Sunday lebt mit ihrer sechzehnjährigen Tochter Dolly noch immer in dem Haus, in dem schon sie aufgewachsen ist. Sie ist anders als die meisten Menschen. An manchen Tagen isst sie ausschließlich weißes Essen und sie hat einen Ratgeber aus den Fünfzigern, der ihr in komplexen sozialen Situationen hilft. Sundays geordnetes Leben gerät jedoch aus den Fugen, als die charismatische Vita mit ihrem Mann nebenan einzieht. Gänzlich von der schillernden Person eingenommen, freunden die beiden Familien sich schnell an, gehen im Haus der anderen ein und aus. Sunday fühlt sich akzeptiert und geliebt wie selten zuvor. Auch Dolly ist zunehmend fasziniert von Vita. Genau hier liegt das Problem, denn was Sunday nicht ahnt: Unter der makellosen Fassade versteckt sich etwas Dunkles.
Eine Mutter, ein Ratgeber und eine charismatische Nachbarin, die jede Regel bricht: All die kleinen Vogelherzen, der Debütroman von Viktoria Lloyd-Barlow, ist eine authentische Auseinandersetzung mit dem Leben als Autistin. Der Own-Voice-Roman einer neuen literarischen Stimme aus England war für den Booker Prize 2023 nominiert und wurde von Sabine Längsfeld ins Deutsche übersetzt.
Das gleichnamige HörErlebnis erscheint als digital only bei GOYALiT und wird eindrücklich von Katja Danowski interpretiert.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Mirja103
aus Hamburg
3/5
09.02.2025
eBook (ePUB)
Interessante Einblicke
Sundays Leben ist geprägt durch Struktur und klare Abläufe. Aufgrund ihres Autismus mag sie keine Spontanität. Das ändert sich als nebenan die lebenslustige Vita einzieht. Sie setzt sich teilweise über Sundays Grenzen hinweg und diese freut sich schließlich sogar darüber. Ihre 16-jährige Tochte Dolly wird ebenfalls von Vita und ihrem Mann in den Bann gezogen. Zunächst scheint es, als ob es sich für alle gut entwickelt. Aber nach und nach wird deutlich, dass Vita Dolly immer mehr vereinnahmt und sich zwischen sie und ihre Mutter drängt. Immer wenn Sunday dies ansatzweise unterbinden möchte, wirft Vita ihr ein paar Brotkrumen hin, indem sie besonders nett zu Sunday ist.
Die Einblicke in das Leben der autistischen Sunday haben mir gut gefallen. Es wird deutlich, was ihr im Umgang mit anderen schwerfällt und was sie bräuchte. Leider sieht dies kaum jemand bzw. wird darauf nur selten Rücksicht genommen. Dabei wäre es oftmals einfach gewesen. Dollys Abwendung von ihrer Mutter war für mich nicht nachvollziehbar. Und auch warum ihr Vater und die Großeltern sie dabei unterstützen, die Schule abzubrechen und zu Hause auszuziehen, hat sich mir nicht erschlossen. Ebensowenig die Kehrtwende kurz vor Ende des Romans.
Zu Beginn musste ich mich daran gewöhnen, dass die Autorin langsam in die Geschichte hineinführt. Dann mochte ich den ruhigen Schreibstil. Abgesehen von Vita und ihrem Kollegen, waren mir die Charaktere unsympathisch. Richtig begeistern konnte mich die Geschichte nicht.
begine
aus Lemwerder
5/5
30.11.2024
Hörbuch-Download (MP3)
Authentisch
Die britische Autorin Viktoria Lloyd-Barlow stand mit ihren lateranischen Debütroman,
All die kleinen Vogelherzen auf der Longliste des Booker Preises 1923.
Das Hörbuch wird gesprochen von Katja Danowski, die es ausgesprochen gut versteht die autistische Protagonistin perfekt ins Wort zu rücken.
Die Autorin leidet selber an Autismus, deshalb ist der Roman wunderbar dargestellt.
Sunday lebt mit ihrer 16jährigen Tochter Dolly in einem Haus, das schon ihren Eltern gehörte.
Als die neuen Nachbarn sie einluden freuten sie sich, aber die sind schon sehr eigenartig.
Die Autorin zeigt uns genau, wie autistische Personen empfinden. Das ist für mich gut zu wissen.
Der Roman ist unbedingt lesenswert und ich freue mich das ich es hören durfte.
Bewertung
5/5
17.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Intensiv und berührend
Die Hauptprotagonistin Sunday ist Autistin und alleinerziehend. Zusammen mit ihrer 16 jährigen Tochter Dolly wohnt sie in ihrem Elternhaus und arbeitet in der Gärtnerei ihrer Schwiegereltern. Ihr Leben verläuft in völlig geregelten Bahnen bis ein neues Ehepaar ins Nachbarhaus zieht. Rollo und vor allem seine Frau Vita sind all das, was Sunday fremd ist : extrovertiert, spontan, emotional. Auf Sunday und auch auf Dolly übt Vita eine Faszination aus, der sich beide kaum entziehen können und ganz schleichend gerät ihr Leben dadurch völlig aus den Fugen; bis nichts mehr ist, wie es vorher war.
„All die kleinen Vogelherzen“ von Viktoria Lloyd-Barlow gehört auf jeden Fall zu den beeindruckendsten Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe. Die Autorin, die selbst Autistin ist, erzählt auf besondere und sehr authentische Weise, wie es sich anfühlt, anders zu sein und man rücksichtslosem und manipulativem Verhalten nichts entgegenzusetzen hat.
Die Übersetzung verdient hier auch ein großes Lob wie ich finde. Sabine Längsfeld hat genau die richtigen Worte gefunden, um uns die Gefühls- und Gedankenwelt der autistischen Protagonistin näher zu bringen. So alltäglich für uns die meisten Situationen sind, so komplex sind sie für Sunday. Beim Lesen wird einem bewusst, wie anstrengend es sein muss, am „normalen“ Leben teilzunehmen, wenn man alles so anders empfindet.
Auch Vita ist ein Charakter, der der Autorin sehr gut gelungen ist. Ihre distanzlose, übergriffige Art, die mich immer mehr entsetzte, wirkt auf Sunday und Dolly unglaublich anziehend, was zu immer tiefgreifenderen Veränderungen führt. So entwickelt die Geschichte einen unglaublichen Sog, wird von Seite zu Seite beklemmender.
Fazit
„All die kleinen Vogelherzen“ ist ein sehr intensives Leseerlebnis. Sich darauf einzulassen lohnt sich unbedingt.
TochterAlice
aus Köln
5/5
30.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Autistin mit Familie Das ist…
Autistin mit Familie Das ist Sunday, die in einem kleinen englischen Dorf lebt und ihre Tochter Dolly allein großzieht - ihr ehemaliger Mann hat sich ob ihrer Eigenarten längst von ihr getrennt und auch die ehemaligen Schwiegereltern, Inhaber einer großen Gärtnerei, sehen sie eher als Arbeitskraft. Damit, dass ihre Tochter sie oft nicht versteht, hat sie sich längst arrangiert, obwohl ihr dies immer noch überaus schwerfällt. Deswegen ist es für Sunday überraschend, dass ihre neue Nachbarin Vita den Kontakt förmlich sucht - nach kurzer Zeit schon werden Sunday und Dolly jeden Freitag bei ihr und ihrem Ehemann zum Dinner eingeladen. Mehr und mehr jedoch ist es Dolly, um die sich Vita kümmert, nach einiger Zeit verbringt sie dort ihre gesamten Wochenende. Mindestens. Es heißt, sie arbeitet für die beiden. Sunday fühlt sich ausgegrenzt und versucht erfolglos, die Situation zu ändern. Dass es noch dicker kommen wird, kann sie nicht ahnen. Ein wundervoller Roman, in dem es um das Anderssein geht - und zwar von innen heraus. Denn die britische Autorin Viktoria Lloyd-Barlow ist selbst Autistin und hat es mit diesem Roman 2023 auf die Longlist des Booker Prize geschafft. Was heißt geschafft: ich könnte mir vorstellen, dass die Juroren von der eigenwillig-bezaubernden Sprache der Autorin, ihrer Selbstverständlichkeit, bestimmte Angelegenheiten direkt anzusprechen, genauso verzaubert waren wie ich!
Magnolia
5/5
25.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wundervoll erzählt
Sunday befindet sich in diesem Sommer vor drei Jahren in einer ausgeprägten Phase weißer Lebensmittel, die etliche Varianten umfasst, je nachdem, was sie gerade zu sich nehmen kann. Es gibt Tage, die nur trockene Nahrung erlauben und dann gibt es wieder solche, in denen sie auch ein Ei in abwandelbarer Form – wie etwa Rührei oder Omelette - essen kann. Sie ist in vielerlei Hinsicht anders als andere, ihr Autismus prägt ihr Leben und logischerweise auch das ihrer 16jährigen Tochter Dolly.
Viktoria Lloyd-Barlow zeichnet ein Bild einer autistischen Frau, die sich sehr bemüht, nicht unangenehm aufzufallen. Eine Benimmregel für Damen, um in Gesellschaft zu bestehen, liefert ihr dazu wertvolle Tipps. Sunday ist in dem Gartenbaubetrieb ihrer Ex-Schwiegereltern beschäftigt wie auch der gehörlose David, mit dem sie sich gut versteht. Ihr Leben ändert sich, als im Haus nebenan Vita und Rollo einziehen. Vita ist so anders, sie ist eine schillernde Persönlichkeit, sie ist forsch, sie ist charismatisch, dazu ohne jegliche Scheu, sie kommt im Schlafanzug, bittet um ein Glas Milch, setzt sich zu ihr – und bleibt. Einfach so, obwohl sie sich noch nicht kennen. Sunday ist fasziniert von ihr. Sie zerlegt die Worte, die sie aus Vitas Mund hört, betont die Silben, zieht sie in die Länge, wiederholt sie. „Vita spricht nicht, sie trilliert… wie ein kleiner Vogel.“ Sunday ist von Vitas Art sehr angetan, sie wird von ihr regelrecht umgarnt, umschmeichelt. Und bald schon zieht Vita Dolly an sich.
Ich staune, ich lese die ersten Seiten voller Neugier. Aus Sunday Sicht entwickelt sich die Geschichte um das Anderssein, um Freundschaft und Familie bis hin zur Übergriffigkeit, die jegliche Grenzen sprengt. Die Ich-Erzählerin ist sanftmütig, dazu scheint sie keinerlei Argwohn zu hegen, obwohl dies durchaus angebracht wäre. Ihre Welt ist geradlinig, Hinterlist erkennt und versteht sie nicht. Schon als Kind wird ihre Schwester ihr in jeglicher Hinsicht vorgezogen, diese Zurücksetzung zieht sich durch ihr Dasein und nun ist es diese Vita, die sich in ihr Leben drängt.
Es ist ein sehr berührender Roman, die Autorin bietet einen detaillierten Blick in Sundays Welt. Der schöne Schein gerät ins Wanken, Dolly entgleitet ihr, dunkle Kräfte sind am Werk. Die Story ist eher bitter, die Charaktere vielschichtig – von ehrlich und aufrichtig bis hin zu manipulativen und sehr eigennützigen, rücksichtslosen Personen. „All die kleinen Vogelherzen“ haben mich sehr berührt. Es ist trotz des ernsten Themas ein wunderbares Buch in einer wunderschönen Sprache, das bezaubert und auch nachdenklich macht. Ein Buch, das ich gerne gelesen habe und das ich sehr gerne weiterempfehle.
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