Claire hat genug. So stolz sie war, es als „Mädchen vom Land“ bis in den führenden Konzern der Hauptstadt geschafft zu haben, so wenig erträgt sie jetzt die abschätzigen Blicke, das immer engere Korsett der starren Strukturen und vorgegebenen Abläufe, gegen die aufzubegehren unmöglich scheint. Nach und nach hat sie sich von den Werten gelöst, die ihr Arbeitgeber ihr aufgezwungen hat. Durch eine Luke steigt sie aufs Dach, niemand scheint sie zu vermissen. Ein Sturm bricht los und Claire spürt im Angesicht dieser Naturgewalt zum ersten Mal seit Langem ihren Körper wieder. Sie hält ihr stand, doch als sie zurück will ins Gebäude, ist die Luke zugefallen. Mit immer neuen Wendungen, starken Bildern und großer Sprachkraft gelingt es Navarro, den inneren und auch körperlichen Wandel erfahrbar zu machen, den der Ausstieg aus einem fremdbestimmten Leben und die langsame Entdeckung der eigenen Wünsche und Möglichkeiten begleitet.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Anne
Thalia Book Circle Community
5/5
30.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ausstieg aus einem selbstbestimmendem Leben
Willst du im Beruf mit anderen mithalten, ein gewisses Ansehen erreichen, muss man sich anpassen. Starre Strukturen und oftmals abschätzige Blicke gehören auch dazu. Claire hat sich zu begierig schnell an alles angepasst. Sie genoss es, zum Kreis der Auserwählten zu gehören. Den Leuten nach dem Mund zu reden, je nach Meinung und Machtposition. In Claires Familie stellt man abfällige Fragen nach dem, was sie arbeitet, wenn man ihre Designer-Klamotten sieht. Das nagt sehr an ihr. Stammt sie doch aus eher ärmlichen Familien.
Es kommt der Tag, da hat sie genug von all dem, sie entkoppelt sich und flieht aus dem kalten Palast Konzernzentrale. Sie entdeckt eine Luke und steigt auf ein ungesichertes Dach des Hauses. Schon bald merkt sie, dass die Luft dort oben sehr kalt ist und sucht sich ein Plätzchen zum Warmhalten. Sie sitzt endlich dem Himmel gegenüber. Unter einer Plane schläft sie auf dem Betonboden ein.
Eine Frau auf ihrem Weg rigorose Unabhängigkeit. Sie wird sich nicht mehr fügen. Die Geschichte wird abwechselnd aus Claires Sicht und dann wieder aus dem Blickwinkel ihrer Kollegen*innen erzählt, wo Fügsamkeit und Indolenz an der Tagesordnung sind.Ein Kollege springt in den Tod. Es kündigt sich an, was sich nicht mehr aufhalten lässt. Mit welcher Kursänderung weiß Claire nicht mehr. Die Verwüstung schert sich nicht um sie. Wenn man weiß wohin die Reise geht, spürt man den Regen nicht mehr.
Die Autorin setzt ihre Sprache meisterhaft ein, die Geschichte hat Tiefgang, die Bedeutung zwischen den Zeilen regen sehr zum Nachdenken an. Die Rhythmik der Erzählweise fesselt mich bis zum Ende. Literarisch ein anspruchsvolles Buch mit einer glaubwürdigen Protagonistin. Ich empfehle es sehr gerne weiter.
Bewertung
5/5
24.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
ein berührendes Buch
Die Verwandlung einer Frau, die kurz vor dem Zusammenbruch steht.
Was tun, wenn man sich nicht mehr mit seinem beruflichen Umfeld im Einklang befindet?
Sich zurückziehen, untertauchen, dem Alltag entfliehen.
Claire beschließt, sich nicht mehr zur Verfügung zu stehen,
Ein sehr poetisches Buch über Burnout und allgemeines Unwohlsein am Arbeitsplatz.
Dieses Buch hat mich berührt und sobald werde ich es nicht vergessen
Es hat mir gut gefallen
MarieOn
4/5
19.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Hauch Poesie schafft Luftigkeit
Claire gehört nicht mehr dazu. Sie hat keinen Kampf angezettelt, keine Türen zugeschlagen, nicht geschrien, nicht aufbegehrt. Es hat sich einfach etwas verschoben.
Jetzt will sie mit der, die sich abgestrampelt hat, um eine Position zu erreichen, um eine Position zu halten, um sich eine Position zu verdienen, um diese Position vor den anderen zu verteidigen, nichts mehr zu tun haben. S. 6
Sie hat sich abgekoppelt, ausgeklinkt. Sie steht auf dem Dach des Konzernriesen, bei dem sie sich aus den einfachen Verhältnissen, aus denen sie kommt, nach oben gearbeitet hat. Eigentlich braucht sie bei den Frühlingstemperaturen eine Jacke, aber sie wird darauf verzichten. Noch Monate zuvor wäre sie niemals auf dieses ungesicherte Dach geklettert. Die Vorahnung, eine Windböe könnte sie jederzeit wegfegen, hätte sie sich an die nächste Wand lehnen und mit Schwindel und Herzrasen ihre Atmung kontrollieren lassen. Heute jedoch hatte sie nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie sah die offene Dachluke und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nun ist sie hier und betrachtet den Himmel. Noch vor Kurzem hatte sie gedacht, wenn sie sich noch etwas mehr anstrenge, könne sie die Welt verändern, dachte, sie sei der unermüdliche Treibstoff durch den sich alles weiterdrehe.
Der Himmel verändert seine Farbe, rosarote Schliere wabern ins Bild. Der Tag macht dem Abend Platz, die heraufziehende Kälte lässt sie frösteln. Sie muss sich bewegen. Atmet tief ein, läuft von einem Ende des Daches zum nächsten, fängt an zu hüpfen und tanzt schließlich zur Musik in ihrem Kopf. Lebenslust macht sich breit.
Fazit: Die französische Autorin und Dramaturgin Mariette Navarro hat in ihrem zweiten Roman weibliche Selbstermächtigung thematisiert. Ihre Protagonistin Claire hat für das Unternehmen alles gegeben. Sie war stolz, es bis nach oben geschafft zu haben. Doch der einsame Alltag, Arbeit, Einkauf, Essen, Einschlafen vor dem Fernseher, hat sie unmerklich in ein Hamsterrad getrieben, in dem sie ihre Lebensfreude und Spontaneität verloren hat. Bei einem Gang über den Flur bemerkt sie ein Stück Himmel, der durch die offene Dachluke scheint. Sie lässt die Rollleiter herunter und klettert hinauf. Oben angekommen fühlt sie sich sofort befreiter und atmet tief durch. Sie weiß nicht, wann sie das letzte Mal dem Himmel ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat und genießt die letzten Strahlen der Frühlingssonne auf ihrem Gesicht. Im Laufe der nächsten Stunden kämpft sie mit Naturgewalten und recherchiert ihre Karriere und all die Zeichen, die sie ignoriert hat, die ihr einen Ausstieg soufflierten. Ich mag die Sprache, die mit einem Hauch Poesie eine schöne Luftigkeit in den Text zaubert. Da sind so viele kleine Beobachtungen, die Blicke der Kolleg*innen, erste Zweifel an dem Sinn ihrer Arbeit, die Beziehung zu den Eltern, die dieses schmale Büchlein, das sich doch nur um die Protagonistin dreht, fein auffrischen. Ich mochte das sehr.
Bewertung
aus Bamberg
4/5
27.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
»Und so tun wir das, was wir immer tun: Wir begegnen der Brutalität der Welt, indem wir sie ignorieren.«
»Und so tun wir das, was wir immer tun: Wir begegnen der Brutalität der Welt, indem wir sie ignorieren.«
Claire hat eigentlich alles, was sie sich je gewünscht hat. Sie arbeitet bei einem großen, angesehenen Unternehmen und das, obwohl sie aus eher ärmlicheren Verhältnissen kommt. Ihre Gedanken beschäftigen sich mit ihrem neuen Leben und lassen ihre Herkunft gewissermaßen hinter sich. Eines Tages jedoch öffnet sie die Luke über dem Bürotrakt und steigt aufs Dach. Dort genießt sie den Blick, der ihr jedoch schnell bewusst macht, welches Leben sie aktuell lebt. Claire bleibt auf dem Dach. Auch als ein Sturm aufzieht, entschließt sie sich dort oben zu übernachten. Der Wind, der um sie fliegt, lässt sie über alles Nachdenken. Ist das noch ihr Leben, das sie leben möchte? Und was hat eigentlich ihr Job aus ihr gemacht? Ganz sicher eine Frau, die sie nie sein wollte.
Als sie am nächsten Morgen durch die Luke steigen möchte, sieht sie, dass sie zugefallen ist…
Wie bereits in Navarros erstem Roman findet sich eine Protagonistin an einem entlegenen Ort wieder, diesmal auf dem Dach während eines Unwetters.
Mit gewohnter sprachlicher Wucht und zugleich auf poetische Art und Weise kommt der Text daher. Er zieht die Leser*innen in den Bann, irritiert und verwirrt sie und reflektiert das Leben der Protagonistin, als Einladung zum Abwägen des eigenen Lebens und dessen Umstände. Man spürt nicht nur ihren Schmerz und die zurückgehaltene Wut, sondern meint den Sturm auf der eigenen Haut zu erahnen und ist schockiert über die Gleichgültigkeit ihrer Kolleg*innen.
Auch wenn ihr Debütroman schon komplex war, ist ihr zweiter Roman es nochmal in gesteigerter Form. Man muss sich auf den Text einlassen, ihn genau und sogar stellenweise mehrmals lesen, doch man wird belohnt. Tut man das, erlebt man einen Roman, der einen fordert und zum Nachdenken animiert, wie man ihn nur selten liest, wenn auch ihr neues Buch für mich nicht ganz an „Über die See“ heranreicht, das mich wirklich dermaßen begeistert hat!
begine
aus Lemwerder
3/5
14.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Psychologisch
Der Roman, Am Grund des Himmels, von Mariette Navarro ist ziemlich psychologisch aufgemacht.
In der Firma, in der die Protagonistin arbeitet, werden die Arbeiter so gestresst, das sie alle psychologische Hilfe brauchen.
Der Roman ist wohl mit einem guten Stil versehen, aber mich konnte er nicht richtig erreichen.
#Es geht so ruhig zu, das er mich etwas langweilte.
Wahrscheinlich ist es kein Roman für mich. Andere Leser sehen das bestimmt anders.
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