Eigenwillig, brutal und wunderschön: eine raue Liebeserklärung an ein vergessenes England
Anfang 2001 bricht auf den Farmen im nordenglischen Lake District eine tödliche Seuche aus, die die Schafe aus den Tälern verschwinden lässt und den Himmel mit dem beißenden Rauch der brennenden Kadaver verdeckt. So beginnt die dunkle Geschichte von Steve Elliman und William Herne. Die beiden Schafzüchter gehören zu denen, die alles verlieren. Im Diebstahl einer Herde im Süden des Landes sehen sie ihre einzige Rettung. Scott Preston erzählt von einem vergessenen England und einer verlorenen Generation, von Bauern, die sich in der brutalen Hingabe an ihre Herden verlieren, von den Folgen eines spektakulären Raubüberfalls und vom Scheitern im Kampf um die eigene Existenz. »Über dem Tal« ist die Liebeserklärung an eine atemberaubend schöne Landschaft, deren archaische Unerbittlichkeit die Bedingung für die ist, die in ihr leben. Scott Prestons »Über dem Tal« ist eine wütende und hochpoetische Feier der Größe unserer kleinen Welt.
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
darkola77
5/5
12.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman, der bleibt
Mit einem neuen Lieblingsbuch gleich in das neue Jahr gestartet. Das passt! Und ganz unerwartet hat mich die Geschichte tief ins Herz getroffen, mich so sehr berührt, mitgerissen, mir Schauer über den Rücken gejagt. Und mich vor allem zu einer großen Schafsliebhaberin gemacht. Und vielleicht auch ein wenig zu einer Kennerin.
Das klingt wild, ist es auch. Und vor allem die Landschaft, in welcher „Über dem Tal“ angesiedelt ist. Wenn „Siedlung“ denn überhaupt der richtige Ausdruck für die Einsamkeit, Wildheit und die ursprüngliche Landschaft der Fells ganz im Norden Englands ist. Und eben hier, mitten in und mit der Natur, sind die Höfe der Schafbauern in die rauhen, kargen Hügel und Felsen geschmiegt. Williams Anwesen Caldhithe ist mit Größe der Ländereien und Schafsherde Montgarth überlegen, dem Hof, welchen Steve gemeinsam mit seinem Vater bewirtschaftet. Als die Maul- und Klauenseuche den eigenen Tierbestand befällt, findet er den Weg auf das benachbarte Anwesen und erliegt dort der Faszination des älteren Mannes, seiner Grausamkeit, Brutalität, Geradlinigkeit. Und auch der Warmherzigkeit Helens, Williams Frau, welche ihm das erste Mal ein Gefühl von zu Hause gibt.
Steve ist William und Caldhithe verfallen. Und damit beginnen sein Glück und Unglück. Seine Kriminalität, ein Leben an den eigenen Grenzen und darüber hinaus. Doch vor allem führt er ein Leben, das er mit jeder Faser seines Körpers und jeder Minute des Tages den Schafen, ihrer Zucht und Aufzucht, dem Fortbestand der Herde widmet. Und das er im Einklang mit der rauhen Natur, der kargen Landschaft und schier endlosen Weite der Fells verbringt. Das ihm alles abverlangt. Und ihn doch erfüllt.
Ebenso ging es mir mit diesem Roman. Ja, die Geschichte ist hart und grausam, zugleich aber wunderschön mit Bildern von einem beeindruckendem Land und mit poetischer, sanfter Sprache. Und mit einer Sehnsucht nach einem einfachen, ursprünglichen Leben und ebenso dem Respekt vor diesem und seinen Entbehrungen. Und vor allem schreibt sie sich tief in das Herz. Und bleibt.
Claudia92
4/5
20.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schafe
Die Herde Schafe von Steve und seinem Vater musste gekeult werden, denn 2001 brach die Maul und Klauenseuche in England aus. Steve geht zu seinem Nachbarn, der 6km entfernt wohnt um auch hier beim Keulen zu helfen. Es ist sehr deutlich geschrieben, nichts für einen schwachen Magen. Die nächsten 3 Jahre fährt Steve als Trucker durchs Land, bis er doch wieder bei William landet und ehe er sich's versieht, stehlen sie zusammen Schafe von einem großen Hof. Wie es danach mit beiden weitergeht und welche zwielichtigen Gestalten noch eine Rolle spielen, sollten Sie selbst lesen. Es ist sehr gut geschrieben, sehr intensiv und leider auch aktuell
Monsieur
4/5
19.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Blutgetränkte Landschaften
Scott Prestons Roman "Über dem Tal" entführt die Leser in den rauen und unbarmherzigen Lake District im Norden Englands – eine Region, die mit ihrer schroffen Schönheit und ihrer zeitlosen Atmosphäre den idealen Hintergrund für die tragische Geschichte von Steve Elliman bietet. Mit viel Liebe zum Detail und einer ungeschönten Darstellung des harten Lebens auf dem Land beschwört Preston den Charme einer verloren geglaubten Welt herauf, die jedoch alles andere als idyllisch ist.
Im Zentrum der Handlung steht Steve Elliman, ein wortkarger und raubeiniger Mann, dessen Leben seit seiner Geburt von der Schafzucht und dem kargen Dasein im Tal geprägt ist. Sein Vater lehrte ihn nicht nur, wie man Schafe hütet und das Land bewirtschaftet, sondern auch, wie man überlebt. Diese Fähigkeit wird für Steve zur zentralen Konstante in einem Leben, das von Entbehrungen und Enttäuschungen gezeichnet ist. Der Roman macht keinen Hehl daraus, wie hart das Leben im Lake District ist: Jeder Tag fordert Steves vollen Einsatz, und die Natur zeigt sich oft von ihrer grausamsten Seite.
Die Handlung nimmt eine drastische Wendung, als eine tödliche Seuche das Tal heimsucht und die Schafzüchter in den Ruin treibt. Steve verliert alles – seinen Hof, seine Tiere und schließlich auch die letzten Reste von Stabilität in seinem ohnehin prekären Leben. Doch Steve ist ein Mann, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Gemeinsam mit seinem Freund William, der ihm in seiner Sturheit und Widerstandskraft ähnlich ist, gerät er auf die schiefe Bahn. Die beiden entscheiden sich, eine Herde Schafe zu stehlen, um überleben zu können – eine Entscheidung, die sie unweigerlich in einen Strudel der Gewalt zieht.
Was folgt, ist eine Abwärtsspirale, die das vermeintlich malerische Tal in ein blutgetränktes Schlachtfeld verwandelt. Die unbarmherzige Natur spiegelt die zunehmende Brutalität wider, die die Figuren in ihrem Kampf um die Existenz an den Tag legen. Preston gelingt es, die Ambivalenz dieser Welt einzufangen: Einerseits die natürliche Schönheit der Landschaft, andererseits die brutale Realität des Lebens in ihr. Diese Dualität zieht sich durch den gesamten Roman und verleiht ihm eine besondere Tiefe.
Die Charaktere sind tief mit ihrer Umwelt verwurzelt. Für sie ist das mühsame Leben im Tal keine Last, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ihre Moralvorstellungen sind den harten äußeren Umständen angepasst, und so erscheinen ihre Handlungen oftmals brutal und unreflektiert. Steve Elliman ist dabei die zentrale Figur, durch deren Augen die Leser diese Welt erleben. Preston lässt ihn die Handlung dominieren und nimmt sich selbst als Autor weitgehend zurück. Stilistisch wirkt der Text wie aus Steves Feder: kurze, abgehackte Sätze, die kaum Raum für Reflexion lassen. Diese Art des Schreibens unterstreicht Steves pragmatische und wortkarge Persönlichkeit, macht die Lektüre jedoch bisweilen anstrengend.
Besonders auffallend ist, wie die Landschaft in die Handlung integriert wird. Preston verzichtet auf ausschweifende Beschreibungen und vermittelt die Umgebung stattdessen durch ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Figuren. Der beißende Wind, die eisige Kälte und die Verletzungen, die durch das harsche Terrain verursacht werden, lassen die Leser die Natur fast physisch spüren. Diese Technik macht die Erlebnisse der Charaktere spürbar und verleiht dem Roman eine authentische, wenn auch wenig angenehme Atmosphäre.
Die literarische Qualität von "Über dem Tal" ist schwierig einzustufen. Der Roman weist deutliche Parallelen zu den Werken von Cormac McCarthy auf, verlegt jedoch das Setting vom amerikanischen Westen in den Norden Englands. Anstelle von Drogen oder Pferden stehen Schafe im Mittelpunkt – ein ungewöhnliches Objekt der Begierde, für das jedoch ebenso gestohlen und gemordet wird. Die Handlung weist immer wieder Elemente eines Krimis auf, mit Schießereien und Brandanschlägen, die bildreich beschrieben werden. Gleichzeitig gibt es leise Momente, etwa wenn Steve und seine langjährige Freundin Helen allein auf der Farm sind oder wenn die Männer in den Bergen ihre raue Freundschaft pflegen. Diese Wechsel zwischen laut und leise, zwischen Gewalt und Intimität, tragen dazu bei, die Spannung aufrechtzuerhalten.
Die Verbindung zwischen Idylle und Gewalt ist eines der gelungensten Elemente des Romans. Die Symbiose zwischen Schafzucht und Kriminalität wirkt jedoch oft zu konstruiert, um wirklich zu überzeugen. Dennoch bietet "Über dem Tal" einen faszinierenden Einblick in eine Welt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Die Charaktere und ihre Lebensweise sind für den modernen Leser ebenso fremdartig wie faszinierend. Auf eine schräge und unkonventionelle Weise gibt Scott Preston diesen Menschen eine Stimme.
Christian1977
aus Leipzig
4/5
19.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Schönheit und Brutalität
Als im Norden Englands 2001 die Maul- und Klauenseuche ausbricht, steht für die Schafzüchter Steve Elliman und William Herne mehr als die Existenz auf dem Spiel. Die Fells, so der Name der Region, sind ihr Leben, doch ohne Tiere scheint dieses dort nicht mehr möglich zu sein. Immerhin überlebt mit dem von Steve versteckten Lamm Rusty ein Hoffnungsträger. Wie kann man existieren, wenn einem die Lebensgrundlage wegbricht? Und was macht diese karg-schöne Gegend mit ihren Bewohner:innen? Davon erzählt Scott Preston in seinem Debütroman „Über dem Tal“, der in der deutschen Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Robben bei S. Fischer erschienen ist.
Zunächst einmal sollte man sich von dem romantisierenden Cover der deutschen Ausgabe nicht täuschen lassen, denn „The Borrowed Hills“, wie der Roman im Original heißt, ist keineswegs süßlich leichte Kost, die man als ZDF-Verfilmung am Sonntagabend genießen könnte. Vielmehr verbindet Preston in seinem Erstling poetisch-raue Landschaftsbeschreibungen mit einem brutalen Crimeplot zu einer unheilvollen und abwechslungsreichen Melange.
Dabei ist es vor allem die Sprache, die heraussticht. Sie bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu den oftmals explizit grausamen Szenen, in denen sehr viel Schafs- und Menschenblut fließt. Auch Ich-Erzähler Steve merkt dies und entschuldigt sich beinahe zu Beginn eines Kapitels, als er auf der Metaebene bemerkt: „Es floss Blut genug, um ein Kanonenboot drin schwimmen zu lassen.“ Sehr gelungen auch, wie Preston mit der Verknappung der Sprache spielt. So spiegeln fehlende Subjekte die Rauheit und Kargheit der Fells wider.
Erstaunlich souverän für ein Debüt agiert „Über dem Tal“ zudem in berauschenden Tempowechseln zwischen ausufernder Trägheit und schnellen Schnitten, wie man sie in einem Actionfilm erwarten würde. In dieser Hinsicht bleibt vor allem die Schlüsselszene des Romans in Erinnerung. In einer tollkühnen Aktion rauben William und Steve zusammen mit dem Schwerkriminellen Colin und dessen Kumpanen einige Hundert Schafe von einem Biohof. Gebannt folgt man als Leser:in nicht nur dem Diebstahl, sondern im Anschluss an einen Unfall auch einem 15-stündigen Fußmarsch mit den unzähligen Tieren.
Positiv sind zudem die vielen Überraschungen in der Handlung und die Vielfalt, mit der der Roman zwischen Landwirtschaftsdrama und einer Art Hard Boiled-Krimi ohne Ermittler:in oder Neo-Noir-Western chargiert.
Weniger überzeugend ist die Figurenzeichnung. Teilweise handeln Steve, William und die Nebenfiguren nicht nur unüberlegt, sondern für die Leserschaft unverständlich. So wird eigentlich von Beginn an nicht klar, warum Steve von William so fasziniert ist, dass er ihn in der Folge auf Schritt und Tritt begleitet. In ihrer Gesamtheit entpuppt sich die Figur William nämlich eher als literarisch laues Lüftchen wie einst der vermeintliche Charismatiker Kurtz in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Und die Gangsterepisode um den bemerkenswert böse geratenen Colin nimmt doch etwas zu viel Raum ein.
Doch im wendungsreichen und dramatischen Finale des Romans spielt Scott Preston noch einmal seine ganze Stärke aus und lässt das Buch mit einer intensiven Szene ausklingen, über die sich trefflich diskutieren lässt.
Scott Prestons „Über dem Tal“ ist ein lesenswertes Debüt, für das man allerdings starke Nerven braucht und den Figuren ihre Nachlässigkeiten verzeihen muss. Belohnt wird man dafür mit einem Roman, der gleichermaßen weh tut wie berührt.
Bewertung
aus München
4/5
18.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
harte Realitäten
Ein Buch, das mit einem wunderbaren Cover und einem passenden Titel daherkommt. Und dann geht es um einfache Bauern in einer kargen Landschaft. Das hat mich sehr angesprochen.
Im Mittelpunkt stehen mehrere Männer, die mit der Schafzucht ihr Leben verdient haben als die Maul- und Klauenseuche durchs Land zieht und einen Betrieb nach den anderen erreicht. Auch die abgelegenen Höfe von Steve und William. Und es gibt kein Entrinnen. Die Behörden schicken ein Schlachterkommando und die gehen äußert schnell, hart und effektiv zu Werke. Der Tod der Schafe wird zur Wende im Leben der Männer. Die ruhige, friedliche und ehrliche Landarbeit mit den Tieren ist zuende und niemand hilft ihnen. Weder finanziell noch psychologisch.
Die Story ist depremierend und traurig. Die Sprache des Erzählers ist passend dazu klar aber oft etwas gefühllos. Dem Leser ist bewusst, dass Schreckliches passiert aber keiner will sich etwas anmerken lassen. Man versucht hinzunehmen, was passiert. Es fehlt bald die Kraft etwas zu ändern, wieder nach vorne zu blicken. Immer wieder bleibt der Blick an dem großen Verlust hängen, der ein Leben beendet hat, dass den Menschen in Fleisch und Blut übergegangen war und aus dem sie sich nicht endgültig lösen können.
Man erkennt die Leistung der Bauern und die Innigkeit, die sie mit den Tieren und der landschaft verbindet.
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4/5
21.04.2025
eBook (ePUB 3)
eine kleine raue Perle
Ich wusste nicht was mich erwarten würde. Selbst lange in der Geschichte selbst, wusste ich nie, wo es als nächstes hingehen würde. Diese Collagenhaftigkeit machte das Ganze sehr spannend.
Anfangs war die Dialogsprache gewöhnungsbedürftig: kurz angebundene Charaktere, karg und ruppig wie die Landschaft des Tals. Es ist eine Geschichte vom Leben und Überleben unter gegebenen Umständen, von Hoffnung und Träumen, denen man folgt oder eben nicht. Manchmal unerwartet brutal, aber immer einnehmen genug, das man das weitere Schicksal der Figuren kennen will.
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