»Eine erstklassige Mischung aus Anekdoten, Analysen und Alkohol. ... Hört auf diese Frauen!« Katja Oskamp - SPIEGEL-Bestseller
Drei Freundinnen, ein Küchentisch, vor den Fenstern die Nacht: Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann reden. Über sich als „Ostfrauen“, was auch immer diese Schublade bedeutet, über das Glück krummer Lebensläufe, über die Gegenwart mit ihrer sich ständig reindrängelnden Vergangenheit. Es wird getrunken, gelacht und gerungen, es geht um Erinnerungsfetzen und Widersprüche, um die Vielschichtigkeit von Prägungen und um mit den Jahren fremd gewordene Ideale. Im japanischen Volksglauben gibt es Geister, die aus achtlos weggeworfenen Dingen geboren werden – »wie sähe der Dinggeist der DDR aus?«, fragen die drei. Ihr Buch ist dem Erinnern und dem Sich-neu-Erfinden gegenüber so gewitzt und warmherzig, wie es jede große Gesellschaftsdiskussion verdient.
Das Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ basiert auf einem Theaterstück der Autoren, welches 2018 seine Premiere feierte. Ich kannte das Theaterstück vor Lesen des Buches nicht. Mich hat zu Beginn vor allem der Titel des Buches angesprochen, da ich in Ostdeutschland lebe und aufgewachsen bin, mit meinen jungen Jahren, 2001 geboren, den Ost-West-Konflikt nur bedingkt nachvollziehen kann.
In dem Buch selbst wird die Sicht dreier ostdeutscher Frauen thematisiert. Diese treffen und betrinken sich gemeinsam in einer Bar und entwickel in einem ausgelassenen Gespräch die Idee , ihren eigenen „idealeren“ Staat zu gründen. Dabei kommen ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der DDR und der Wiedervereinigung zum Vorschein. In einem wilden Austausch über gesellschaftliche Missstände, politische Enttäuschungen und utopische Visionen diskutieren sie, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen könnte. Durch dieses Gedankenspiel der drei Frauen werden verschiedene Themen, teilweise auf satirische Wiese diskutiert, u.a. die eigene Identität, die Folgen der deutschen Wiedervereinigung sowie die Suche nach einer besseren Zukunft.
Ein großer Pluspunkt des Buches sind für mich die drei verschiedenen Lebensgeschichten der Frauen. Dadurch wird mir, jemandem der diese Zeit nie persönlich erlebt hat, ein Einblick darin ermöglicht (DDR u Wende). Auch waren die im Gespräch entwickelten Ideen eines ideellen Staates recht humorvoll und haben ernste, schwere Themen aufbereitet und unterhaltsam verpackt. Natürlich wirkt die Szenerie, drei betrunkene Frauen, die eine neue Welt erdenken, für die Bedeutsamkeit des politischen und gesellschaftskritischen Diskurses recht unpassend. Ich persönlich fand jedoch, dass dadurch der humorvolle Ausdruck an mancher Stelle zu einer lockereren Szenerie führte und mir das Lesen so erleichtert hat. Da der Ost-West-Konflikt, den wir alle gerne mal verleugnen, doch teilweise an manchen Stellen in der Gesellschaft noch spürbar ist, finde ich es wichtig, sich damit auch auseinander zu setzten. In diesem Zusammenhand hat mir das Buch sehr gut gefallen; es regt eher zum Nachdenken an und bescherte mir einige unterhaltsame Stunden. Mir hat die Mischung aus Humor und Gesellschaftskritik sehr gefallen. Ich würde das Buch jedem weiterempfehlen, der sich für diese Thematik interessiert.
Tiefgang mit Humor
Klaus am 21.04.2024
Bewertungsnummer: 2183465
Bewertet: eBook (ePUB)
Drei Frauen, drei Künstlerinnen, drei Freigeister, drei Freundinnen geboren und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, setzten sich zusammen und diskutieren. Ihre Gespräche zeichnen sie auf und wandeln sie später in dieses Buch um, ein Buch voller tiefgründiger Gedanken, zum Nachdenken, zum mitdiskutieren, aber vor allem zum Schmunzeln.
An sieben Abenden treffen sich die drei Freundinnen, um über vorher festgelegte Themen zu fachsimpeln. Mal bei der einen in der Wohnung, mal bei einer anderen in der Datsche, mal auf dem Gelände eines ehemaligen Ferienheims, immer mit reichlich Alkohol im Gepäck. Die Themenwahl ist ziemlich breit gefächert, da wird natürlich über Ost und West im Allgemeinen diskutiert, aber eben auch über die "Ostfrau" im Besonderen. Themen wie Demokratie, das Abtreibungsgesetz, oder Rechtspopulismus kommen da neben Erinnerungen an den Fahnenapell, oder die Pädagogik in der DDR zur Sprache.
Da ich alterstechnisch ziemlich gut da rein passe, hab ich mich natürlich im Buch wie zu Hause gefühlt. Es war herrlich so in Erinnerungen zu schwelgen und immer wieder zu denken - ja, genauso war es, aber eben auch - das hab ich anders erlebt. Auch die Art und Weise der Umsetzung hat mir gut gefallen. Da protokolliert nicht einfach jemand ein Gespräch, sondern man sitzt als Leser quasi mit am Küchentisch, auf dem Balkon, am Ufer des Sees, man folgt den Gesprächen der Frauen, die dann eben auch mal durcheinanderquatschen, zwischendurch hüsteln, kauen, oder nach einer Mücke schlagen. Das ganze Drumherum fließt so selbstverständlich in das Buch ein, das man eben mittendrin, statt nur dabei ist. Obwohl die Aussagen im Buch ganz persönliche Einzelmeinungen darstellen, merkt man, das die Autorinnen sich Gedanken gemacht haben und auch über entsprechendes Hintergrundwissen verfügen. Da wird nicht einfach so was dahergeplappert. So wird in Nacht drei ein Flugblatt von 1989 nochmal gegengelesen, an dem Autorin Anett mitgearbeitet hat und die Frauen geben hier auch ehrlich zu, dass sie einige Aussagen so heute nicht mehr unterstützen würden.
Die Gespräche im Buch wirken echt auf mich, selbstkritisch, selbstreflektiert, es geht nicht unbedingt um political correctness, so würde ich auch mit meinen Mädels zusammensitzen und das macht mir die Autorinnen unglaublich sympathisch. Ich bin eigentlich kein Freund von Höhrbüchern, aber dieses hier ist natürlich prädestiniert dafür, auch ein Podcast wäre eine tolle Form sich die Gespräche anzuhören, einfach, weil dann der Humor der Frauen noch besser zum Ausdruck käme. Für mich dürfen die Drei gern weiter fachsimpeln und dabei den Recorder laufen lassen.
Unbedingt bitte auch den Anhang mitlesen, die Erklärungen zu den Fußnoten, die hier zusammengefasst sind, sind nochmal ein zusätzliches Schmankerl.
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