»Dry« handelt vom Trinken und wie es ein Leben bestimmt. Und es handelt vom Aufhören. Wie sich eine Frau aus der Abhängigkeit ins Schreiben begibt. Klar tritt sie eine Reise in die Kindheit, zum früh verstorbenen Mann, zu den eigenen Rollen als Mutter, Geliebte, Tochter an.Christine Koschmieder scheint immer alles geschafft zu haben: Sie hat den Tod ihres Mannes verarbeitet, drei Kinder großgezogen, Karriere im Kulturbetrieb gemacht. Heimlich geholfen hat ihr dabei der Alkohol. Doch mit Ende 40 weiß sie nicht mehr weiter und liefert sich in eine Suchtklinik ein. Dort begibt sie sich auf Spurensuche. Ist der Krebstod ihres Mannes wirklich der Grund für ihre Abhängigkeit, oder liegen die Wurzeln nicht viel tiefer? Christine Koschmieder hat einen mutigen autofiktionalen Roman geschrieben, der unter die Haut geht. Radikal ehrlich und mit literarischer Meisterschaft erzählt sie von sich und von uns. Dieses Buch ist eine Mutprobe.
Kundinnen und Kunden meinen
3.6/5.0
Lesendes Federvieh
aus München
5/5
07.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungeschminkter Realität ins Auge geblickt - Poetisch, hochemotional, meisterlich
"Dieses Buch ist eine Mutprobe" - Auszug Klappentext
Ich finde es ist noch viel mehr. Es ist ein Porträt einer außergewöhnlich mutigen und starken Frau, die niederschmetternde Schicksalsschläge zu verkraften hatte, für ihre kleinen Kinder stark sein und auch noch im Job ihre Frau stehen musste. Es unter dieser enormen Belastung aus eigenem Antrieb zu schaffen sich dem eigenen Ich zu stellen und professionelle Hilfe zu holen, um vom Alkohol wegzukommen, ist wirklich bewundernswert.
Christine Koschmieder setzt sich in ihrem so persönlichen Roman mit ihrem bisherigen Lebensweg auseinander, um sichtbar zu machen wie tief die Gründe liegen, die zu ihrer Alkoholabhängigkeit führten. Das alles erzählt sie offen, berührend und so direkt, dass die Traurigkeit in manchen Passagen sehr schwer auszuhalten war. Trotzdem schafft sie es immer wieder Licht ins Dunkel zu bringen und ein Stückchen Optimismus aufblitzen zu lassen.
Besonders bewegt hat mich an diesem Buch auch wie selbstverständlich Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft verankert ist und es zunächst überhaupt nicht auffällt, wenn der Alkohol den Alltag fest im Griff hat. Solange man funktioniert, wird nicht näher hingeschaut.
Dry ist das dritte Buch, das ich aus dem Programm des erst 2021 gegründeten Kanon Verlags lese und wieder bin ich von der Intensität und Wucht die diese Geschichte ausstrahlt vollkommen begeistert. Für mich ist der Kanon Verlag mittlerweile ein Garant für außergewöhnliche und ganz tolle Romane geworden.
J. Kaiser
5/5
21.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beeindruckendes Buch
Dieses Buch behandelt ein Thema, welches bei vielen Leuten ihr Leben bestimmt. Das Trinken. Es handelt aber auch vom Aufhören. Christine Koschmieder ist eine Frau, welche alles geschafft hat. Sie hat drei Kinder grossgezogen den Tod ihres Mannes verarbeitet und Karriere gemacht. Wie hat sie das alles unter einen Hut gekriegt? Geholfen hat der Alkohol dabei. Jetzt mit 40 weiss sie nicht mehr, wie es weitergehen soll. Sie weisst sich in eine Suchtklinik ein. Dort beginnt sie zu ergründen, weshalb sie in diese Abhängigkeit geraten ist. Dieses Buch zu lesen, macht Sprachlos und geht unter die Haut. Das Thema wir hier schonungslos aufgedeckt und eines habe ich schnell festgestellt, es hat Mut gebraucht dies alles zu schreiben. Klar wird, dass diese Sucht eigentlich in drei Phasen abläuft. Es betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt und ich empfehle es gerne weiter.
Bewertung
4/5
14.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Direkte Autofiktion über funktionale Alkoholabhängigkeit
Dry ist ein direktes autofiktionales Buch. Die Stärke von Autofiktion ist, dass sie Nähe herstellt, ohne dass wir die gleichen Erfahrungen gemacht haben müssen. Sie kann Scham überwinden helfen und eine innere Auseinandersetzung provozieren. Dabei ist es eine Gratwanderung, denn in solch einer rohen Form wie hier, ist damit kaum Schutz der Privatsphäre zu spüren.
Nahe und ungefiltert fokussiert sich die Erzählung auf Verletzungen in einer Familie, in der beide Eltern trinken und keine verlässliche Bezugspersonen sind. Die Beziehungen zu Männern und Freundschaften schildert sie als nur kurzzeitig haltgebend. Sie thematisiert, wie ihre Verletzungen und der Alkohol Auswirkungen auf ihre Mutterschaft und ihre Kinder haben.
Unseren inneren Bildern einer verelendeten Alkoholikerin, die wir bequem von uns weisen könnten, entspricht sie nicht. Koschmieders Entscheidung zur Abstinenz und zur Entwöhnungsbehandlung folgt einem inneren Prozess und der Bereitschaft, sich intensiv mit sich auseinanderzusetzen, sie wirkt noch mittendrin.
Ich hätte mir gewünscht, dass Koschmieder ihrer Arbeit im Kulturbetrieb mehr Raum gegeben hätte. Es geht fast unter, sie ist erfolgreich und sie ist Mutter von drei Kindern, die sie mehr oder weniger alleine aufzieht. Ich vermute, dass es in ihrem Beruf dazugehört, eine permanente Anpannung, das sich beweisen müssen und die Normalität des Trinkens im Kulturbetrieb. Den Druck, so vermute ich auch, erhöht die Verantwortung für drei Kinder, die Carearbeit und die finanziellen Unsicherheiten.
Ich wünsche dem Buch sehr, dass es nicht als "Befindlichkeitsliteratur" oder "trivial" abqualifiziert wird. Ich wünsche der Autorin und den anderen thematisierten Menschen, dass sie sich geschützt fühlen, denn alles so persönlich und unmittelbar offenzulegen und sich damit der Öffentlichkeit preiszugeben, ist die Kehrseite von Autofiktion. Es kommt wie automatisch dazu, dass Kritik am Text sehr nah dran ist am Leben der Autorin und ein Leben ist nicht zu kritisieren, es ist da, es ist. Aber Literatur, die weiter geht und neue geschütztere Formen sucht, wie Ernaux oder Cusk es tun, wäre mir noch lieber.
hamburg.lesequeen
aus Bargfeld-Stegen
3/5
12.02.2023
Hörbuch-Download
Ehrliches Buch!
TW: Alkoholmissbrauch
DRY
Christine Koschmieder
gelesen von der Autorin
''Der Alkoholiker, das ist doch bitte der, der vom Stuhl kippt, torkelt, das Gleichgewicht nicht halten kann, Gläser umschmeißt, ausfällig wird, mit rotgeäderten Gesicht auf der Parkbank rumhängt, sein Leben nicht in den Griff kriegt. Alkoholiker, das sind diejenigen, die sichtbar ein Problem haben, dem alle anderen ausweichen können.
Nur das mein Problem nicht die Sichtbarkeit ist. Das die bei mir nicht vorhanden ist, sagt nämlich weniger über mein vermeintlich nicht vorhandenes Suchtproblem aus, als mehr über das fehlende Wissen über Sucht und ihre Erscheinungsform. Wenn eine Abhängigkeit sich nicht an Menge, Häufigkeit oder Regelmässigkeit des Alkoholkonsums festmachen lässt und schon gar nicht an seiner Auffälligkeit, weil er viel hinterlistigere Schäden anrichtet. Schäden, die sich oft erst Jahre später zeigen, die viel mit Ehrlichkeit und Beziehungsgestaltung und Vertrauen und Verlässlichkeit und Bindungsfähigkeit zu tun haben. Dinge, die weiter gereicht werden in Partnerschaften und in Familien an Karl, Tilly und Olek, die ich viel zu selten gefragt habe, wie ihr Tag war …’’ (Section 80)
Christine Koschmieder erzählt hier ihre Geschichte: Von ihrer Jugend, diversen Umzügen, von der Scheidung ihrer Eltern, Episoden über die rechthaberische und alkoholkranke Mutter, wie sie ihre drei Kinder von drei Männern bekam, ihr Mann den Kampf mit dem Krebs verlor und zwischendurch wird getrunken, hier und dort, mal mehr und mal weniger. Doch die Lage Zuhause spitzt sich zu: Immer öfter ist Christine überfordert, mag nicht um Hilfe bitten, bekommt trotzdem irgendwie alles geregelt, doch die Kinder haben Angst etwas Falsches am Tisch zu sagen oder ihr die falsche Antwort zu geben, so wird besser am Tisch geschwiegen, damit Mutter nicht gleich wieder ausflippt.
Am Ende weist sich Christine in eine Suchtklinik ein.
Nicht immer war mir Christine sympathisch, zu oft hat mich ihre Geschichte an ‚Die Legende von Paul und Paula‘ erinnert.
Dennoch: Ein ehrliches Buch, das mich doch ab und zu zur Selbstreflexion animiert hat. Eine interessante Geschichte von einer starken Frau, die den Mut hatte sich als Alkoholikerin zu bekennen. Hochachtung von mir.
Lese-/Hörempfehlung von mir.
3½ Sterne
Bewertung
1/5
04.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein literarischer Supergau
Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich mich als Sozialpsychologe für das Thema Alkoholabhängigkeit seit längerer Zeit interessiere. Der Klappentext erschien mir vielversprechend, doch musste ich schnell feststellen, dass dieses Buch ein unreflektierter Bandwurm von zum Teil reisserisch aufgemotzten Anekdoten ist, welche einen suchenden Leser - und an einen solchen ist das Buch ja zumindest implizit adressiert - völlig ratlos zurücklässt. Ein solches Sammelsurium von Plattitüden und ziellos verschwendeter Druckerschwärze ist mir bis heute noch nie in die Hände gekommen. Und etwas Weiteres ist mir in meinen langen Jahren der Bibliophilie auch noch nicht passiert: Ich habe das Buch in den Abfallkübel geschmissen.
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