergriffe?!?
Aber auf dieses Buch kann man nicht gefasst sein!
Völlig unaufgeregt schafft die Autorin eine solche Fusion von Eindringlichkeit, Intimität, Lebendigkeit und Tiefgang, dass es einerseits schwer zu ertragen und andererseits faszinierend ist, da man sich so sehr mit Opfer und Angehörigen identifizieren kann, dass man die Geschichte selbst durchlebt.
Schaurig schön verarbeitet die Autorin Durchlebtes in ihrer Niederschrift des Verbrechens an ihrer quirligen, klugen und vor allem lebendigen Schwester.
Warnen sollte man allerdings vor dem Klos im Hals, den man auch Tage danach noch nicht los wird…
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.