In alten Kellerhallen, in denen der Techno die noch von der Gewalt des letzten Jahrhunderts gezeichneten Wände zum Beben bringt, trifft die 19-jährige Nila auf Gleichgesinnte. Man legt die Lines, während man den Sozialismus predigt, und für Nila ist dieser dunkle Massenkörper der Ausweg aus dem Berliner Plattenbau, in dem wie sie nur Geflüchtete leben, wo die Toiletten von Silberfischen befallen und die Wände mit Hakenkreuzen beschmiert sind. Nur im Rausch entkommt sie der Erinnerung an die tote Mutter, einst große feministische Revolutionärin, heute nur noch ein letztes Aufblitzen in den Augen des lebensmüden Vaters. Für jeden, der sie fragt, ist ihre Familie griechisch, nicht afghanisch. Und dann lernt Nila den amerikanischen Schriftsteller Marlowe Woods kennen, der ihr, die immer schreiben wollte, eine Welt von Mäzenen und Festivals eröffnet. Marlowe teilt großzügig, doch schon bald folgen Gegenforderungen und Ansprüche, die die Grenzen des Erträglichen für Nila weit überschreiten. »GOOD GIRL« von Aria Aber ist ein ekstatisch wummerndes Loblied auf die verlorenen Intimitäten der Jugend. Ein virtuoser Debütroman und das erschütternde Porträt einer jungen Künstlerin, die in einen Strudel von Sex, Drogen, Gewalt, aufbrechender Freundschaft, sich verlierender Familie und Trauer gerissen wird.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Lea
4/5
05.06.2025
Hörbuch-Download (MP3)
Toxisch, poetisch, unbequem
"Good Girl" erzählt die Geschichte von Nila, 19, aufgewachsen in Berlins Gropiusstadt, einem der Orte, die eher selten in Berlin-Romanen romantisiert werden. Ihre Familie ist offiziell griechisch, eigentlich aber afghanisch. In ihrer Welt treffen Migrationstrauma, postsozialistische Neonazi-Realität und die eigene Suche nach Zugehörigkeit frontal aufeinander. Nilas Mutter, einst feministische Aktivistin, ist tot, der Vater gebrochen. Was bleibt, ist eine Leere, die Nila mit Techno, Drogen, Sex und toxischen Beziehungen füllt. In den Clubs findet sie kurzzeitig Freiheit, bis sie Marlowe begegnet, einem älteren amerikanischen Schriftsteller, der ihr Zugang zu einer anderen Welt von Kunst und Festivals verschafft. Doch was anfangs nach Aufbruch aussieht, kippt schnell in Machtspiele, emotionale Abhängigkeit und Missbrauch. Zwischen Partyexzess und Identitätskrise tastet sich Nila an die Frage heran: Was bedeutet es eigentlich, gut zu sein?
Aria Abers Sprache ist brutal stark. Bilder, die hängen bleiben. Sätze, die treffen. Teilweise so poetisch und roh, dass ich beim Hören (ich hab's als Hörbuch gehört) echt mehrmals durchatmen musste. Gerade Nilas Innenleben wird extrem gut transportiert: diese Mischung aus Sehnsucht, Scham, Selbstzerstörung. Gleichzeitig hat der Roman aber auch diesen Debütroman-Vibe: manchmal wird es sehr verkopft, fast ein bisschen „künstlich schön geschrieben“, als müsste jeder Satz literarisch glänzen. Es gibt Momente, wo ich dachte: ey, du darfst auch mal den Satz einfach stehen lassen, ohne nochmal die große Metapher zu bemühen. ️
Grundsätzlich: die Geschichte packt. Ja, wir haben hier das Berlin-Setting, Drogen, Techno, toxische Beziehung, das kennt man inzwischen. Aber Aber schafft es, dem eine neue Tiefe zu geben, weil sie die politische, migrantische Ebene konsequent mitdenkt: Nila kämpft nicht nur gegen Marlowe, sondern auch gegen Rassismus, Herkunftsscham, postmigrantische Erwartungen. Kritisch sehe ich aber, dass sich bestimmte Elemente sehr wiederholen. Die Party-Exzesse, die immer gleichen Abstürze, irgendwann hatte ich das Gefühl, ich höre dieselbe Szene zum dritten Mal. An diesen Stellen hätte das Buch klar profitieren können, wenn es ein bisschen straffer erzählt wäre. Und auch das abrupte Reinholen geopolitischer Konflikte gegen Ende wirkte für mich etwas gewollt und hätte subtiler eingearbeitet werden können. Der Islam wird hier oft nur als strenges Regelwerk gezeigt, als Quelle von Scham, Unterdrückung und Kontrolle. Das ist in Nilas individueller Geschichte natürlich glaubwürdig und biografisch nachvollziehbar, aber es bleibt leider sehr einseitig. Mir fehlte hier einfach mehr Differenzierung, der Islam wird fast nur als „Problem“ gezeichnet, nicht als gelebte, komplexe Identität mit ambivalenten Facetten. Gerade in einem Roman, der so stark Identitätsthemen verhandelt, wäre da mehr Nuance drin gewesen. ⚖️
Diese Mischung aus Fremdheitsgefühl, der ungesunden Beziehung zu Marlowe, die so langsam eskaliert, und dieser ständigen Suche nach Kontrolle in einer Welt, die einem permanent entgleitet, das war einfach heftig zu hören. Gerade weil Nilas Gedankenwelt so nachvollziehbar erzählt ist. Ich hab mich stellenweise richtig unwohl gefühlt, aber genau das macht die Stärke des Buches aus. Es ist kein Wohlfühlroman, sondern eine schonungslose Innensicht auf die Widersprüche einer migrantischen Jugend zwischen Anpassung und Rebellion.
Fazit: "Good Girl" ist ein intensives, sprachlich starkes Debüt über Herkunft, Macht, Trauma und Selbstzerstörung. Nicht perfekt, mit klaren Schwächen in Pacing und Differenzierung, aber definitiv ein Roman, der hängenbleibt. Ich bin sehr gespannt, was von Aria Aber noch kommt. ⭐⭐⭐⭐
Bewertung
aus Eichwalde
5/5
28.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berlin schonungslos
Die junge Nila sucht den Sinn des Lebens an all den falschen Orten.
Dieses Buch ist finster, frustrierend, düster und teilweise sehr schwer zu ertragen. Und dann wieder voller Lebensmut und Sternenstaub- sehr berührend. Geht definitiv unter die Haut.
Ich hätte nie gedacht, dass es möglich ist, die Essenz des Berghains in Worte zu fassen, aber Aria Aber ist das Kunststück gelungen.
Nila lebt mit ihrem Vater in Gropiusstadt. Ihre Familie stammt aus Afghanistan. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, träumt davon Künstlerin zu werden, geht feiern, um die Fesseln ihrer Herkunft zu sprengen und wird vom Nachtleben verschlungen.
"Und so tauchte ich in die glitzernde, zerstörerische Unterwelt Berlins ein, wobei meine Einsamkeit nur dann gelindert wurde, wenn ich nachts feiern ging und mich anschließend in eine WG mit tätowierten Männern und Frauen verirrte, die unter einem gerahmten Foto von Ulrike Meinhof Poppers ballerten und über die Offensive 77 diskutierten."
Im Klub trifft sie den wesentlich älteren, abgehalfterten Autor Marlowe und beginnt mit ihm eine Beziehung. Und so dreht sich die Spirale der Gewalt, Drogen, Missbrauchs immer weiter."Good Girl" ist definitiv keine leichte Kost, aber es hat eine Wucht und Ehrlichkeit, die besonders ist. Unglaublich, dass das ein Debüt ist.
Bin sehr gespannt aufs nächste Werk der Autorin.
V
aus München
5/5
04.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Keine Feelgood-Lektüre
Ein Berlin-Roman - schnelle Wendung, viel Musik, viele Drogen. Dazwischen Nila, Halbwaise aus Afghanistan, die an ihrem Leben verzweifelt. Starkes Buch, keine Feelgood-Lektüre aber absolut empfehlenswert.
Bewertung
5/5
02.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Loblied über eine junge Frau, die ihre Wurzeln nicht akzeptieren kann
Die 19-jährige Nila ist aus Afghanistan und lebt mit ihrem Papa im Berliner Plattenbau, ihre Mama ist vor 3 Jahren verstorben. Nila flüchtet in die Technowelt, alte Kellerdiscos, Drogen und Alkohol. Das ist ihr Ausweg, ihr Ausweg aus einem Leben, was sie nie leben wollte. Ein Leben, aus dem sie nicht rauskommt. In einer Kellerdisco lernt sie den amerikanischen Schriftsteller Marlowe kennen und verliert sich in ihm und seiner Welt…
„Wir lernten, uns mit Präzision zu verachten.“
Wow - ein sehr heftiges, trauriges, aber auch super schön geschriebenes Buch. Selbst in einer absoluten Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen, habe ich Nilas Leben mit teilweise Herzschmerz mitgefühlt. Man will auch kein Mitgefühl haben, aber ich durfte mir bewusst machen, wie privilegiert ich aufgewachsen bin und lebe. Das Buch ist ein Loblied auf die Jugend einer Frau, die versucht sich zu finden, aber in den Fesseln ihrer Familie und Religion steckt. Nila verliert sich in Freundschaft, Alkohol, Drogen, Sex und Trauer. Danke für die offenen und ehrlichen Worte
Wir können niemals eine andere Person wirklich kennen. Das Einzige, worauf wir hoffen können, ist, uns selbst zu kennen.“
Bewertung
4/5
20.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist ein Good Girl?
Nila wächst mit dem Glauben auf, ein Gutes Mädchen, ein „Good Girl“ sein zu müssen.
Doch alles in ihr sträubt sich dagegen, dem Lebensstil ihrer afghanischen Eltern und deren Wertvorstellungen zu folgen.
Nila verbringt ihre Zeit lieber in Clubs, auf Raves und zugedröhnt mit allen möglichen Drogen. Und mit Marlowe, der sie magisch anzuziehen scheint, aber wie wir schnell merken, überhaupt nicht gut für sie ist.
Aria Aber‘s Schreibstil hat mir unfassbar gut gefallen!
Sie schafft es, Nilas Scham, ihren Frust und den Versuch, sich selbst in einer toxischen Beziehung mit einem älteren Mann zu finden, poetisch und lebendig darzustellen.
Für meinen Geschmack gab es etwas zu viele verpasste Chancen, diese toxische Beziehung zu verlassen. Außerdem hat der plötzliche, politische Exkurs zum Ende hin, der unverkennbar wichtig für Nilas Erfahrungen und Entwicklung war, mich leider etwas aus der Geschichte geworfen.
Für einen Coming-of-Age Roman hat „Good Girl“ mir aber sehr gut gefallen!
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