Eine haitianische Saga vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. In nüchterner und zugleich poetischer Sprache erzählt Yanick Lahens vom schicksalhaften Neben-, Mit- und Gegeneinander der Großfamilien Lafleur und Mésidor, die einen Bauern, Fischer und Diener der Voodoogeister, die anderen Großgrundbesitzer. Es entsteht ein einzigartiges Porträt des ländlichen Haiti mit seinen traditionellen Glaubensvorstellungen und Bräuchen. Dabei werden immer wieder die Trennlinien zwischen denen, die stets »Jäger« und denen, die immer »Beute« sind, sichtbar. Ein Sittengemälde, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
3 Bewertungen
5 Sterne
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Spannend, bewegend und erhellend
MarieOn am 18.04.2025
Bewertungsnummer: 2469206
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Eine Frau am Boden. Sie hat starke Schmerzen, will aufstehen, kann nicht. Hinter ihr rauscht die See. Vor ihr steht ein Mann, seine stinkenden Schuhe direkt vor ihrer Nase. Er lässt sein Nokia fallen, trifft ihre Schläfe, hebt es auf ohne sie zu berühren, zittert, stottert ins Handy. Sie denkt an ihre Ahnen.
Tertulien ritt von Dorf zu Dorf, demonstrierte, lässig im Sattel sitzend, Macht. Mit breitkrempigem Strohhut über den hervorstehenden Augen, ein Langmesser am Gürtel, zwei weitere Reiter im Schlepptau zügelt Tertulien Mésidor sein nervöses Pferd. Sein Blick traf Olméne Durival, die davon nichts merkte. Sofort verfiel der fünfundfünfzigjährige der knapp vierzig Jahre Jüngeren. Er war ein Don, (Großgrundbesitzer), dreiviertel des Landes hinter den Bergen gehörten ihm. Er kaufte Olménes Mutter Ermencia den ganzen Fang Fische, die Hirse, Süßkartoffeln, Bohnen und Yamswurzel ab. Die beiden Frauen lebten in Ti Pistache, unweit von Anse Bleue, dem Dorf aus Tuff, Salz und Wasser. Sie waren die Nachkommen der Lafleurs, den Bauern und Fischern, die ihr Land schon längst an die Mésidors verloren hatten.
Bonal Lafleur musste dem alten Anastase Mésidor für wenig Geld Boden überlassen. Danach wurde er mit leeren Taschen gefunden, einen tiefen Schnitt im Rücken. Sie wussten, dass er einem Hinterhalt der Großfamilie Mésidor erlegen war und fühlten sich schutzlos, weil er seine Geister mit sich genommen hatte. Bonals Frau Dieula war eine namhafte Mamba (Voodoopriesterin). Sie bereitete die Rituale vor und verschwand vier Wochen im Busch um Buße zu leisten. Vier Tage nach ihrer Rückkehr starb Mésidors vierter Sohn, es kann die Schwindsucht gewesen sein oder Malaria, vielleicht auch das Dengue Fieber, man weiß es nicht.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete haitianische Autorin erhielt für dieses Buch 2014 den Prix Femina und das ist völlig verständlich. Yanick Lahens zeigt mit ihrem allwissenden Erzähler die schwer verletzte Protagonistin. Sie liegt am Strand und ihre Gedanken erzählen die Geschichte ihres Landes. Zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die einen sind seit ewig arm und versuchen mit Gemüseanbau und Fischfang zu überleben. Die anderen sind seit Generationen reich, skrupellos und ausbeuterisch. Die Bauern sind friedfertig und gläubig. Sie huldigen ihren Geistern und heißen durch Missionierung Fragmente der Katholiken in ihren Riten und Kulten willkommen. Voodoo bedeutet, die Geister durch Gaben und Tänze zu besänftigen, um bessere Ernten einzufahren, nicht um Rache zu führen. Sie sind eins mit der Natur und dem Großgrundbesitzer und der späteren Miliz hilflos ausgeliefert. Obwohl ich die anfänglichen Namen verwirrend fand (am Buchende gibt es einen hilfreichen Stammbaum) hat mich die Geschichte in ihren Bann geschlagen. Einmal, weil die Autorin ein ganz großes Schreibtalent ist, die mich bildreich durch die Seiten reisen ließ, aber auch, weil ich so viel über die haitianische Kultur der Ureinwohner erfahren habe. Über deren Bräuche, Speisen, Rituale und eben auch über ihre Ohnmacht darüber, den Machtverhältnissen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Das war spannend, erhellend und bewegend. Die Lust an der Karibik trieb mich nach dem Lesen ins Internet, um noch viel mehr über dieses gebeutelte Entwicklungsland zu erfahren. Und nun geht meine Vorstellung über dunkelhäutige schöne Menschen und Frauen in Baströckchen schon recht weit hinaus.
Intensiv wie ein Geschichtsbuch, spannend wie ein Krimi, weich wie ein Gedichtband, hart wie die Realität.
MarcoL aus Füssen am 16.04.2025
Bewertungsnummer: 2467869
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Bereits 2014 im französischen Original erschienen, wurde dieser preisgekrönte Roman (Prix Femina) der Haitianischen Autorin nun mit einem grandiosen Sprachgefühl ins Deutsche übersetzt.
Sie beschreibt auf den 200 Seiten eine Familiensaga über einhundert Jahren, wie sie typischer für das gebeutelte Land nicht sein kann.
Auf der einen Seite sind die reichen Landbesitzer. Skrupellos und brutal, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, nehmen sie sich, was sie wollen. Häuser, Ländereien, Frauen, Mädchen, Leben. In diesem Fall ist es die Familie Mésidor, ständig auf der Suche nach noch mehr Macht. Auf der anderen Seite die weitverzweigte Großfamilie Lafleur, die Tag für Tag versucht, genug zum Essen und zum Leben zu ergattern. Die Lafleurs hatten einst Land, doch das fiel vor langer Zeit den Mésidors in die Hand. Seitdem kämpfen sie sich durch. Als die Militärs das Land übernehmen, ändert sich nicht viel. Trotz der Hoffnungen der armen Landbevölkerung. Arme wie Reiche sind an der Teilnahme beim Regime nicht abgeneigt, um ihr Stück am Kuchen zu ergattern. Die einen machen es, um es den Landbesitzern „mal so richtig zu zeigen“ und vielleicht aus dem Elend ausbrechen zu können, die anderen tun es in der Hoffnung, noch mehr Macht und Besitz zu ergattern. In beiden Fällen geht der Schuss nach hinten los.
Die Autorin zeichnet hier ein markantes Sittenbild des ländlich geprägten Haitis. Die Kluft zwischen arm und reich bleibt immer bestehen, auch wenn sich die Grenzen manchmal in die eine oder andere Richtung verschieben. Das Leben der Landbevölkerung ist stark geprägt von der Voodoo–Religion mit all ihren Geistern, Göttern und Geschichten (sehr interessante Einblicke, und Voodoo ist keinesfalls das Klischee von Puppen mit Nadeln drinnen). Doch auch die Lehren (und Hartnäckigkeit) des Christentums fließen mit ein. Man pickt sich heraus, was gerade am Nützlichsten erscheint.
S.17: „Ein Wechselspiel, das uns alle mit den Mésidors verband und sie, wider Willen, an uns kettete. Ein Wechselspiel, das wir, Sieger wie Gefangene, seit langer Zeit meisterlich beherrschten. […] Nur eine Geschichte der Menschen aus der Zeit, da die Götter noch nicht fern sind … Da Meer und Wind ihre Namen aus Schaum, Feuer, Staub noch leise hauchen oder auch laut hinausschreien.“
In klaren, und auch immer wieder sehr poetischen Worten, wird uns dieses Gesellschaftsbild nahe gebracht. Die Sprache ist intensiv wie ein Geschichtsbuch, oftmals spannend wie ein Krimi, weich wie ein Gedichtband und dennoch hart wie die Realität.
Wenn man mit einem offenen Geist in die Seiten eintaucht, erlebt man ein Gefühl für das Land, ohne es bereisen zu müssen. Ganz große Leseempfehlung.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.