Kaum ein anderer Schriftsteller hat so viele Lesungen absolviert wie Martin Walser. Er hat Deutschland anhand der literarischen Lese-Orte vermessen und kam zum Schluss, Leipzig an die Spitze seines persönlichen Rankings zu setzen. Walser las mit körperlichem Einsatz, mit Leib und Seele, selbst bis ins hohe Alter. »Sobald er zu lesen begann, straffte er sich, als würde neues Leben in ihn einströmen. Und genau so war es auch. Stehen musste er, um mehr Atem zu haben, aber auch um seine Sätze mit der flachen Hand zu unterstreichen, sie mit ausladendem Arm in die Welt zu entlassen oder Einzelheiten mit einer schaufelnden Bewegung wie beim Wasserschöpfen wieder zurückzuholen aus dem Strom der Sprache. Das Schreiben war sein tägliches Lebenselixier. Es hat ihn 96 Jahre alt werden lassen. Die Berührung mit dem Publikum hat ihn immer aufs Neue verjüngt. Im vitalisierenden Element der Sprache bewegte er sich wie der Fisch im Wasser.« (Jörg Magenau)
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Manfred Orlick
aus Halle (Saale)
5/5
10.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Martin Walser in Leipzig 1981
Der Schriftsteller Martin Walser hat den größten Teil seines Lebens am Bodensee verbracht. In Wasserburg wurde er am 24. März 1927 geboren, und er starb am 26. Juli 2023 in Überlingen. In seinem Werk hat Walser immer wieder seine Heimat gepriesen und den Menschen rund um den Bodensee mehr als nur ein Denkmal gesetzt.
Die Heimatverbundenheit war aber nur die eine Seite seiner Schriftstellerkarriere. Die andere war das Reisen, denn Walser war mit Lesungen in ganz Deutschland unterwegs. In Spitzenjahren kam er mitunter auf 200 Reisetage. Die Lesungen waren auch eine wichtige Einnahmequelle für den Schriftsteller und die Familie. Die Reiseeindrücke hielt Walser in Tagebuchnotizen fest – mitunter nachträglich. 1981 unternahm Walser eine erste Lesereise in die DDR, die ihn zuerst nach Leipzig führte. Im März 1981 war eine DDR-Lizenzausgabe seines Romans „Das Schwanenhaus“ erschienen, in der Bundesrepublik erst im Herbst 1981.
In der Edition Isele sind jetzt die Leipziger Notizen erschienen, die Walser erst 2009 niederschrieb. Er erinnerte sich genau an die Lesung im Gewölbe der Moritzbastei vor Studenten und seine Übernachtung im Hotel Astoria. Weitere Lesungen folgten u.a. im Gohliser Schlösschen, in der Stadtbibliothek oder im Alten Rathaussaal. Gegenüber DDR-Kulturverantwortlichen setzte sich Walser für die Veröffentlichung des Romans „Elf Uhr“ von seinem DDR-Kollegen Gerd Neumann ein. In Leipzig lernte er auch den Dichter Wolfgang Hilbig kennen.
Leipzig wurde zu Walsers „Lesestadt Nummer 1“. Wie in München und Bonn reagierten die Zuhörer „feiner, schneller, genauer und stimmungsreicher“. Der Schriftsteller und Literaturkritiker Jörg Magenau hat die Neuerscheinung mit einem ausführlichen Nachwort versehen, in dem er das Thema „Martin Walser und die DDR“ näher beleuchtet.
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