Ein Lehrer verliert sein Augenlicht, aber nicht den Glauben an die Zukunft - Die italienische Antwort auf »Der Club der toten Dichter«
Was wäre, wenn das Aussprechen eines Namens ihn zugleich mit Leben füllen würde? Dies ist die Schule, von der Omer Romeo träumt. Fünfundvierzig Jahre alt, wird er als Vertretungslehrer für Naturwissenschaften in eine Klasse in Rom berufen, die vor den Abiturprüfungen steht und in der die hoffnungslosen Fälle der Schule vereint sind. Eine Herausforderung für Omer, der erblindet ist und nicht weiß, ob er zukünftig weiter als Lehrer gebraucht wird. Da er nicht in der Lage ist, die Gesichter der Schüler*innen zu sehen, erfindet er eine neue Art des morgendlichen Aufrufens und lässt die Jugendlichen ihre Geschichten erzählen. Langsam öffnen sie sich ihm: das Mädchen, das eine unaussprechliche Wunde verbirgt, der Rapper, der in einem Kinderheim lebt, der Streber, der nur hinter einem Bildschirm mit anderen in Kontakt tritt, die verlassene Tochter oder der aufstrebender Boxer, der davon träumt, wie Rocky zu sein ... Dem blinden Lehrer gelingt schließlich, die Kinder seiner Klasse von einer bloßen Ansammlung isolierter Stimmen in einen harmonischen Chor zu verwandeln.
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Der blinde Lehrer
Sabine aus Köln am 21.11.2024
Bewertungsnummer: 2346423
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Mich hat der Autor mit zwei anderen Büchern schon sehr begeistert – daher war ich neugierig auf diesen Roman. Die Sprache hat mich wieder gefangen, die Entwicklung der Geschichte aber hat mich nicht ganz überzeugt.
Im Mittelpunkt steht der 45-jährige Lehrer Omer Romeo, der seit seiner erworbenen Blindheit nicht mehr unterrichtet hat. Dies will er nun ändern und nimmt das Angebot an, Naturwissenschaften in einer Abiturklasse zu lehren, in der die Schüler und Schülerinnen als herausfordernd gelten. Da er seine neuen Schützlinge nicht sehen kann, beginnen seine Stunden immer mit einem sogenannten „Appell“ – jeder Schüler soll etwas über sich erzählen und Omer wiederum berührt ihre Gesichter mit seinen Händen – und baut so nicht nur eine ganz besondere Beziehung zu ihnen auf, sondern ruft unbewusst auch eine Art Revolution ins Leben.
In dem Buch bedient sich der Autor verschiedener Erzählweisen. Mal ist es der Lehrer selber, der als Ich-Erzähler beschreibt, was geschieht, mal sind es die Stimmen der Schüler, die von sich erzählen und dann wieder gibt es Tagebucheinträge von Omer – und jede der gewählten Erzählweisen hat auch eine eigene Erzählstimme. Bei den Schülern merkt man schnell, wer gerade spricht, nicht durch das, was sie erzählen, sondern wie sie es tun – und so lernt man als Leser jeden einzelnen gut erkennen und auch kennenlernen. Jeder hat eine eigene Geschichte, allen gemein ist aber, dass sie genau damit hadern und so zu „herausfordernden Schülern“ werden.
Omer Romeo ist ein sympathischer Protagonist, der vor allem aber durch seine Überzeugungen besticht – er glaubt fest an sein Ritual, das bei seinen zunächst skeptischen Schülern dann doch auf Begeisterung stößt, bei Eltern und Kollegen jedoch auf Gegenwehr. Und trotzdem hält er daran fest – und durch seine eigene Überzeugung kann er auch seine Zöglinge begeistern, so sehr, dass daraus eine Art Revolution wird, bei der die Schüler die Pädagogik an Schulen kritisieren, in der nur Leistung und Lehrstoff zählen, nicht aber die Menschlichkeit und die Beziehungen zueinander.
Mit den Schülern hatte ich meine Probleme, nicht weil sie unsympathisch waren, aber für mich waren sie nicht authentisch. Als Abiturienten sollten sie ca. 17-18 Jahre alt sein, auf mich wirkten sie am Anfang der Geschichte aber viel jünger, irgendwie unbedarft und mehr wie „bockige Kinder“. Das ändert sich im Verlauf, weil sie sich auf den morgendlichen Appell einlassen – dann aber werden die eigenen morgendlichen Erzählabschnitte insofern unglaubwürdig, weil sie so philosophisch und wissenschaftlich werden, dass ich es kaum diesen Schülern abnehme, so zu reden. Schön war aber die emotionale Entwicklung, die sie alle durchmachen – und das wiederum fand ich auch authentisch. Sie passen zunehmend aufeinander auf, lassen sich auf Beziehungen ein und können andere so akzeptieren, wie sie sind.
Im letzten Drittel kommt dann richtig Schwung in die Geschichte – denn die Revolution zeiht große Kreise mit durchaus medialer Aufmerksamkeit. Das Ende ist dann sehr emotional und bietet einem plausiblen Abschluss für diese besondere Geschichte.
Obwohl ich die Sprache mochte, die mit schönen Bildern arbeitet, dabei aber dennoch gut lesbar ist, wirkt sie an manchen Stellen dann doch etwas schwülstig – und so werden auch die Botschaften, die durchaus treffend sind und mich auch oft haben innehalten und nachdenken lassen, leider etwas verbraucht, weil sie zu pathetisch vorgetragen sind und die Geschichte insgesamt einen zunehmend unglaubwürdigen Verlauf nimmt.
Trotzdem mochte ich das Buch insgesamt gerne, weil es nachdenklich macht und den Finger in diverse Wunden legt – der besonderen Sprache sollte man sich aber bewusst sein. Von mir 3,5 Sterne.
Definitiv mit "Club der toten Dichter"-Vibes - poetisch
Sue aus Uelzen am 13.11.2024
Bewertungsnummer: 2340664
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
"Schönheit ist die unvorhersehbare Synthese aus Harmonie und Chaos. Wie Schneeflocken fallen wir ins Leben, eine anders als die andere, einzigartig, mit einer Unsterblichkeit versehen, deren Regeln sich uns entziehen. Wir jagen dem Leben nach, nähren unsere Sehnsüchte. Inmitten der schwindelerregenden Strömung scheint das Chaos zu regieren, in dem wir uns zu verlieren drohen, aber gerade diese Unbilden bringen eine nie zuvor da gewesene Form hervor. Es braucht Mut, das Chaos auf sich zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass es zu unerwarteter Schönheit führt. Aber ich glaube, es gibt keine andere Schönheit als die, die den täglichen Schmerz in Hoffnung verwandelt."
Einen wundervollen Roman, der das Wesen des Lehrens wieder auf den innersten Kern freilegt und die Bedeutung von Schule wieder in den Vordergrund rückt, legt uns der Autor Alessandro D'Avenia in die Hände.
Übersetzt aus dem Italienischen von Verena von Koskull.
Der ehemalige Lehrer Omero Romeo liebt die Naturwissenschaften genauso wie die Philosophie. Denn beides ist aus der selben Frage geboren: Wie besiegt man den Tod? Nachdem er wegen seiner Erblindung viele Jahre nicht mehr unterrichtet hat, wird er als Vertretungslehrer der Naturwissenschaften an eine Schule in Rom berufen, um eine Klasse mit nicht ganz so einfachen Schülern aufs Abitur vorzubereiten. Da Omero die Gesichter seiner Schüler nicht sehen kann und daher nicht in der Lage ist ihre Emotionen zu erfassen, beginnt er jede Stunde mit einer besonderen Anwesenheitsliste: Jeder Schüler muss etwas von sich erzählen. Und damit nimmt eine Revolution ihren Lauf, die nicht nur Omeros Job in Gefahr bringt, sondern auch das Abitur der Schüler.
Vorab sei gesagt, dass mir das Buch - mit kleinen Abstrichen - sehr gut gefallen hat, da es genau die Punkte und Ansätze aufgreift, die die Grundsteine in meinem Job als Lerntherapeutin betreffen. Aber nicht nur das, sondern auch die Forderung, dass Schule neu gedacht werden muss.
D'Avenia erzählt die Geschichte des Lehrers Omero und seinen Schülern in einer sehr poetischen Sprache. Dabei wird es oft auch sehr naturwissenschaftlich und philosophisch, was Omero selbst sehr authentisch macht - das muss man natürlich auch mögen. D'Avenia lässt uns, seine Leser, in die Rolle des Lehrers Omero Romeo schlüpfen und uns so nach und nach die Schüler besser kennenlernen, sie klarer zu sehen, als jemand der sehend ist sie sehen kann. Aber auch Omeros persönliches Leid erfahren wir. Das hadern mit dem, was er verloren hat, als er blind wurde. Der Schmerz durch den er selbst gehen muss. Der Mut, den er selbst wieder finden muss. Und so geben ihm seine Schüler genauso viel, wie er ihnen gibt.
Die gedanklichen Verbindungen der Philosophie und Quantenphysik mit dem Leben der Schüler hat mir in der Regel gut gefallen. Ein paar Verbindungen waren mir jedoch dann zu ausschweifend und langatmig. Aber insgesamt ist "Der blinde Lehrer" ein Buch, dass auf vielen Seiten mein Herz berührt hat. Und wenn ihr Spaß an Philosophie und naturwissenschaftlichen Themen habt und ihr zudem Fans vom "Club der toten Dichter" seid, dann kann ich euch Alessandro D'Avenias Roman sehr empfehlen.
" Wenn man unseren Geschichten zuhört, ist es, als würden Brücken zwischen scheinbar einsamen, durch ein Meer aus Schmerz getrennten Inseln entstehen, dabei sind wir ein durch ein Meer aus Schmerz vereinter Archipel."
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