Was der Strafprozess von Bruno Dey uns über Holocaust-Erinnerung und Antisemitismus in Deutschland lehrt
Tobias Buck erzählt die packende Geschichte eines der letzten großen Holocaustverfahren: des Prozesses gegen Bruno Dey, einen ehemaligen SS-Wachmann im KZ Stutthof, der 2020 in Hamburg im Alter von 93 Jahren wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 5000 Fällen schuldig gesprochen wurde. Buck zeichnet nicht nur den Fall Dey nach, sondern untersucht auch dessen politische Bedeutung für Deutschland und den Umgang der Deutschen mit dem Holocaust. Eindrücklich schildert er den Verlauf des Prozesses – und verknüpft ihn dabei auch eng mit seiner eigenen Familiengeschichte. So lädt Buck uns dazu ein, uns ganz persönlich mit den Fragen von Schuld und Verantwortung auseinanderzusetzen, und hinterfragt, wie Erinnerung dazu beitragen kann, den aktuell überall zunehmenden Antisemitismus einzudämmen.
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Ein großartiger Beitrag zur kollektiven Bewältigung unserer NS-Vergangenheit
Bewertung am 17.05.2025
Bewertungsnummer: 2492706
Bewertet: eBook (ePUB)
Ein großartiges Buch zur kollektiven Bewältigung unserer NS-Vergangenheit und ihrer juristischen Aufarbeitung. Tobias Buck ist es gelungen, die unterschiedlichen Lesergruppen auf den verschiedenen Ebenen der Bemühungen um eine juristische und historische Aufarbeitung der NS-Verbrechen nach 1945 emotional und kognitiv angemessen anzusprechen und zum selbstkritischen Nachdenken anzuregen. So hat es Buck verstanden, die Problematik der NS-Vergangenheitsbewältigung auch nach fast 80 Jahren in seiner tiefgründigen Komplexität gleichsam aus der Sicht der Enkel plausibel darzulegen, ohne die historische Tragweite des gesamten Systems der grauenvollen Nazi-Verbrechen aus dem Blick zu verlieren.
Die für das individuelle und kollektive Verständnis wesentlichen Aspekte wie die Verstrickung der verschiedenen Generationen in das NS-System hat er mit der notwendigen Distanz auch am Beispiel seiner Familie präzise aufgezeigt. Behutsam und anregend öffnet er den Blick auf die Wege zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte unter dem Aspekt persönlicher NS-Verstrickung. Dazu gehört Mut, auch wenn dies aus dem Blickwinkel als Enkel heute vielleicht etwas leichter fällt, als beispielweise in der Zeit der 1968er Studentenproteste, in der die damaligen Protagonisten erstmals sehr vehement eine radikale Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit forderten. Ob der Opa oder Vater Nazi war, war damals aus Angst vor öffentlicher Brandmarkung im Freundes- oder Kollegenkreis eher verdrängt als aufgeklärt worden. Die vielfach verbreitete und gern gehörte Erzählung, dass die Deutschen zwischen 1933 und 1945 ein Volk von Widerstandskämpfern gewesen seien, wurde spätestens 1996 seit dem Erscheinen des Buches von Daniel Goldhagen über »Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust« in aller Klarheit zurechtgerückt.
Deutliche Kritik richtet Buck gegen die sehr unterschiedlichen Auslegungen der Gesetze in den Gerichtsverfahren gegen NS-Verbrechen in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit. Ohne die Bedeutung der NS-Klein- und Kleinstkriminellen aus dem Blick zu verlieren, kritisiert Buck plausibel und mit Nachdruck, dass viele Täter aus der oberen Befehlshierarchie mit leichteren Strafen davongekommen seien. Indessen hätten nicht zuletzt die „Mitläufer“ und die zahlreichen Wähler der NSDAP aus allen Gesellschaftsschichten entscheidend dazu beigetragen, dass das NS-Regime in so kurzer Zeit grausamste Verbrechen gegen die Menschheit verrichten konnte. Damit verhindert er mögliches Mitleid mit dem angeklagten Bruno Dey, über dessen Prozess er sehr eindringlich als persönlicher Gerichtsbeobachter berichtet.
Bemerkenswert sind die aktuellen Bezüge, auf die Buck im Zusammenhang des Prozessbeginns gegen Bruno Dey am 17. Oktober 2019 aufmerksam macht: Der Aufstieg der AfD seit 2017 mit ihren perfiden nationalrassistischen Äußerungen und ihren widerlichen NS-Annäherungen sowie die rechtsextremistisch motivierten Morde nach dem Synagogensanschlag in Halle am 9. Oktober 2019, der von einem Rechtsextremisten verübte Mord an Walter Lübke am 1. Juni 2019 und das rassistische Massaker eines Rechtsextremisten an neun Mitbürgern in Hanau am 19. Februar 2020.
Von seinen eigenen Erfahrung mit seinem Jurastudium spannt er einen weiten Bogen von einer juristischen Expertise über die Definition von „Mord“ zu den Berichten von Holocaust-Überlebenden im Prozess und in weiteren Exkurse, wie dem zu der ungarischen Tänzerin und Auschwitz-Überlebenden Éva Pusztai-Fahidi, bis hin zu der Frage, inwieweit auch die „kleinen“ NS-Mithelfer wie der in Hamburg angeklagte 93-jährige Bruno Dey eine Schuld oder Verantwortung an den grauenhaften NS-Verbrechen in den Konzentrationslagern oder im Gefolge der Angriffskriege an den verschiedenen Fronten trifft. Sehr eindrucksvoll arbeitet Bucks die nach dem 2. Weltkrieg in der Rechtsprechung übliche Praxis heraus, wonach nur die höheren Nazi-Größen wie Göring, Frick, Streicher, Kaltenbrunner usw. in dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wegen Mordes und andere »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« angeklagt wurden und viele Haupttäter mit relativ milden Strafen davon gekommen seien.
Selbstkritisch und selbstzweifelnd wirft Tobias Buck im 1. Kapitel seines Buches anlässlich der Eröffnungsworte des zur Tatzeit 17-jährigen Angeklagten Bruno Dey zu Beginn des Prozesses als Autor die sehr persönliche Frage auf: »Hätte ich als 17-Jähriger in Nazideutschland anders gehandelt? Hätte ich die moralische Größe und Zivilcourage gehabt, von diesem Wachturm hinunterzuklettern, mein Gewehr abzugeben und zu sagen »Schluss damit!«?« Ähnliche Fragen haben sich sicher schon viele gestellt, als sie ihre in der Schule und aus Erzählungen gewonnenen Erkenntnisse über NS-Verbrechen in Bezug auf ihre eigene Verantwortung als Spätgeborene reflektierten.
Es ist bis zuletzt ein starkes Buch. Im abschließenden Kapitel über das Urteil gegen den 93-jährigen Wachmann im KZ Stutthof thematisiert Buck noch einmal die wesentlichen historischen und juristischen Aspekte. Kein Problem wird ausgeblendet, Widersprüche werden zugelassen, Zweifel an den frühen und letzten Urteilen werden ebenso wenig unter den Teppich gekehrt wie deren Zustimmung als möglich respektiert wird. In dieser Dialektik spannt Buck sprachlich sehr eindrucksvoll den Bogen von Zweifeln zu tiefgreifenden Selbstzweifeln und nimmt sich selbst davon nicht aus. Dadurch wird Leser mit Nachdruck zum Nachdenken über eigene Urteile angeregt.
Noch ein kleiner kritischer Wermutstropfen: Buck erwähnt mehrfach „Stalins Rote Armee“. Diese Armee war nicht die Armee Stalins, sondern die Armee der Sowjetunion. Dass die Bürger der Sowjetunion die Hauptlast gegen Hitler-Deutschland getragen bleibt indessen nicht unerwähnt, darauf weist Buck in aller Deutlichkeit hin. Was aus meiner Sicht allerdings fehlt, ist ein Hinweis auf die Bedeutung der zahlreichen Denkanstöße, Forderungen und Herausforderungen zur Bewältigung der NS-Vergangenheit aus dem Umfeld der 1968er Studentenrevolte, insbesondere von Protagonisten wie Rudi Dutschke oder Adorno und Horkheimer aus der Frankfurter Schule.
Rezension: Jochen Sicars
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