»Dieser Blick auf aktuelle russische Lebenswelten ist einzigartig.« Deutschlandfunk Kultur
Eine junge Frau ist mit ihrem Vater und ihrer Geliebten unterwegs nach Moskau. Der Vater ist Fernfahrer, seit er vor zehn Jahren seine Frau und seine Tochter in Ust-Ilimsk, Sibirien, verließ, weil der Boden dort für ihn zu heiß wurde. Tagsüber fuhr er Taxi, nachts räumte er mit seinen Kumpanen fremde Wohnungen aus. Die Tochter hat den Vater zehn Jahre lang nicht gesehen, aber auf der LKW-Fahrt durch die endlos weite Steppe lernt sie ihn und sein Leben kennen. In feinen Bildern zeichnet Oxana Wassjakina das Porträt eines einfachen Mannes, dessen Weg von Alkohol, Drogen, Gewalt und schlechtbezahlter Arbeit geprägt ist, und der sich erstmals seiner Tochter anvertraut, die ihm trotz aller Fremde noch ein Stück Familie ist.
»Harte, kompromisslose Prosa ist das. Und gerade deshalb von strahlender Schönheit. Kein geringes Risiko, im Russland von heute.« WDR
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Und nun der Blick auf den Vater
Kaffeeelse (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 19.05.2026
Bewertungsnummer: 3143180
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nach „Die Wunde“ mit dem Blick auf die Mutter, folgt nun der zweite Teil der Trilogie um die Familie der Autorin und ihr Leben in Russland, ein Roman namens „Die Steppe“ mit dem Blick auf den Vater. Im ersten Buch bemerkt man einen deutlichen Konflikt der Autorin mit ihrer Mutter, der sich zwar nach dem Tod der Mutter vermindert, dennoch aber spürbar ist. In „Die Steppe“ ist dieser Eltern-Kind-Konflikt nicht ganz so wahrnehmbar, was mich etwas verwundert. Auch hier blickt die Tochter wieder nach dem Tod des Vaters auf das Vergangene. Der Vater hatte sich von seiner Frau und seiner Tochter getrennt, ist von Ust-Ilimsk weggezogen, seine kriminellen Machenschaften werden als Grund für die Trennung angegeben, werden aber sicher nicht der einzige Grund gewesen sein. Ist die räumliche Entfernung von der Tochter ein Grund, dass der Vater nicht völlig ablehnend wirkt, ist es eine emotionale Distanz, die sich zwischen den beiden entwickelt hat, die den Vater halbwegs mit dem Leben der Tochter klarkommen lässt oder bemerkt er die Homosexualität der Tochter nicht, denkt nicht weiter, will es nicht bemerken. Eine völlig fehlende Emotionalität ist mir im Text nicht aufgefallen. Da gibt es schon eine gewisse Nähe zwischen Vater und Tochter. Bei einem Rückblick fahren die Tochter/die Autorin und ihre Geliebte im LKW des Vaters mit, der als Fernfahrer arbeitet und durch die sibirische Steppe tuckert. Dort nicht zu bemerken, was zwischen den beiden Frauen abgeht, ist sicher schwer möglich, jedoch nicht unmöglich, besonders wenn man sich Scheuklappen aufsetzt und nicht sehen will. Dennoch hat es mich verwundert so wenig Konfliktpotenzial zu finden, besonders wenn ich mich an „Die Wunde“ erinnere. Ein Buch voller Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Nun wird die Ehe mit einem Kriminellen nicht unbedingt einfach für die Mutter gewesen sein. Die Gewalt, die hier in „Die Steppe“ beschrieben wird, könnte eine Traumatisierung bedeuten, die Situation der Mutter könnte eine Fokussierung auf das Negative bedeuten, was ja auch eine gewisse Unzufriedenheit implizieren könnte. Wenn man angespannt ist, stört einen ja bekanntlich mehr als in einem relaxten Zustand. Außerdem gibt es auch noch andere Unterschiede in den Beziehungen zwischen Vätern und Töchtern und Müttern und Töchtern. Ich kann nur sagen, mich verwundert das Miteinander von Vater und Tochter hier, ich hätte nach „Die Wunde“ gedacht, dass auch hier viel Konfliktpotenzial zu finden ist. Dennoch finde ich das Gelesene nicht als unstimmig. Es berührt mich. Und das gefällt mir!
Weiterhin ermöglicht das Buch auch recht ungefilterte Blicke auf russische Lebensrealitäten. Erschreckende Lebensrealitäten. Lebensrealitäten, denen sich viele Menschen nicht bewusst sind. Ich möchte definitiv nicht in solch einem Land leben. Ob es russlandaffine Menschen wollen? Kann ich mir nicht vorstellen. Obwohl ja immer wieder von einer Unfreiheit in D die Rede ist. Was sagt man da wohl über die Unfreiheit und die Kriminalität in putinfreundlichen Gefilden? Dieses Buch gibt Einblicke darüber. Interessante Einblicke. Man müsste es halt lesen. Sich bilden. Genau!
Der dritte Aspekt des Buches ist die titelgebende Steppe, ein liebevoller Blick auf das Land und im Besonderen auf die Steppe, deren alles verschlingende Weite. Eine Weite, in der der Vater lange Zeit lebt, in seinem kleinen Führerhaus im LKW. Er scheint glücklich zu sein. In einem kleinen Führerhaus glücklich sein zu können und durch die Gegend zu tuckern, dies hat für mich so gar keinen Reiz, würde mich eher unglücklich machen. Deswegen ein Hoch auf die Menschen, die das können! Ist es nicht schön, dass wir alle unterschiedlich sind?!?! Der liebende Blick auf die Steppe hat mir wieder sehr gefallen. Bei einer Szene habe ich mich gefragt, ob ich dort hätte schlafen können. Aber gut, mit einem Lieblingsmenschen an der Seite vielleicht.
Insgesamt ist „Die Steppe“ ein berührendes Buch, welches ich sehr gern gelesen habe. Ein informatives Buch, wenn ich an die Gedanken zu Russland denke. Und ich bin gespannt, wenn ich an „Die Rose“ denke, den dritten Teil der Trilogie um Familie und Land von Oxana Wassjakina.
Ein russischer Roadtrip für alle Literaturbegeisterten!
Literatursprechstunde aus Göttingen am 12.12.2024
Bewertungsnummer: 2362944
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich habe schon lange keine Roadmovie-Lektüre gelesen - das hat sich durch Oxana Wassjakina mit „Die Steppe“ nun geändert.
Doch um was für einen Roadtrip handelt es sich hier?!
Oxana tritt die Tour mit ihrer Lebenspartnerin an, sie leisten ihrem (ihr fremden) Vater Gesellschaft mehrere Tage quer durch die Steppe Zentralrusslands. Das hat mich ja an sich schon total gecatcht, denn die Umstände werfen Fragen auf: Wieso ist ihr Vater ihr fremd? Zehn Jahre hat sie ihn bisher nicht gesehen, denn ihr Vater flüchtete aus Sibirien in seine Heimatstadt Astrachan um einem Strafverfahren zu entgehen. Noch dazu hat er sich optisch total verändert und Oxana erkennt ihn kaum wieder. Wer ist der schlecht gealterte Mann, der mit erst 40 Jahren eher aussieht wie ihr Opa?! Sein Drogenkonsum hat ihn gezeichnet - aber er ist jetzt clean, quasi ein Ex-Junkie, der nochmal die Kurve gekriegt hat.
Eindrückliche Bilder sind automatisch in meiner Gedankenwelt aufgeploppt beim Lesen der Zeilen Wassjakinas, denn sie schafft es das Leben ihres Vaters perfekt abzubilden mit Worten und spricht im Geist mit einem fiktiven „Du“. Sie kämpft zwar mit ihren eigenen Ambivalenzen fährt mit der Gefühlsachterbahn durch Scham, Groll, Verbitterung und innere Leere, aber schafft es dabei pathosfrei und ohne nur einen Hauch von Larmoyanz, wieder auszusteigen.
Mit Passieren der Steppe und des Wolga-Ufers lässt sich durch die Naturbeschreibungen das eindrucksvolle Talent der Autorin für Nature Writing erahnen. Sie porträtiert ihren 1967 geborenen Vater als Sinnbild für eine männlich dominierte Generation, die mit den Unwägbarkeiten der in die Brüche gehenden Sowjetunion struggelte, aber sich dem
Ganzen stellte erhobenen Hauptes.
Oxanas Kindheitserinnerungen reflektiert sie anhand von Verweisen auf ihre Ur- und Großeltern. Sie denkt an die gemeinsame Zeit in Sibirien, die sie sehr geprägt hat und verarbeitet es literarisch, auch indem sie historisch Bezug nimmt.
Total umgehauen haben mich die Lebenswahrheiten des Vaters, die Oxana bruchstückhaft herausfindet, denn hier haben wir es einmal wieder mit hartem Tobak zu tun (also überlegt Euch bitte, ob ihr aktuell die Kapazitäten habt, über solche Themen zu lesen).
Ihm ist (fast) nichts erspart geblieben. Zunächst als Taxifahrer unterwegs, wird er zum kriminellen Bandenmitglied und verwickelt sogar die eigene Familie in brutale Machenschaften. Auch ein langes Leben ist ihm nicht vergönnt und er stirbt mit nur 47 Jahren an den Aids, er ließ sich nie von Ärzten behandeln diesbezüglich. Oxana erfährt erst nach seinem Tod, dass er überhaupt erkrankt war - durch frühere sexuelle Begegnungen und verunreinigte Heroin-Spritzen.
Versöhnlich gestimmt hat mich die Lebensfreude dieses vom Leben gebeutelten Mannes, denn auch wenn es bis jetzt vielleicht nicht so geklungen hat - der Frohsinn ist auch vertreten.
Ich empfehle diese Lektüre allen Leser*innen, die mehr über die Generation Männer erfahren möchten, die dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgesetzt waren und welche Steine und Geröllbrocken ihnen in den Weg gerollt wurden. Aber Oxana hat mit „Die Steppe“ nicht nur ein Memoir über ihren Vater verfasst, sondern auch über sich als Tochter. Was macht es mit einem Kind, wenn der Papa verschwindet und als Ex-Junkie, der an Aids sterben wird, wieder zurückkehrt?!
Mir hat das Buch Russland näher gebracht, nicht nur historisch, sondern auch kulturell und menschlich. Danke Oxana Wassjakina - ich fühle mich literarisch und menschlich bereichert nach dieser Lektüre!
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