Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter?
Warum sehnen wir uns nach der »guten alten Zeit«? Agnes Arnold-Forster führt uns auf eine faszinierende Reise durch die Geschichte der Nostalgie - von ihrer »Entdeckung« im 17. Jahrhundert in der Schweiz, wo sie als Krankheit galt, bis zu ihrer modernen Rolle als Marketing- und Politikinstrument. Die renommierte Historikerin zeigt, wie Nostalgie Ängste spiegelt, Erinnerungen prägt und uns zugleich bei heutigen Herausforderungen hilft. Ein Buch für alle, die verstehen wollen, warum uns die Vergangenheit nie loslässt.
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Den Begriff sehr weit gefasst
Bewertung aus Hünenberg am 08.11.2025
Bewertungsnummer: 2648535
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer wissen möchte, was Nostalgie ist und was nicht, findet in diesem Buch Antworten. Für meinen Geschmack jedoch zu viele. Die britische Autorin fasst den Begriff der Nostalgie nämlich so weit, dass er sich nahezu in Luft auflöst und kaum noch zu fassen ist. Nostalgie ist bei Agnes Arnold-Forster fast alles. Um nicht bei den Ägyptern einsetzen zu müssen, beginnt sie mit der erstmaligen Erwähnung des Wortes – also 1688 – und dem Schweizer Arzt Joannes Hofer.
Unter Nostalgia verstand man zum Beispiel: Das Leiden europäischer Söldner, die fern der Heimat kämpften; die Melancholie junger Frauen, die sich als Dienstmädchen verdingten; Lethargie, Depressionen, Schlafstörungen, Herzrasen, Demenz und Verweigerung von Nahrung. Körperliche Symptome hatten damals auch versklavte Afrikaner. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor Nostalgie ihre medizinische Bedeutung und konnte nicht mehr als Todesursache gelten.
Gegen die Beschreibung einer Entwicklung und Bedeutungsverschiebungen ist natürlich nichts einzuwenden. Doch die Autorin belegt ihre Thesen mit so vielen Geschichten, Namen und historischen Exkursen, dass selbst geduldige Leserinnen und Leser den Faden verlieren. Mich hat die Lektüre jedenfalls erst nach hundert Seiten und mit dem Kapitel „Die Psychologie der Nostalgie“ wieder in den Bann gezogen. Doch so richtig auf den Punkt kommt sie bei diesem Thema ebenfalls nicht. Ohne auszuschweifen kann Agnes Arnold-Forster offenbar kein angekündigtes Thema so bearbeiten, dass ich die wichtigsten Thesen wiederholen könnte. Lese ich die Biographie der jungen Autorin, wundert mich dieses Verzetteln nicht mehr. Denn auf ihrer Webseite schreibt sie: „I have written, researched, and presented on everything from …“ Und danach folgen so viele Themen, dass daraus noch Dutzende Sachbücher werden könnten.
Dank Agnes Arnold-Forster unternahm ich verschiedene Zeitreisen und versuchte mich daran zu erinnern, was ich in den 1970er Jahren Nostalgisches unternahm. Denn offenbar suchte Nostalgie die westliche Welt bis in die 1980er Jahre heim. Ich hätte diese Welle später verortet. Allerdings schreibt die Autorin für britische Leserinnen und Leser und gesteht auch ein, dass sich sozialwissenschaftliche und psychologische Analysen der Nostalgie nur bedingt auf andere Länder und Kulturen übertragen lassen. Auch die meisten Beispiele und Anekdoten stammen aus dem Land, in dem Agnes Arnold-Forster aufwuchs, studierte und heute arbeitet. Daher kommt auch der Brexit nicht zu kurz.
„Wie man ein Gefühl zu Geld macht“ lautet das sechste Kapitel. Da ich selbst in der Werbe- und Marketingwelt zuhause bin, freute ich mich natürlich, dass der geniale Regisseur Ridley Scott zu einem Auftritt kommt. Ich habe allerdings Zweifel, ob die Leserschaft im deutschsprachigen Raum mit den Beispielen von Agnes Arnold-Forster viel anfangen kann. Spannend fand ich, wie Arnold-Forster zwischen persönlicher und historischer Nostalgie unterscheidet. Letztere bedeutet die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die man selbst neu erlebt hat. Damit steht sie für den Wunsch, dem Hier und Jetzt zu entfliehen. Den Konsumenten soll dies ermöglichen, „in einer ruhmreichen Vergangenheit zu schwelgen in der Hoffnung, dass auf wundersame Weise etwas davon auf sie abfärbt.“ Im Namen der Nostalgie blüht bis heute auch das Storytelling, leider oft genug mit völlig erfundenen Geschichten.
Mein Fazit: Die Autorin kommt nach ihrer Reise durch verschiedene Kulturen, Wissenschaftsgebiete und Jahrhunderte zu dem Schluss, dass es fast so viele Formen von Nostalgie gibt, wie Menschen sie freudig oder traurig wahrnehmen. Das mag wissenschaftlich korrekt sein, schmälert jedoch den Lesegenuss. Denn letztlich bleibt doch allzu viel offen. Wer jedoch mit Unbestimmtheit umgehen kann, gerne Geschichten über nostalgische Gefühle jeglicher Art liest und der Autorin den Schwerpunkt „British“ verzeiht, wird Agnes Arnold-Forster für ihre Recherchen dankbar sein.
Warum die gute alte Zeit so verführerisch und gefährlich ist
Alrik Gerlach aus NordWestMecklenburg am 06.11.2025
Bewertungsnummer: 2647054
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nostalgie hat was Heimliches. Schleicht sich an, flüstert vom „Früher war alles besser“ – und schon sitzt man in der Falle. Agnes Arnold-Forster gräbt in ihrem Buch tief in diesem Gefühl und zeigt, dass Nostalgie mehr ist als nur Retro-Romantik oder die Sehnsucht nach alten Zeiten. Sie erzählt, wie das Ganze im 17. Jahrhundert als regelrechte Krankheit begann und sich dann Schritt für Schritt zu einem Werkzeug für Politik, Werbung und Identität entwickelt hat.
Besonders spannend: wie geschickt die Autorin historische Forschung mit aktuellem Denken verbindet. Keine trockene Theorie, sondern lebendige Geschichten, die einem beim Lesen plötzlich vertraut vorkommen. Wer wissen will, warum Menschen an alten Idealen festhalten oder warum Retro-Designs so gut funktionieren, bekommt hier ordentlich Futter fürs Hirn – mit Witz, Haltung und einer Prise Melancholie.
Das Buch schafft es, kritisch zu sein, ohne den Spaß zu verlieren. Es zeigt, wie Nostalgie Angst, Macht und Hoffnung mischt, ohne gleich in kulturpessimistisches Gejammer abzurutschen. Genau das macht es so lesenswert.
Kleine Schwäche: Manche Beispiele wiederholen sich, und wer tief in psychologische Mechanismen eintauchen will, wird etwas zu kurz kommen. Doch unterm Strich überzeugt das Konzept – fundiert, unterhaltsam und mit viel Gespür für Zwischentöne.
Fazit: Ein kluges, charmant erzähltes Sachbuch über ein Gefühl, das jeder kennt, aber kaum jemand versteht. Vier Sterne für eine Reise durch die Vergangenheit, die ganz schön viel über die Gegenwart verrät.
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