Aufklärung ist das Beste, was die Menschheit je hervorgebracht hat. Ihre Essenz besteht in dem Streben nach Objektivität und intersubjektiver Rechtfertigung. Ein elitäres Minderheitenprojekt, dem große Teile der Menschheit enorme Errungenschaften zu verdanken haben. Dennoch ist derzeit das Ende der zweiten Aufklärungsepoche zu beobachten. Ursächlich sind die immensen Belastungen einer emanzipierten Lebensform ebenso wie aktuelle politische und soziologische Stressfaktoren. Zu diesen gehören ein kapitalistisch verkürztes Freiheitsverständnis ebenso wie Migrationsbewegungen, eine mangelnde Verteidigung des ethischen Universalismus oder ein Antirassismus ohne Bewusstsein für negative Dialektik. Die Erosion bewirkt eine Rückkehr zu den autoritären Standardmodellen der Menschheit gepaart mit den technischen und medialen Potentialen der Moderne. Zeit für einen Blick zurück in Dankbarkeit und eine kritische Betrachtung dessen, was uns erwartet.
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Ein Weckruf für alle Freiheitsliebenden
Bewertung am 17.02.2023
Bewertungsnummer: 1881848
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Vermutlich bräuchte es eine ganze Regalwand an Büchern um alle Verdienste der Aufklärung im Einzelnen zu würdigen und zugleich alle Anzeichen für ihr Verschwinden zu dokumentieren. Aber weil das niemand verfassen könnte und niemand lesen würde, wählt Markus Tiedemann klugerweise die Form des Essays, um dieses Mammutthema konzis zu umreißen.
Er hebt an mit einem Lob der Aufklärung, sowohl der ersten, griechisch-antiken, als auch der zweiten, neuzeitlichen und zeigt, was wir ihr zu verdanken haben an lebenserleichternden und kulturerweiternden Erfindungen und Entdeckungen, Konstitutionen und Institutionen – von der Glühbirne bis zu den Menschenrechten. Die Aufklärung, so Tiedemann, ist „simply the best“ was die menschliche Vernunft je hervorgebracht hat.
Aber warum ist sie dann ein elitäres Minderheitenprojekt geblieben und hat nicht die gesamte Welt erfasst, warum ist sie gar im Niedergang begriffen? Davon und von ihren Bedrohungen handelt der größte Teil des Essays. Aufklärung ist anstrengend. Der Mensch ist zwar vernunftbegabt, aber nicht „vernunftaffin“: Es fällt schwer, sich an Unparteilichkeit, dem Streben nach Objektivität, Wahrheit, Gerechtigkeit, Humanität und vernünftiger Selbstbestimmung, den Kennzeichen der Aufklärung, zu orientieren. Es ist bequemer, sich lenken und leiten zu lassen, sich seinen Gefühlen hinzugeben, in Gruppenidentitäten aufzugehen und den Vernunftgebrauch auf das Instrumentelle zu verkürzen. Aufklärung war daher schon immer ein fragiles, bedrohtes Projekt. Und es kommen neue, mächtige Bedrohungen hinzu: politisch die Ausbreitung von antiaufklärerischen, autoritativen Regimen; sozial der Zerfall homogener Gesellschaften in zahllose, widerstreitende ‚communities‘, die eine Orientierung am Gemeinwohl verunmöglichen; philosophisch die Attraktivität postmoderner, relativistischer, konstruktivistischer Ideen, die eine aufklärerische Wahrheitsorientierung und das Streben nach Objektivität und Universalität für nichtig erklären; technologisch die Digitalisierung von Kommunikation und der ‚iconic turn‘, die dem analytischen, strukturierten Denken zusetzen und es den woken Wächtern von Diversität und politischer Korrektheit leicht machen, ihre intoleranten Hetzjagden im Netz zu veranstalten.
All diese Tendenzen werden en détail entfaltet, an zahlreichen Beispielen veranschaulicht und immer wieder rückbezogen auf die Ideen von Freiheit, Objektivität und Wahrheit. Und sie münden in einer resignativen Rückschau auf eine „großartige und erhabene“ Leitidee, an die wir uns dankbar erinnern sollten. Ist das ein Abgesang oder ein letzter Weckruf?
Aber es bleiben ein paar Fragen: Tiedemann fokussiert sehr stark auf I. Kant als den zentralen Gewährsmann der Aufklärung – aber gehören nicht auch David Hume, J.J. Rousseau, Voltaire zu den Heroen? Und rücken damit nicht andere Kennzeichen der Aufklärung in den Fokus, die womöglich resilienter sind gegen die menschlichen Schwächen? Vernunft, Moral und Natur werden in verschiedenen Phasen der Aufklärung in Beziehung gesetzt: ‚Was moralisch ist, ist auch vernünftig und natürlich‘, so denkt die Frühaufklärung; ‚Was vernünftig ist, ist auch moralisch und natürlich‘, heißt es in der Hochaufklärung, etwa bei Kant. ‚Was natürlich ist, ist auch vernünftig und moralisch‘, das propagiert die Spätaufklärung und stützt sich dabei auf Hume. Käme eine an der Spätaufklärung orientierte Konzeption von Aufklärung nicht zu einem weniger fatalistischen Urteil über die Zukunft dieser Idee?
Noch radikaler gefragt: Was Tiedemann zu Kennzeichen von Aufklärung erklärt, von dem sagt Richard Rorty in seinem posthum erschienenen Werk „Pragmatismus als Antiautoritarismus“ es sei damit erst der halbe Weg der Aufklärung beschritten. Vollendet sei sie erst, wenn wir uns auch von der Idee einer einzigen, nicht epistemischen Wahrheit, von Objektivität und Universalismus verabschiedeten und uns auf Vertrauen, Mitgefühl, Toleranz und Emanzipation von allen Autoritäten als Zeichen einer wahren Aufklärung konzentrierten. Liegt also das fatalistische Fazit von Tiedemann darin begründet, dass er Aufklärung zu eng, nur kantianisch, versteht? Bleibt die Aufklärung nicht vielmehr „ein unvollendetes Projekt“, für das es sich weiter lohnt zu kämpfen?
Die Aufklärung im strengen Sinne Kants, das zeigt uns Tiedemann eindrucksvoll, ist (vorläufig) verspielt – aber für ein weniger anspruchsvolles, womöglich aber menschengerechteres Verständnis scheint es nicht zu spät.
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