Die Frau mit dem blumengemusterten Kleid erhebt sich endlich aus ihrem Bett. In der Hitze des Zimmers bleibt ihre Vergangenheit wie in Schwaden stehen: die Vergangenheit eines versteckten jüdischen Kindes. »Immer wieder taucht jemand auf und soll zu uns gehören«, murmelt ihre Schwester. Der Thanksgiving-Truthahn in Chicago verschluckt das Schwarze Amen ihres Mannes, der für die Kinder Palästinas um Frieden betet, während am anderen Ende des Tisches mit einem weißen Amen eine Danksagung an den amerikanischen Präsidenten gesprochen wird. Der nunmehr jüdisch-orthodox bekennende Sohn nennt seine Mutter Closet-Jew. Gojische Partner*innen der zweitverheirateten Überlebenden eignen sich deren »Wiedergutmachung« an, und schließlich weigert sich auch der russische Rabbiner, das Vorkriegsgrab von Berlin-Weißensee zurückzugeben.\n\nTraurig, empörend, unerhört und, wenn die Tante sich die klebrigen Kekse aus der Flughafenlounge in die Tasche stopft, auch komisch, wie Filmschnitte aus einem nicht geplanten Drehbuch. »Ein Haufen Dollarscheine« ist ein verrücktes Familienszenario zwischen Berlin, Chicago, Heppenheim, Rom und wieder zurück.
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5.0/5.0
Bewertung
5/5
15.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartig
Was ist das für ein Buch?! Eine schwarz-weiße jüdische Familie, Übriggebliebene. Zerstreut in die Welt, USA, Italien, Deutschland.
Da ist die Frau mit dem blumengemusterten Kleid, sie ist die noch lebende Überlebende. Sommerhitze in Berlin. Sie hat Missionen. Es geht um ein verschwundenes jüdisches Grab auf einem christlichen Friedhof und einen jüdischen Friedhof, der Beweise für die Jüdischkeit der lange begrabenen Gebeine verlangt. Es geht um eine Wohnung in Berlin, ein Häuschen in den USA: verlorenes Erbe aus "Wiedergutmachungszahlungen", das die christlichen angeheirateten Familien sich angeeignet haben.
Da sitzen der Sohn der Frau ("der Neffe") und ihre Schwester ("die Tante") stundenlang in der Flughafenlounge vom BER in der Hitze, die Schokoladenkekse verschmieren ihre Hand und die Segafredo Pads beulen seine Jackentasche, und es geht natürlich um viel mehr. Die Gedankenströme und die Gespräche kreisen und kreiseln, immer wilder, berühren, graben aus, bringen zum Vorschein. Familiengeschichte ("immer wieder taucht jemand auf und soll zu uns gehören"), Traumata, Abnabelungen. Sie erzählen vom Kampf gegen Windmühlen, kafkaeske Erfahrungen mit Behörden. Schamesröte auf dem Gesicht der Leserin.
Die Prägnanz und Klarheit von Dischereits Erzählen gehen an die Nieren, ihre auch dem fiktiven Selbst gegenüber gnadenlos genauen Beobachtungen sind oft sehr, sehr komisch - manchmal steht das Lachen aber kurz vor dem Entsetzen. Sätze treffen ins Gewissen.
Elfriede Jelineks Bemerkung "Dieses Buch ist schwer und leicht zugleich, das ist eine große Kunst." finde ich großartig. Und Dischereits Buch auch.
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