Ein berührendes Debüt über eine unbarmherzige Krankheit und ihre tragikomischen Momente
Sie isst wieder. Das war mal anders. Aufgewachsen in Armut, alleine mit ihrer zwanghaft dünnen Mutter, die aus der Ukraine nach Berlin migrierte, schien ihre Zukunft vorprogrammiert. Jetzt, mit Ende zwanzig, hat sie es halbwegs im Griff. Sie joggt viel, ja, zählt jede Kalorie, okay, aber sie führt ihrem Körper morgens, mittags und abends – fast – immer Nahrung zu. Auch wenn sie jeden Cent abwägt, den die Lebensmittel und ihre Zubereitung sie kosten. Nur noch ganz selten erliegt sie ihren alten Gewohnheiten, zu viel zu essen und sich anschließend zu übergeben. Es bleibt dennoch ein Fortschritt. Und dann ist da ein Date, das Hoffnung auf ein besseres Leben gibt, darauf, endgültig aus dem Teufelskreis auszubrechen. Oder doch nicht?
In Halbe Portion erzählt Elisabeth Pape eine ganz persönliche Geschichte über Essstörungen, das Aufwachsen in Armut und die damit einhergehenden Zwänge. Der Roman zeigt, warum es für Betroffene so schwer ist, mit erlernten Strukturen zu brechen und einen gesunden Umgang mit Essen und Geld zu finden. Und er spürt der Frage nach, wie uns Familie trägt, aber auch erdrückt.
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Eine Geschichte, die unter die Haut geht
Bewertung am 18.12.2025
Bewertungsnummer: 2680204
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch hat mich sofort interessiert und gleichzeitig zögern lassen. Ich habe selbst jahrelang mit einer Essstörung gelebt und wusste nicht, was diese Geschichte mit mir machen würde. Jetzt kann ich sagen: Sie hat mich kalt erwischt. Und tief berührt.
Nicht nur, weil ich mein früheres Ich an so vielen Stellen wiedererkannt habe: in Gedanken, in Ritualen, in dieser gnadenlosen Logik, die von außen völlig absurd wirkt, sich innen aber so schrecklich richtig anfühlt. Glücklicherweise hatte ich ein anderes familiäres Umfeld als die namenlose Protagonistin
Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. In der Vergangenheit richtet sich die Protagonistin an ihre Mutter. Eine Mutter, für die Dünnsein nicht nur Schönheitsideal war, sondern ein moralischer Maßstab: Disziplin, Intelligenz, Wert. Liebe.
Die Protagonistin wächst in prekären Verhältnissen auf, kontrolliert, beschämt, ständig kommentiert, besonders beim Essen. Und natürlich passiert genau das, was passieren muss: Heimliches Essen, Kontrollverlust, Schuld. Das tut beim Lesen weh. Vor allem, weil es so genau getroffen ist.
In der Gegenwart ist die Erzählerin Ende zwanzig, mit dem Studium fertig, aber irgendwie orientierungslos. Sie isst wieder. Meistens. Sie lebt mit der Essstörung. Essen und Geld sind allgegenwärtig: Angebotsprospekte, die 39-Cent-Rewe-Brezel statt Bäckerbrötchen, Sparen als Sicherheitsnetz, selbst dann, wenn es objektiv gar nicht nötig wäre. Diese Verknüpfung von Armut, Kontrolle und Körper fand ich unglaublich stark erzählt.
Was mich besonders berührt hat: wie nachvollziehbar diese inneren Widersprüche sind. Wie etwas, das einen kaputtmacht, sich gleichzeitig nach Halt anfühlen kann. Ich wollte die jüngere Version der Protagonistin so oft einfach in den Arm nehmen, vor der Mutter beschützen.
Die Kapitel sind kurz, der Wechsel zwischen den Zeiten klar und wirkungsvoll. Man kann gar nicht aufhören zu lesen. Die Sprache ist ehrlich, manchmal verzweifelt, dann wieder überraschend humorvoll und und genau deshalb so nah.
Halbe Portion ist kein leichtes Buch, aber eines, das bleibt. Für mich ein Highlight!
Essen als Druckmittel
MarieOn am 02.12.2025
Bewertungsnummer: 2668155
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, hauptsächlich Bücher, sagt sie. Und das stimmt zum Teil! Die vielen Lebensmittel, die sie in Sonderangeboten ergattert und gebunkert hat, verschweigt sie. Sie wuchtet den schweren Schreibtisch mitten in den Raum. Sie wird ihn einnehmen, ihm zeigen, dass sie ab jetzt hier wohnt. Sie könnte etwas essen, nicht weil sie hungrig ist, sondern um den Appetit zu stillen und schaut, was ihr Vormieter dagelassen hat. Buchstabensuppe in der Tüte. Klingt heimelig nach Kindheit. Vier Portionen sollen es sein. Nun gut, dann wird sie vier Portionen essen. Kurz danach verspürt sie immer noch ein kleines Loch. Sie füllt es mit Lindor Schokokugeln, die längst abgelaufen sind. Sie hatte sie bei Amazon entdeckt und konnte bei 29,79 statt 38,99 für ein Kilo nicht widerstehen. Eine Kugel hat 74 Kalorien. Sie packt eine aus und schiebt sie zwischen die Lippen. Schmeckt gut. Die freche Kugel hinterlässt Lust auf noch eine, 148 Kalorien. Nun fühlt sie sich schuldig, deshalb nimmt sie noch eine und spürt das Dopamin durch ihr Hirn fluten. Jetzt ist es auch egal, die müssen eh weg. Sie packt noch eine aus, lässt sie auf der Zunge zergehen, 222 Kalorien. Sie denkt, dass das zügellose Essen sie glücklich machen wird, dass das Essen und spätere Übergeben besser ist, als die Schoki wegzuwerfen. Nach 14 Kugeln ist ihr ein bisschen übel. Sie geht vor der Kloschüssel auf die Knie, kotzt Schokolade, Buchstabensuppe und sogar die Karotten, die sie mittags sorgsam in Streifen geschnitten und in Humus getunkt hatte. Sie fühlt sich schlecht, zurückgeworfen, willenlos und labil.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Elisabeth Pape hat in ihrem autofiktionalen Romandebüt Magersucht beleuchtet. In abwechselnden Kapiteln, die früher und heute genannt werden, erfahre ich, dass sie mit ihrer Mutter von der Ukraine nach Berlin kam. Die alleinerziehende Mutter lebte vom Bürgergeld, vom Vater kam keine finanzielle Unterstützung. Die lieblose, zwanghafte Mutter ist auf ihr Gewicht und das ihrer Tochter fixiert. Sie kontrolliert, was ihr Kind sich zuführt und teilt überstreng zu wenig Nahrung ein. Essen wird zum Druckmittel, das (durch verhasstes Klavierspielen oder gute Noten) verdient werden muss. Essen wird zum Liebesersatz für die fehlende Zuneigung. Ein Teufelskreis, der frühe Prägung erfährt und durch Erniedrigung und Bestrafung befeuert wird. Meine psychiatrischen Erfahrungen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagen mir, dass die Ess-Brech-Sucht und Magersucht ganz schwer zu therapieren ist. Und genau das zeigt die Autorin so gekonnt. Die Hauptdarstellerin zählt jede Kalorie, jeden Cent und vergleicht jedes Supermarktangebot. Sie gönnt sich nichts außer der Reihe, isst, was notwendig ist, um sich „normal“ zu fühlen. Sie findet eine Therapeutin, weil sie wirklich wirklich aus dieser tiefen Lebenskrise hinausfinden will. Doch sie scheitert am Alltag. Jede Entscheidung, die ihre Verantwortung fordert, macht ihr Angst, die sie zum Überessen zwingt. Jede ungewollte Entgleisung schürt ihren Selbsthass und zwingt sie in die Vorratskammer. Jedes Missfallen und das Gefühl, ungeliebt zu sein, befeuert das Bedürfnis, die innere Leere zu füllen. Jeder Stressmoment drängt sie zum Kühlschrank. Die Gedanken kreisen um nichts anderes als Essen und ob sie es sich leisten kann. Verarmungswahn trifft auf eine nicht reale Körperwahrnehmung. Was für ein enormer Stress, der alles an Energie kostet. Diese Geschichte zu lesen ist anstrengend und nervenzehrend. Die Ambivalenz der Betroffenen überträgt sich auf mich, ich liebe und hasse dieses Buch. Ich träume nachts vom Essen. Unglaublich, was die Autorin da geschafft hat, denn deutlicher kann man einem Außenstehenden nicht vor Augen führen, wie beschissen diese Erkrankung ist.
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