Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung. Dieser Satz lässt Laura Schmidt viele Jahre nicht los. Es ist das Motto ihrer Mitpatientin Noll, die Laura in den 1990ern in der Lübecker Jannsen-Klinik kennenlernte. Dort hat sich Noll in der psychiatrischen Abteilung mit ihrer Vertrauten Olga Rehfeld lesend, schreibend, zitierend ein Refugium aus Geschichten geschaffen, einen Raum aus Literatur - zum Trost oder als Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit? Laura begreift allmählich, dass die Klinik, in der sie selbst Hilfe gefunden hat, für Rehfeld zerstörerisch war.
Svealena Kutschke erzählt mit einem faszinierenden Figurenensemble aus Patient:innen und medizinischem Personal von der Psychiatrie als Ort, an dem tiefe Verwundbarkeit das Menschsein an seine Grenzen führt. Als Ort, der insbesondere während der NS- und Nachkriegszeit zum Einfallstor für Gewalt geworden ist. Als Echokammer deutscher Geschichte. Medizinische Diagnosen, führt Kutschke uns vor Augen, sagen viel über die Gesellschaft aus, in der sie gestellt werden. Und sie fragt danach, ob nicht der psychische Ausnahmezustand eine angemessene Reaktion auf die Zumutungen der Gesellschaft ist. Ein Roman, der wie ein Gespensterfisch in der Tiefsee Licht in die Dunkelheit bringt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
aus Villach
5/5
08.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dringliche Empfehlung - Psychiatrie von 1920 bis in die 2020er
Im Mittelpunkt der Romans steht die Lübecker Jannsen Klinik. Laura Schmidt, die selbst Patientin der psychiatrischen Klinik war, lernt dort die Patientin Olga Rehfeld kennen. Olga wollte einst Schriftstellerin werden, doch sie lebt schon seit Jahren in der Psychiatrie.
Laura Schmidt möchte Olga Rehfelds Geschichte dokumentieren, die fast ihr gesamtes Erwachsenenleben in der Psychiatrie verbrachte. Sie besorgt sich ein Diktiergerät und es ergibt sich, dass sie mit vielen Menschen, die unmittelbar mit der Klinik zu tun haben spricht – mit Patient*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen und Pflegepersonal spricht. Daraus generiert sich eine hundert Jahre umspannende Geschichte, von 1920 bis in die 2020er. Es geht um den Klinikalltag und die Beziehungen zueinander, die zeigen, wie sich die Gesellschaft geändert hat, gerade auch in Bezug auf psychische Erkrankungen. Vom Nichtwissen in der Nazi-Zeit über Behandlungsmethoden bis in die Gegenwart wird der Bogen gespannt.
Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven, jedoch nicht chronologisch erzählt. Das macht das Besondere in dieser romanhaften Erzählung aus. Insgesamt entsteht so ein Gesamteindruck der Psychiatrie der letzten hundert Jahre.
Ein kluges, anspruchsvolles Buch, zwischen Fakten in und Berichten aus der Psychiatrie, das genau meinen Geschmack getroffen hat. Daher empfehle ich es sehr gerne.
MarieOn
5/5
23.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine überaus versierte Geschichte
Die Neunzigerjahre
Laura hatte die Gesichter in der Uni nicht mehr ausgehalten, wenn sie plötzlich im Mittelpunkt stand. Sie interpretierte die Mimik immer falsch. Erst in der Klinik verstand sie, dass ein Blick, der sie trifft, sie nicht zwangsläufig sieht. Sie besorgte sich ein Diktiergerät und nahm fortan alle Gespräche heimlich auf. Nicht der Inhalt interessierte sie, sondern die Diskrepanz zwischen ihrer Wahrnehmung und der Wirklichkeit. Lukas, gerade einmal zwanzig, war Pfleger in der Janssen-Klinik. Laura sprach gern mit ihm und wenn sie sich nachts unter der Bettdecke ihre aufgenommenen Gespräche mit ihm anhörte, war da kein Unterschied. Es war genauso, wie sie ihn wahrgenommen hatte.
Die Nullerjahre
Lukas wollte Meeresbiologie studieren und hatte eine Zusage aus Husum. Dann war seine Mutter gestürzt, ausgerechnet über seine Schuhe. Sie lag den ganzen Nachmittag im Flur, bis er wieder heimkam. Der Arzt, der sie untesuchte sagte es sei bloß gut, dass nichts passiert war, die Rettung würde die Mutter wohl kaum durch die Türe transportiert bekommen. Lukas war nicht bewusst gewesen, dass seine Mutter nicht mehr durch die Tür passte, ihr schon. Eigentlich wollte er aus dem Sozialbau Hudekamp, den er mit ihr bewohnte, aussteigen, doch dann zerriss er die Zusage aus Husum in kleine Fetzen.
Die Achtzigerjahre
Als der neue Arzt das Haldol bei Olga Rehfeld absetzte, das ihre Nerven jahrzehntelang torpediert hatte, begannen die Zuckungen, das Schmatzen und Züngeln. Noll hatte ihr die Literatur zurückgebracht, als Olga wieder denken konnte. Wenn die Neuzugänge kamen, sortierte sie ihr Besteck sechsunddreißig Mal hin und her. Sie musste hierbleiben. Mit dieser Situation hatte sie sich arrangiert, im betreuten Wohnen würde sie untergehen, das wusste sie.
Fazit: Svealena Kutschke hat überaus versiert eine Geschichte zusammengetragen, die am Ende das Bild einer Psychiatrie im Laufe von hundert Jahren zeigt. Mit großer Beobachtungsgabe hat sie Ärzte, eine Psychologin, Pflegekräfte, Patientinnen und deren Angehörige porträtiert. Ihre Kapitel sind unterteilt in die Jahrzehnte und die Person, die gezeigt wird. Die Kapitel springen scheinbar unwillkürlich hin und her und das, was ich erfahre, macht die Geschichte am Ende rund. Alle Mitwirkenden sind emotional versehrt. An jeder Ecke lauert der Tod (Thanatos lässt grüßen) und dann fällt die Tatsache, dass ein Leben tatsächlich endet vom Himmel wie die Klinge der Guillotine und trifft mich wie ein Schlag. Die Autorin zeigt sehr genau, wie ein psychisch kranker Mensch sich in seinem Zustand fühlt, wie er es erlebt. Aber nicht nur das, sie bindet auch ganz leicht, wie zufällig die Geschichte der Psychiatrie ein. Von der Euthanasie und „Wir wussten nicht, wohin die Menschen deportiert wurden“ über heute umstrittene Behandlungsmethoden und Medikamententestungen noch nicht zugelassener Arzneimittel. Und dann hat Svealena Kutschke auch noch Platz gelassen für viele unglaublich kluge Lebensweisheiten: „Empathie als Überlebensstrategie“ oder auch „Die Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung“. Das liest sich spannend und macht nachdenklich. Sie hat mich von der ersten bis zur letzten Seite mitgerissen.
Gelincik
5/5
15.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Super
In dem Buch "Gespensterfische" von Svealena Kutschke verbindet die Autorin die Psychatrie mit der Nachkriegszeit.
Meiner Meinung nach ist das Buch sehr interessant, auch wenn die Sprünge teilweise etwas schwierig waren. Ich bin trotzdem gut durch das Buch gekommen und wollte immer mehr erfahren, da ich sowohl die Idee dahinter als auch die Umsetzung gut fand.
Ehrlicherweise lese ich selten etwas in dieser Richtung und wusste auch nicht ganz was mich erwartet, sodass ich positiv überrascht wurde.
Von mir gibt es 5 von 5 Punkte.
Bewertung
4/5
07.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
anspruchsvoll aber sehr eindrücklich
„Gespensterfische“ ist ein außergewöhnliches Buch mit einer ganz eigenen, wunderschönen Sprache. Allerdings erfordert es beim Lesen Konzentration: Durch die häufigen Perspektivwechsel in den Kapiteln und die dichte Sprache ist der Lesefluss manchmal etwas anspruchsvoll. Dafür wird man aber mit einem besonderen Thema und einer eindringlichen Erzählweise belohnt. Insgesamt hat mir das Buch wirklich sehr gut gefallen.
Im_Lesehimmel
aus Berlin
4/5
28.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein sensible Geschichte
In diesem Buch hat die Autorin viele fragmentierte Geschichten zu einem Gesamtbild verwoben. Jedes Kapitel widmet sich einer anderen Figur, einem anderen Schicksal, einer anderen Zeit. Zwar greifen sie ineinander, überlagern und durchdringen sich, aber die Zuordnung ist mir erst relativ spät gelungen. Wer Arzt und wer Patient ist, war für mich auch nicht leicht auszumachen, passte aber zum Buch.
Diese Vermischung und das Verschwimmen der Rollen hat mich einerseits fasziniert, andererseits aber auch überfordert. Die Erzählweise ist teils abgehackt, sprunghaft, voller Zeitensprünge und Andeutungen. Ich musste oft innehalten und meine Gedanken neu sortieren. Das hat das Lesen für mich durchaus anstrengend gemacht.
Ich konnte trotzdem nicht aufhören zu lesen, da in der Erzählung eine ungeheure Sensibilität für das, was kranke Menschen innerlich bewegt, steckt. Das Buch beschreibt wie dünn die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit wirklich ist und wie unterschiedlich im Verlauf der letzten 100 Jahre mit psychiatrischen Erkrankungen umgegangen wurde. Es wirft ein stilles, aber deutliches Licht auf das Unrecht, das vielen Patientinnen und Patienten widerfahren ist. Vieles bleibt angedeutet und wirkt vielleicht gerade deshalb so beklemmend.
Es ist sicherlich kein einfach zu lesendes Buch, aber ein wichtiges.
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