Hedwig ist eine unverheiratete Frau, die auf dem Land als Grundschullehrerin arbeitet. Doch schon in jungen Jahren meldet sie sich immer häufiger krank. Der Pfarrer sieht in ihr eine verirrte Seele, der Arzt eine Nervenkranke – und die Familie versteht sie nicht. Hedwig führt ein stilles, einsames Leben an der Zeitenwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Umso mehr verstören ihre Ausbrüche die Menschen um sie herum. Unter der NS-Diktatur schließlich ist sie als psychisch kranke Frau ihres Lebens nicht mehr sicher.
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
05.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn die Stille schreit
Schon auf den ersten Seiten fühlt sich dieses Buch an wie ein leises Grummeln im Ohr — ungefähr so, als würde jemand im Nebenzimmer einen alten Schrank aufmachen und vergessene Geschichten herausstauben. Hedwig ist keine Heldin im klassischen Sinn; sie ist eine Frau, die in den Ritzen der Zeit steckt, und genau das macht sie so elektrisierend. Christoph Poschenrieder beschreibt ihr Leben als Grundschullehrerin auf dem Land mit einer Beobachtungsgabe, die gleichzeitig zärtlich und messerscharf ist. Da ist dieses ständige Missverstehen: der Pfarrer, der Arzt, die Familie — alle haben ihre Diagnose parat, aber niemand hört wirklich zu. Das schmerzt. Und ja, manchmal muss man schlucken, weil die stille Wucht der Szenen einen erwischt, wenn man gerade denkt, man hätte den Ton erfasst.
Die Sprache ist unaufgeregt, aber nie kalt; sie hat diese trockenen, fast ironischen Spitzen, die mich lächeln lassen mussten, obwohl mir das Herz schwer wurde. Kleine Alltagsdetails — ein Schulranzen, ein verstaubtes Muster im Tapetenstoff, eine Telefonstimme — werden zu Fenstern in Hedwigs Innenwelt. Besonders stark: wie die Geschichte die Zeitenwende ins Bild setzt, ohne kitschig zu werden. Dann kommt die finstere Wendung unter der NS-Diktatur, und plötzlich wird aus dem Familiendrama ein Riesenproblem der Ohnmacht. Gradlinig erzählt, doch mit überraschenden Seitenblicken auf menschliche Verletzbarkeit.
Kurz gesagt: kein Wohlfühlbuch, aber eines, das nachklingt. Wer Sprache mag, die nicht laut sein muss, und Figuren, die innerlich kämpfen, findet hier einen Roman, der beides zusammenbringt — Humor, der aus Bitterkeit wächst, und Momente von echter Traurigkeit. Für mich: unbedingt lesen.
SimoneF
5/5
19.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
feinfühlig erzählt
Christoph Poschenrieder begibt sich auf Spurensuche im Leben seiner Großtante Hedwig, Jahrgang 1884. Wenig ist zunächst bekannt über die Frau, die zeitlebens alleinstehend blieb, überaus fromm war und bereits als junge Frau zunehmend nervenkrank wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird dies für Hedwig lebensbedrohlich.
Poschenrieder stützt sich bei seiner Recherche vor allem auf die Aufzeichnungen von Hedwigs Schwester Marie und Briefe. Da diese vor allem die frühen Jahre abdecken, bleibt ein großer Teil von Hedwigs Leben im Dunkeln bzw. spekulativ. Der Autor macht jedoch stets kenntlich, wo er sich auf Quellen bezieht und wo er behutsam eigene Vermutungen anstellt.
An Hedwigs Leben wird deutlich, welchen enormen Einfluss damals die Kirche besaß, sowohl als gesellschaftlich als auch in Bezug auf die persönliche Entwicklung insbesondere junger Frauen. Kirchliche Moralvorstellungen trugen massiv zur systematischen Unterdrückung von Frauen bei und waren Teil der patriarchalen Strukturen. Generell hatten Mädchen zurückzustecken und, wenn nötig, zum Familieneinkommen beizutragen, um den männlichen Geschwistern ein Studium zu ermöglichen. Das wurde als so selbstverständlich wahrgenommen, dass den Brüdern später nicht einmal in den Sinn kam, sich dankbar zu zeigen und sich ihrerseits um die Schwestern zu kümmern. Hedwig steht so exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation, die qua Geschlecht in besonderem Maße fremdbestimmt und in den Möglichkeiten, die sich ihnen boten, benachteiligt waren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches ist Hedwigs sich mit den Jahren verschlimmernde psychische Erkrankung, die sich während des Nationalsozialismus zu einem großen Risiko entwickelt. Auch hier wird an Hedwigs Beispiel der menschenverachtende Umgang der Nazis mit Nervenkranken deutlich.
Man spürt, wie nahe Christoph Poschenrieder das Schicksal von Hedwig geht, und sein feinfühliger, ruhiger und nachdenklicher Schreibstil gefiel mir auf Anhieb. Gerade die sachliche, um Authentizität bemühte Herangehensweise hat mich mehr berührt als dies ein historischer Roman gekonnt hätte.
Bewertung
aus Bern
5/5
17.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
traurig und liebevoll
Hedwig, geboren am 3.März 1884, gestorben am 25.Juli 1944.
Der Autor macht sich auf die Suche nach dem Leben seiner Grosstante Hedwig über die nie viel gesprochen wurde. Anhand von Postkarten, Briefen, Zeugnissen und dem wenigen, was er von Hedwigs Schwester Marie weiss, zeichnet er das Leben einer unverheirateten Frau auf, die als Grundschullehrerin auf dem Land arbeitete, oft krank war und schliesslich ausser Dienst gesetzt werden musste. Hedwig war nervenkrank und lebte bis kurz vor ihrem Tod mit ihrer Schwester zusammen. 1944 wird sie in eine Klinik eingewiesen und nur wenige Wochen später ist sie tot …
Mit diesem traurigen, liebevollen und notwendigen Buch setzt Christoph Poschenrieder nicht nur seiner Grosstante ein Denkmal.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
15.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Rekonstruktionsversuch eines Lebens anhand weniger Quellen
"Fräulein Hedwig" war die Großtante von Christoph Poschenrieder. Selbst ist der Autor 1964 geboren, während sie nur bis zu den 1940er-Jahren lebte - persönlich hat er sie also nicht mehr kennen gelernt. Hedwig hatte eine Schwester, Marie, und zwei Brüder, einer von letzteren der Großvater des Autors. Marie wiederum hat sich viel um die ältere, psychisch erkrankte Schwester gekümmert, und nach deren Tod damit begonnen, die Familiengeschichte aufzuschreiben - ein Vorhaben, das unvollendet geblieben ist.
Basierend auf Maries Notizen und eigenen Quellenforschungen versucht der Autor nun, in diesem Buch das Leben seiner Großtante Hedwig nachzuzeichnen. Wir finden Auszüge aus ihren Krankenakten, Bittbriefe der Mutter an das Staatsministerium um finanzielle Unterstützung nach dem frühen Tod des Familienvaters, Briefe von anderen Familienangehörigen und eben Maries unvollendete Familiengeschichte. Sehr sorgfältig und behutsam legt der Autor diese Quellen offen und nimmt dazu Stellung, was wir wissen können, was wir vermuten können und was im Dunkeln bleibt.
So entsteht das Bild einer sehr intelligenten, aber auch sensiblen, eher introvertierten jungen Frau, für die schon früh die damals so verbreitete ausschließliche Rolle der Gattin und Mutter nicht so recht zu passen schien, die musikalisch interessiert war und gerne Musikerin geworden wäre, als Mädchen auch nicht studieren durfte, und von ihrer Mutter gedrängt wurde, Lehrerin zu werden. Eine besondere Berufung zu dieser Tätigkeit scheint Hedwig vermutlich nicht verspürt zu haben und es muss für sie herausfordernd, überwältigend und zugleich einsam gewesen sein, als in der Stadt Aufgewachsene erst einmal am Land als Hilfslehrerin für über 40 Kinder in einem Raum zuständig zu sein. So bricht auch in ihren 20ern zum ersten Mal klar sichtbar ihre bipolare Erkrankung aus, sie muss immer längere Krankenstände nehmen und Zeit in Kliniken verbringen. Ein "Fräulein" wird sie ihr Leben lang bleiben, denn sie heiratet nie.
Dem guten sozialen Status der Familie ist es zu verdanken, dass man sich in den Kliniken erstmal sehr um sie bemüht, sie hat auch ein geräumiges Einzelzimmer, es gibt schöne Parklandschaften zum Spazieren-Gehen und die Familie weiß Hedwig dort erst einmal gut versorgt, auch wenn sie sich Sorgen macht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass in späteren Jahren die Gefahr, die im Dritten Reich von diesen Kliniken ausging, als menschenverachtendes Gedankengut schon längst weit verbreitet war, von den Verwandten nicht gesehen wurde.
Insgesamt ist das Buch ein interessantes Porträt einer intelligenten Frau, die viel Potential gehabt hätte, das sie unter den gegebenen Umständen nicht leben konnte. Ich habe es sehr gerne gelesen, vor allem mit dem Fokus auf "Was können wir wissen?" und "Wie können wir uns anhand spärlicher Quellen ein Bild von einer verstorbenen Verwandten zu machen versuchen?".
Wer sich hier aber einen spannend geschriebenen Roman erwartet, ist mit diesem Buch nicht gut beraten. Es ist eben sehr nah an den Quellen erzählt und diese Quellen sind spärlich, das reicht insgesamt für einen großen Spannungsbogen oder viel Unterhaltungswert nicht aus. Es ist ein stilles, ruhiges Buch, das zum Nachdenken anregt, aber auch aufzeigt, wie viele weiße Löcher in einer Geschichte bleiben, wenn jemand schon länger tot ist und es nicht mehr viele erhaltene Quellen gibt.
Bewertung
3/5
24.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fräulein Hedwig schreit
Diese Biografie hat mich leider nicht gepackt und ich habe nur schwer Zugang zu den Ausführungen über Poschenrieders Großtante Hedwig gefunden. Ich hatte etwas ganz anderes erwartet, eine interessante Geschichte über die längst verstorbene, unkonventionelle Verwandte, über eine psychologisch angeschlagene Frau, über Schmerz, Krankheit, Familie, über Scheitern und Verarbeitung eines traurigen Schicksals, hatte vielleicht auch auf Überwindung gehofft.
Stattdessen hat der Autor extrem kleinschrittig alles notiert, was er über seine Familie und insbesondere seine Urgroßtante gefunden hat, im zweiten Schritt wurde dann interpretiert, gedeutet, vermutet – aber es kam für mich kein Fluss auf. Ich fühlte mich wie in einem Museum, wo es nicht um das Große und Ganze geht, sondern die einzelnen Scherben akribisch beschrieben werden. Vielleicht ist das natürlich zu viel oder eher etwas Falsches verlangt – P. wollte eine Biographie seiner Tante verfassen, ihr ein Denkmal setzen, dass sie nicht vergessen wird, dass sie sinnbildlich für die vielen namenlosen und von den Nazis getöteten Menschen steht, die als nicht lebenswert angesehen wurden. Das ist natürlich ein ehrenwerter Vorsatz, aber der Zweck hat die Mittel nicht geheiligt. Für mich wirkt P. zu vorsichtig, er will „nichts als die Wahrheit“ berichten, alles, was Fiktion ist, wird gleich wieder richtig oder infrage gestellt und damit der Lesefluss unterbrochen.
Erst das Ende hat mich gepackt und auch Betroffenheit bei mir ausgelöst, ihre letzte Einweisung in die Klinik, die kurze Zeit dort und ihr Weg in den Tod.
Positiv hervorheben kann ich Poschenrieders Suche nach der Wahrheit, es wirkt authentisch, er ringt um die Vergangenheit, will nicht voyeuristisch die Praktiken der Euthanasie beschreiben, will nicht im Schockverfahren aufrütteln. Eine leise und stille Beschreibung Hedwigs, die ihr sicherlich gerecht wird, für mich eher ein Sachbuch als Fiktion im Sinne von Annie Ernauxs oder Edouard Louis‘, die sprachlich viel raffinierter, emotionaler und poetischer das Gefühl des Lesers ansprechen – auch wenn diese Autoren ihr eigenes Leben beschreiben und keinen Zugang zu einer Person aus einer vergangenen Zeit aufbauen müssen.
Eine tragische Geschichte, die auf Fakten beruht, aber keine intensive, emotional ergreifende Lektüre.
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