Erste deutsche Übersetzung des 1928 in Frankreich erschienenen Essays "Pourquoi je ne suis pas féministe".
Die französische Schriftstellerin Rachilde (1860-1953) beschäftigt sich hier auf provokante und humorvolle Weise mit dem Feminismus ihrer Epoche. An den Beispielen Erziehung, Bildung, Religion, Liebe und Mode analysiert sie das damalige Leben der Frauen und insbesondere der Schriftstellerinnen, der „Femmes de lettres“. Sie amüsiert sich über Frauen, die trinken und rauchen wie Männer, die sich das Haar kurz schneiden lassen und Hosen tragen. Das alles geschieht aber auch nicht ohne Selbstironie: Zu Beginn ihrer Karriere – Ende des 19. Jahrhunderts – hat sich die Autorin ebenfalls als Mann verkleidet. Als der Essay erschien, war Rachilde 68 Jahre alt und längst selbst eine erfolgreiche Schriftstellerin und Literaturkritikerin.
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Bewertung
4/5
20.10.2024
Buch (Taschenbuch)
Wiederentdeckt, streitbar und lesenswert
Bei dem Buch handelt es sich um einen politischen Essay der französischen Literaturkritikerin und Autorin Rachilde, der 1928 in Frankreich erschien und nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.
Ich habe mich an diesem Text gerieben! Ich stimme Rachilde nämlich an äußerst wenigen Stellen zu und würde mich gerne erbittert mit ihr streiten, warum sie, die als erfolgreiche Schriftstellerin Männerkleidung trug und u.a. die Emanzipation von Frauen und das, was wir heute Queerness nennen würden, zu einem Kernthema ihrer Romane machte, in ihrer Kritik am Fortschritt den zeitgenössischen Feminismus gleich mit abweist, ihn verantwortlich macht für weiblichen Alkoholkonsum oder für dessen Missachtung von Klasse (was sicher nicht pauschal für alle Feminismen dieser Zeit gilt), nur um dann kurz darauf selbst wieder den Inbegriff liberaler, fortschrittlicher weiblicher Klassenignoranz zu verkörpern. Rachilde ist nicht wirklich greifbar, an vielen Stellen konnte ich schwer einordnen ob sie Dinge ernst meint oder ironisch, zumal weil ich sie bisher gar nicht kannte. Aber sie war eine wichtige Figur der französischen Literaturgeschichte und sie fordert zur Selbstreflexion heraus, dazu, sich auch bei Ablehnung zu fragen, bis wohin man denn zustimmen würde und was man anders sieht.
Hilfreich sind in diesem Kontext auch die mit übersetzten beiden zeitgenössischen Rezensionen, eine positiv und eine negativ, die einen Einblick in die damalige Rezeption des Essays geben.
Als Einstieg wurde dem Essay ein Vorwort von Barbara Vinken vorangestellt, die manche von euch eventuell durch ihr Buch „Die deutsche Mutter“ kennen. Auch das liefert nochmal Einblicke, allerdings habe ich hier auch zwei Kritikpunkte. Denn einerseits ist es sehr positioniert, was an sich begrüßenswert ist, aber selbst ein gewisses Vorwissen über die Autorin Rachilde voraussetzt. An einigen Stellen hätte ich mir hier noch ein paar mehr sachliche oder auch kritischere Einordnungen gewünscht, gerade, weil man bei einer länger vergessenen und erst langsam wiederentdeckten Autorin nicht unbedingt davon ausgehen kann, dass die durchschnittlichen Leser*innen sie schon kennen.
Und zweitens hätte ich mir darin etwas mehr Sensibilität für Queerness gewünscht. Denn Rachilde bezog sich offenbar öfter mal auf Charles d’Eon de Beaumont, besser bekannt als Chevalière d’Eon. Eine Person aus dem 18. Jahrhundert, die aufgrund der langjährigen Selbstdarstellung als weiblich sogar als Referenzpunkt der frühen Forschung zu trans Identität fungierte. Und auch, wenn nach dem Tod eine medizinische Untersuchung die Chevalière als männlich einordnete, so muss man daraus doch nicht schließen, dass sie auch sicher männlich war, weil man damit eben eine sehr körperbezogene Betrachtung übernimmt und dabei noch eine, die gar keine Auskunft über Hormone oder Chromosomen geben kann, also ohnehin aus heutiger Sicht unvollständig ist. Vinken übernimmt hier aber einfach die Aussage, die Chevalière sei männlich gewesen. Das hätte man anders lösen können.
Mein Fazit: Rachilde ist eine streitbare, spannende Figur und ich habe durch den Essay Einblicke in das Frankreich der 1920er erhalten. Emanzipierte und emanzipatorische Autorinnen sind auch historisch gesehen immer sehr divers gewesen und deshalb finde ich es wichtig, solche mit unterschiedlichen Positionen zu lesen. Wer also etwas inneren Disput mit einem Büchlein und einer längst verstorbenen Autorin sucht, sollte zu diesem Buch greifen. Es lohnt sich!
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