Wien, 1926: Hunderte warten im Schneetreiben vor den Arbeitsämtern, bei Protesten fallen Schüsse, und schwangere Frauen pilgern heimlich zu einem schäbigen Zinshaus in der Troststraße, um die Dienste einer gewissen Frau Tóth in Anspruch zu nehmen. Diese ist Pflegemutter der achtjährigen Luzia, eines schüchternen Mädchens, das inmitten all jener Unruhen anfängt, nach dem Verbleib ihrer leiblichen Mutter zu fragen. Als die Mutter aber nichts von ihr wissen will, schickt man Luzia als Dienstkind zu Bauern in die Bucklige Welt, wo sie zunächst alleine ihren Weg bestreiten muss. Ein Roman über ein ungewolltes Kind in einem ungewollten Land, über Hoffnung in finsteren Zeiten und die Suche nach Zugehörigkeit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
the2bookaholics
5/5
03.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein wahnsinnig wichtiges Buch
In "Luzia - Kindheit zwischen zwei Kriegen" erzählt Daniel Stögerer von der achtjährigen Luzia, deren Figur auf seiner eigenen Urgroßmutter basiert.
Es ist kein leichtes Buch. Das habe ich bereits gemerkt, als ich die erste Seite las. Die Stimmung 1926 in Wien ist düster und trostlos. Während der Zeilen, die man liest, sieht man immer mehr die untergehende Demokratie durch die Augen eines jungen Mädchens - und es regt zum Nachdenken an, weil wir alle wissen, was kurze Zeit danach in der Welt geschah. Gleichzeitig fröstelte ich bei der Vorstellung, wie viele Kinder wie Luzia es damals gab und wie viele es immer noch gibt. Wie viele Kinder (und auch Erwachsene) leiden mussten und müssen.
Daniel Stögerer schreibt wunderschön. Seine Sprache und die benutzten Worte fügen sich nahtlos und wunderschön zusammen. Und irgendwie heben die schönen Worte die Hässlichkeit der Welt nur noch mehr hervor. Das Lesen von "Luzia" hat mich traurig gemacht. Dem Mädchen ist so viel Leid widerfahren - und das scheint gar nicht aufzuhören. Der Fakt, dass ihre Figur auf einer echten Person basiert, macht es für mich noch sehr viel realitätsnäher und bedrückender.
Sein Schreibstil ist wahnsinnig authentisch für die Zeit und den Ort des Geschehens, was mir vor allem bei der wörtlichen Rede ins Auge gesprungen ist. Besondere Redewendungen, die ich so gar nicht kenne in Kombination mit seiner sehr schönen Wortwahl haben mich absolut begeistert.
Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen. Es sind nicht viele Seiten - und dennoch hat es etwas in mir berührt. "Luzia - Kindheit zwischen zwei Kriegen" hat etwas tief in mir bewegt und ich kann euch dieses Buch nur ans Herz legen. Vielleicht ist es gerade in unserer Zeit ein wahnsinnig wichtiges Buch.
Bewertung
5/5
10.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
A SHOULD READ --> A MUST READ
Daniel Stögerer: Luzia – Kindheit zwischen zwei Kriegen
„Luzia – Kindheit zwischen zwei Kriegen“, erschienen am 13. September 2024, ist Daniel Stögerers Romandebüt. Der Autor, Jahrgang 1997, legt mit diesem Roman, in dem er Erzählungen seiner unehelich geborenen Urgroßmutter literarisch umgestaltet, ein kurzes wie beeindruckendes Werk vor. In gerade einmal 134 Seiten gelingt es ihm auf subtile und realistische Weise, ein lebendiges und facettenreiches Bild einer Kindheit in der Zwischenkriegszeit zu zeichnen, das durch die Härte des Alltags und durch die Suche nach Wärme und Zugehörigkeit berührt. In erzählerisch souverän gestalteten 14 Kapiteln wird der Leser mit den individuellen Empfindungen und Erfahrungen der Titelfigur auf der Suche nach familiärer Geborgenheit vertraut gemacht und gleichzeitig in die sozialen und politischen Spannungen der 1920er- und 1930er-Jahre hineingezogen.
Der Roman ist mit insgesamt 14 Kapiteln in drei große Abschnitte gegliedert, die sich auf entscheidende Phasen in Luzias Leben konzentrieren. Jedes der den Kapiteln vorangestellten Kurzzitate aus Zeitdokumenten, seien es Liedzeilen, Ausschnitte aus Zeitungen, Manifesten etc., zeugt von den intensiven zeithistorischen Recherchen, ohne die der Schreibprozess und dessen Produkt undenkbar sind.
Oktober 1926.
Wien, Favoriten
Im Alter von acht Jahren lebt Luzia in der Troststraße in Wien-Favoriten bei ihrer Ziehmutter Frau Toth, einer Engelmacherin, – eine ambivalente Figur, die für Luzia sorgt, aber gleichzeitig ein illegales Geschäft betreibt. Die Atmosphäre im Arbeiterviertel Favoriten, geprägt von Armut und sozialer Not, wird beklemmend realistisch dargestellt. Trotz seiner Außenseiterposition als Bankert findet sich das einfühlsame, kluge Mädchen in dieser Umgebung gut zurecht. Die quälende Sehnsucht nach der idealisierten leiblichen Mutter bleibt jedoch, bis Luzia bei deren erstem Anblick mit der zutiefst erschreckenden, ent-täuschenden Realität konfrontiert wird. Sie will ihre Mutter nicht wiedersehen.
August 1927
Niederösterreich, Bucklige Welt
Luzia wird gezwungen, ihre vertraute Umgebung verlassen. Weder die Ziehmutter noch die leibliche Mutter sind imstande, sich um das Mädchen zu kümmern. Auf einem Bauernhof in der Buckligen Welt muss sich Luzia neuen Herausforderungen, fremden Menschen und harter Arbeit auf dem Hof zu stellen.
Das Schattendorfer Urteil gipfelt 1927 schließlich im Brand des Justizpalastes und in der Julirevolte in Wien. Die auf ideologischen Gegensätzen basierenden politischen Spannungen, die sich in den Auseinandersetzungen der republikanischen Schutzbündler auf der einen Seite und der bürgerlichen, nationalistisch orientierten Heimwehr auf der anderen manifestieren, sind auch auf dem Land spürbar. Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber dem Fremden, eine einengende, starr definierte Vorstellung von Heimat als traditionell über Generationen vererbter Lebensraum verstärken die Ablehnung der als bedrohlich wahrgenommenen fahrenden Händler und der vagabundierenden Heimatlosen, die auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft aus der Stadt aufs Land strömen.
Für Luzia und ihre Mutter eröffnet sich allerdings eine Möglichkeit einer Annäherung im, durchaus auch mit erheiternden Episoden gespickten, Erzählen der Mutter über ihr Leben als unverheiratete Frau, die - erst 16-jährig - ein Kind zur Welt bringt und sich – vom Kindesvater verlassen und von den Eltern aus Scham verstoßen – durchs Leben schlägt.
Sechs Jahre später. 1933
Seit Jahren ziehen Arbeitslose aus den Wiener Fabriken in Scharen bettelnd übers Land. Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, soziale Verelendung in der Großstadt, Fremdenfeindlichkeit, die Feindseligkeit der Landbevölkerung gegenüber den arbeitslosen, auf dem Land arbeits- und nahrungssuchenden Proletariern begleiten den Aufstieg des Faschismus.
Auch wenn für Luzia und ihre Mutter ein gemeinsames Leben an einem neuen Ort für eine kurze Zeit möglich zu werden scheint, scheitert diese utopische Vorstellung letzten Endes an der Unerbittlichkeit der Realität.
Resumé
Stögerers Roman beeindruckt mich nicht nur wegen der historisch fundierten, individuelle Schicksale mit der Zeitgeschichte scheinbar mühelos verflechtenden Erzählstränge, er zeichnet sich auch durch die differenzierte Darstellung der Charaktere aus. Sie werden dem Leser als vielschichtige und sorgsam kreierte Wesen einfühlsam nahegebracht. Unter und neben ihrer Brutalität und Kälte, fast ausschließlich der schieren Not-wendigkeit des Überlebens geschuldet, zeigt sich immer wieder ihre Verletzlichkeit, ihr Mitgefühl, ihr Bedürfnis, verstanden zu werden, und ihre Bereitschaft zu verstehen.
Was ich an diesem Roman darüber hinaus ganz besonders schätze, ist die erzählerische Intensität, der präzise, prägnante, detailgenaue Erzählstil, mit dem Stögerer in „Luzia“ historische Faktizität, individuelles Erleben und auch – in erstaunlich zarten, poetischen Prosapassagen komprimiert - subtile Naturbeobachtungen formuliert, schildert und scheinbar natürlich fließend ineinander übergehen lässt.
Belis
5/5
08.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bewegende Suche nach Heimat und Zugehörigkeit
Wien, Oktober 1926. Die hohe Arbeitslosigkeit verstärkt die eh große Not der Arbeiterschicht zusätzlich. Unruhen und Proteste sind an der Tagesordnung. Inmitten dieser ärmlichen Verhältnisse wächst die achtjährige Luzia bei einer Pflegemutter auf. Während aus politischen Unruhen blutige Kämpfe werden bricht Luzias bisherige Welt aus den Fugen. Statt Antworten auf ihre Fragen nach ihrer Herkunft zu erhalten wird die uneheliche Tochter als Dienstkind auf einen entlegenen Hof gebracht. Ungewohnte Aufgaben und teils harsche Worte bestimmen von nun an ihren Alltag. Doch hinter der rauen Schale verbirgt sich oftmals ein weicher Kern. Nach und nach erfährt die inzwischen Neunjährige mehr über ihre Mutter.
Der mir bekannte österreichische Sprachstil, mit alten Begriffen und Dialekt, verstärkt die authentische Atmosphäre. Falls unbekannte Ausdrücke einfließen, erklären sich die Begriffe im Zusammenhang von selbst. Wortkarg, teils verhärmt und doch hoffend, sind die Charaktere realitätsnah dargestellt. Aufsteigende Bilder lassen mich mit Luzia durch gestampftem Lehm laufen, dem Gezeter entfliehen oder der Elektrischen nachschauen. Ihre Suche nach Identität und Heimat miterleben. Verzweiflung und Träume von einem besseren Leben.
Bereits nach den ersten Seiten fühle ich mich zeitversetzt. Geschehnisse um die erdachte Person Luzia werden angesprochen, historische Begebenheiten und Hintergründe integriert. Oftmals bleibt dem Leser Freiraum, in welcher Art und Weise die Ereignisse gelöst werden. Beginnend im Jahre 1926 endet die Erzählung mit einem Zeitsprung im April 1933.
Die Figur Luzia wurde einem wahren Vorbild, der Urgroßmutter des Autors, nachempfunden. Erinnert mit diesem Büchlein an unzählige Schicksale ähnlicher Art. Verschlungen aus Erinnerungen und Historie hat der Autor eine feinfühlige Erzählung, untermalt durch den damaligen Sprachgebrauch, erschaffen.
Der Schreibstil schleicht auf leisen Sohlen daher und hinterlässt tiefe Spuren im Herzen. Sehr gerne spreche ich eine Leseempfehlung aus.
Bewertung
5/5
03.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Luzia Kindheit zwischen zwei Krigen.
Die Geschichte von Luzia hat mich sehr berührt.
Bin begeistert wie gut er das Leben von damals Erzählt. Man fühlt sich zurückversetzt in die Vergangenheit.
Musste mehrmals weinen.
Eine sehr schöne und auch dramatische Geschichte.
Das Buch erzählt auch die Realität wie es früher war, traurig aber war.
Bewertung
5/5
30.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fantastisches Buch
Der Autor schafft es in diesem Buch eine spannende, tiefgründige und mitreißende Geschichte aus der Sicht eines Mädchens zu erzählen, welche die trübselige wirkliche Gegenwart Wiens in der Zwischenkriegszeit erlebt. Immer wieder kommen einem die Tränen, wenn man sich in gewisse Situationen hineinversetzt und ist erschüttert über die bittere Realität der damaligen Zeit. Zugleich ist der Roman so aufgebaut, dass man Kapitel zu Kapitel fiebert und wissen möchte was denn mit Luzia und ihrer Mutter passiert.
Dass das alles an einer wahren Geschichte angelehnt ist vervollständigt das Bild und man hat am Ende das Gefühl nicht nur das Buch gelesen, sondern was fürs Leben mitgenommen zu haben.
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