Seit 10/7 macht ein neues Schlagwort die Runde: Siedlerkolonialismus. Es bezieht sich keineswegs nur auf jüdische Siedlungen außerhalb Israels, sondern auf den Staat selbst. Menschen europäischer Herkunft – denn als solche gelten Israelis in diesem Konzept – hätten kein Recht, irgendein Land anderswo in der Welt auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung zu besiedeln.
Kundinnen und Kunden meinen
3.0/5.0
2 Bewertungen
5 Sterne
(1)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(1)
Sehr lesenswert
Bewertung am 01.08.2025
Bewertungsnummer: 2555820
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Spannend und aktuell. Interessanter Einblick, auch wenn man mit dem Autor nicht übereinstimmen sollte. Vor allem für Personen, die in ihren Postcolonial Studies festgefahren sind können hier etwas lernen und an ihrer Ambiguitätstoleranz arbeiten.
Schuster, bleib bei deinen Leisten!
DeinFreund am 18.07.2025
Bewertungsnummer: 2543066
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ich mache es kurz: Adam Kirsch ist Literaturkritiker. Was er nicht ist: Historiker, Soziologe oder Kolonialismusexperte.
Als fachfremder Autor setzt er es sich aber zum Ziel, den wissenschaftlichen Begriff des „Siedlerkolonialismus" zu einer Ideologie zu erklären und damit zu delegitimieren. Schon im Vorwort und im ersten Kapitel wird eines klar: Es soll keine wissenschaftliche Auseinandersetzung stattfinden. Kriterien, die den Siedlerkolonialismus ausmachen, werden überhaupt nicht genannt. Landnahme und Verdrängung? - Wird nicht erwähnt. Legitimierungsmythen? - Wird nicht erwähnt. (Staatlich) organisierte Förderung von Siedlungsprojekten auf fremdem Territorium? - Wird nicht erwähnt. Marginalisierung der einheimischen Bevölkerung? - Wird nicht erwähnt. Langfristige Folgen wie Löschung der einheimischen Kultur und Umschreiben der Geschichte? - Ebenfalls Fehlanzeige. Das sind aber Kriterien, die man abklappern müsste, um sachlich zu überprüfen, ob Siedlerkolonialismus vorliegt. Und im Fall Israels finden sich zu allen genannten Kriterien konkrete Beispiele in Form von Gesetzen, militärischen Praktiken, historischen Ereignissen, überlieferten Texten usw. Wenn man nur anfangen würde zu suchen.
Adam Kirsch ignoriert all dies und beschäftigt sich mit vermeintlichen Forderungen, die sich aus dem ergeben, was er die „Ideologie des Siedlerkolonialismus" bezeichnet.
Die Denkweise ist durchsichtig und lässt sich mit einer Analogie beschreiben: Jemand nimmt sich drei von vier Kuchenstücken, während die zweite Person nur noch eines bekommt. Wenn er zugibt, dass 75 Prozent mehr sind als die Hälfte des Kuchens, muss er in einem nächsten Schritt sein überschüssiges Stück womöglich zurückgeben. Also beharrt er darauf, dass 75 Prozent die Hälfte ist. Und wer das anders sieht, ist ideologisch verblendet.
Dieses Vorgehen hat aber nichts mit mathematischer Realität zu tun, sondern dient allein dem Erhalt des Status quo, der darin besteht, dass er den Kuchen behalten kann.
Im Fall des Siedlerkolonialismus hat Adam Kirschs Argumentation ebenfalls nicht mit der historischen und politischen Realität zu tun, sondern dient allein dem Erhalt des Status quo. Während aber in der Kuchenanalogie die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass man ein Stück abgeben muss, geht es in der Siedlerkolonialismusdebatte - die ja eigentlich keine ist, da es eine wissenschaftliche Mehrheitsmeinung darstellt - zunächst um das Benennen von Tatsachen. Absolut unrealistisch ist die Annahme, dass sich aus der Erkenntnis, dass die USA und etwas Israel siedlerkoloniale Projekte waren/sind die Konsequenz ergeben könnte, dass die Staaten aufgelöst werden. Was sich aber aus der analytischen Feststellung ergeben sollte, ist eine gewisse Demut solcher Länder, die sich bekanntermaßen nicht abzeichnet.
Kurz: Das Buch ist womöglich interessant für Menschen wie mich, die mit der Terminologie vertraut sind und vielleicht sehen wollen, mit welchen Gedankenkonstrukten versucht wird, die historischen Fakten umzudeuten. Wer wirklich wissen möchte, was es mit Siedlerkolonialismus auf sich hat, sollte sich zur Unibibliothek begeben und sich den Sammelband „Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen" von Jürgen Mackert, Ilan Pappe (Hg) ausleihen (oder bei Thalia kaufen). Die darin enthaltenen Aufsätze sind nicht von Literaturkritikern verfasst und bilden den Sachstand wissenschaftlich korrekt, aber durchaus verständlich ab.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.