Eine raffiniert erzählte Dystopie über die Folgen des Klimawandels, ein Krimi um ein dunkles Familiengeheimnis und die Geschichte einer jungen Frau, die auf der Suche nach ihrer wahren Identität ist.
Mexico City im Jahr 2030: Die junge Physikerin Karina, die an einer Quantentheorie der Schwerkraft arbeitet, kümmert sich um ihre demente Großmutter, als diese ihr eines Nachts ein beunruhigendes Geheimnis anvertraut. Es hat mit dem Tod von Karinas Eltern zu tun, achtzehn Jahre zuvor.
Kurz danach bricht im nahegelegenen Park Chapultepec ein Brand aus. Ein riesiger Zoo und ein Friedhof befinden sich hier, Karinas Eltern sind an diesem Ort begraben. Die Tiere sterben oder fliehen, der Park wird völlig zerstört. Mit Hilfe des Friedhofswärters Silverio wird Karina der Wahrheit hinter dieser Katastrophe auf den Grund gehen.
In diesem packenden Roman bewegt sich die Zeit vor und zurück, dehnt sich aus und zieht sich zusammen. Im Zentrum steht ein Rätsel, um das die grundlegenden Themen unserer Zeit kreisen: Umweltkrise, Familienkonflikte, Sucht, Fanatismus und die Beziehung des Menschen zu anderen Wesen unseres Planeten.
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Blicke ins Gestern und Blicke…
kaffeeelse aus D am 25.08.2025
Bewertungsnummer: 2955817
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Blicke ins Gestern und Blicke auf das Jetzt Die Handlung des Buches ist in Mexiko City im Jahre 2030 angesiedelt. Das sind 5 Jahre in der Zukunft, zur Zeit der Ersterscheinung des Buches 2022 waren es dann 8 Jahre. Reicht das um eine dystopische Verbindung knüpfen zu können. Denn ganz leicht hüpft sie hier in der Geschichte um die Ecke. Aber kann man ein Geschehen dystopisch nennen, welches ja momentan schon spürbar ist, sich also auch in den kommenden Jahren abzeichnen wird, nur halt etwas stärker. Leichte dystopische Tendenzen habe ich wahrgenommen, aber irgendwie erleben wir ja auch schon heute diese Dystopie. Und damit wäre es ja keine. Der Klimawandel. Ja, klar. Manche denken ja immer noch, dass es diesen nicht gibt. Aber diese Menschen vermuten uns wahrscheinlich auch noch auf einer Scheibe, diffamieren Frauen als Hexen und LGBTQIA+ möchten sie ganz weit hinten versteckt wissen, wenn nicht sogar noch schlimmeres. Wir merken auf, für mich gibt es den Klimawandel. Und für mich gibt es auch noch so einiges mehr. Und dies ist auch ein Grund, warum mir dieses Buch hier, „Diese brennende Leere“ von Jorge Comensal sehr gefallen hat. „Diese brennende Leere“ vom mexikanischen Autor Jorge Comensal ist ein Buch, welches sich thematisch recht vielschichtig bewegt. Auf einer Familiengeschichte eingebettet, erzählt Jorge Comensal über die junge Physikerin Karina, durchaus auch eine Geschichte über weibliches Leben, weibliches Erleben in Mexiko, und damit erzählt er auch einen veränderten Blick im Lande des Machismo. Eben jene Physikerin Karina kümmert sich um ihre Oma Rebeca, diese ist alt, krank und hat auch ein Suchtproblem. Doch beide haben auch noch ein anderes Problem. Karinas Eltern hatten einen Autounfall und sie werden vermisst. Doch irgendetwas an der Geschichte, die Rebeca Karina erzählt hat stört Karina und so sucht sie sich Hilfe und diese Hilfe erscheint in der Figur des traumatisiert wirkenden Silverio, einen irgendwie vor sich hinlebenden Friedhofswärter, der mit seinem Leben hadert und mit dem Überleben beschäftigt ist. Die Hitze in der Stadt wird thematisiert und damit auch der Klimawandel, Hitze hat Folgen und so kommt auch schnell das Feuer ins Spiel. Im Park Chapultepec. Wo sich auch ein Zoo und der Friedhof befinden. Und damit kommen zu den bestehenden Thematiken noch die Tierhaltung, die Zoologie und der Artenschutz in die Handlung des Buches. Ebenso wie der mexikanische Umgang mit dem Tod, ich sag nur Dia de los Muertos und auch andere Formen der Spiritualität und mit ihr auch ein kleiner Funken Magischer Realismus. Mit der Tochter von Silverio, mit Daenerys kommt noch der Aktivismus ins Spiel, der junge Blick auf das Jetzt oder im Buch auf das Morgen, und irgendwie auch das heutige Morgen. Nun könnte man nach dieser Auflistung meinen dies wäre zu viel an Themen. Dieses Gefühl hatte ich nun während der Lektüre gar nicht. Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt bei der durchaus spannenden Reise durch die 416 Seiten. „Diese brennende Leere“ ist ein geschickt konstruiertes Buch, fesselnd geschrieben und auch inhaltlich sehr überzeugend, es passt sehr gut in unsere Zeit, die Figuren sind glaubhaft gezeichnet. Nur das Feuer in in mir ist nicht entstanden. Was irgendwie schade ist bei dieser Thematik. Keiner der Charaktere hat mich im Innersten erreicht, aber gut, dies muss ja auch nicht immer der Fall sein. Um so schöner ist das Gefühl, wenn es dann einmal so ist. Dennoch ist „Diese brennende Leere“ ein richtig gutes und perfekt in die heutige Zeit passendes Buch und ich kann es wirklich empfehlen.
In der Vergangenheit graben
Monsieur am 28.01.2025
Bewertungsnummer: 2397275
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine junge Physikerin begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihre verstorbenen Eltern und deckt dabei ein Geheimnis auf, das über Jahre hinweg vor ihr verborgen wurde. Diese Ausgangslage bildet das zentrale Thema des zweiten Romans „Diese brennende Leere“ des mexikanischen Autors Jorge Comensal, der Ende Januar im Rowohlt Verlag erschienen ist.
Die Geschichte wird aus den Perspektiven zweier Protagonisten erzählt: Karina, einer ehrgeizigen Doktorandin der Quantenphysik, und Silvio, einem orientierungslosen Friedhofswärter. Diese beiden Erzählstränge kreuzen sich relativ früh in der Handlung, was Potenzial für eine spannende Beziehung zwischen den Charakteren bietet. Doch obwohl ihr Zusammenspiel interessante Momente erzeugt, sind es die individuellen Entwicklungen der beiden Figuren, die den Roman vorantreiben.
Karina ist eine strebsame, selbstbewusste Protagonistin, die seit Jahren ihre Großmutter Rebeca pflegt. Rebecas Verhalten gibt Karina jedoch immer mehr Rätsel auf, vor allem in Bezug auf den angeblichen Unfalltod ihrer Eltern. Getrieben von Zweifeln beginnt Karina, in der Vergangenheit zu graben – sowohl im metaphorischen als auch im wörtlichen Sinne. Ihre Obsession führt sie dazu, Silvio um Hilfe zu bitten, das Grab ihrer Eltern zu öffnen, um neue Hinweise zu finden. Dieser Moment markiert eine entscheidende Wendung in ihrer Entwicklung: Aus der rational denkenden Wissenschaftlerin wird eine von ihrer Suche nach der Wahrheit besessene Frau, die bereit ist, gesellschaftliche Normen zu überschreiten. Ihre Methoden werden zunehmend unkonventioneller, bis hin zu fragwürdigen Entscheidungen wie das Vortäuschen einer falschen Identität, um Informationen zu erhalten. Trotz ihrer Handlungen bleibt Karina eine Figur, mit der sich Leserinnen und Leser identifizieren können – ihr innerer Konflikt ist authentisch und nachvollziehbar.
Silvio hingegen ist Karinas Gegenpol. Sein Leben scheint von einem Mangel an Richtung geprägt zu sein. Nach einem verheerenden Brand an seinem Arbeitsplatz, der nicht nur den Friedhof, sondern auch den benachbarten Zoo zerstört, gerät Silvios Leben aus den Fugen. Er beginnt, sich illegal mit dem Öffnen von Gräbern zu verdingen, ein grotesker Beruf, der ihn in Konflikt mit seiner eigenen Vergangenheit bringt. Silvios Beziehung zu seiner Tochter, die er jahrelang vernachlässigt hat, gewinnt im Verlauf der Handlung an Bedeutung. Seine Tochter, eine entschlossene Aktivistin, wird zu einem Symbol für die junge Generation, die gegen die drohenden Gefahren der Zukunft ankämpft. Silvio, dessen Leben bislang von Passivität geprägt war, findet durch diese Beziehung neue Impulse, sich mit größeren Fragen auseinanderzusetzen.
Comensal verlegt die Handlung leicht in die Zukunft, um aktuelle gesellschaftliche Probleme in einem weiter fortgeschrittenen Kontext zu betrachten. Themen wie das Artensterben und Tierrechte, was unter anderem durch den Brand im Zoo metaphorisch dargestellt wird, und neue Entwicklungen in der Klontechnologie werden angerissen. Dabei bleibt der Roman jedoch nur unterschwellig dystopisch und verzichtet auf überzogene Zukunftsszenarien. Stattdessen setzt der Autor auf eine realistische Erzählweise, die den Fokus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und inneren Konflikte der Figuren legt. Besonders Silvios Erzählstrang rechtfertigt diese zeitliche Verlagerung, da er sich zunehmend in einer Welt wiederfindet, in der die Konsequenzen des menschlichen Handelns sichtbarer werden.
Trotz dieser interessanten Ansätze bleibt der Roman in vielerlei Hinsicht oberflächlich. Die zentrale Thematik – Karinas Suche nach Ungereimtheiten in ihrer Familiengeschichte – bietet nur wenig Substanz für einen wirklich mitreißenden Plot. Die Handlung verläuft weitgehend geradlinig und birgt kaum Überraschungen. Der Versuch, Spannung durch Karinas obsessives Verhalten und ihre Ermittlungen zu erzeugen, scheitert daran, dass die aufgedeckte Wahrheit letztlich wenig Relevanz hat. Es fehlt an einem dichter gesponnenen Netz von Intrigen oder Enthüllungen, das den Leser bis zum Schluss fesselt.
Was den Roman jedoch vor dem Mittelmaß rettet, sind die vielen kleinen Nebengeschichten und skurrilen Details. Silvios grotesker Beruf als Grabschänder ist eine originelle Idee, die sowohl morbide Faszination als auch tragische Tiefe birgt. Auch seine ambivalente Beziehung zur Nähe des Todes und seine wachsende Verbindung zu seiner Tochter verleihen seiner Figur Komplexität. Diese Elemente sind es, die den Leser dazu bringen, am Ball zu bleiben, selbst wenn die Hauptgeschichte zu schwächeln beginnt.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Erzählstruktur: Der ständige Perspektivwechsel zwischen Karina und Silvio sorgt für ein abwechslungsreiches Tempo und erlaubt es dem Leser, beide Figuren und ihre Weltsichten besser kennenzulernen. Dieser Wechsel verhindert, dass die Geschichte trotz ihrer inhaltlichen Schwächen langweilig wird. Allerdings wird auch hier das Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Die Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen bleibt lose und wirkt oftmals konstruiert, anstatt organisch zu wachsen.
Der Brand im Zoo, der symbolisch für den Verlust von Artenvielfalt steht, und die Erwähnung von Aktivismus und Klimafragen verleihen dem Roman zwar eine gewisse Aktualität, doch gelingt es Comensal nicht, diesen Themen neue Perspektiven abzugewinnen. Die dystopischen Ansätze bleiben oberflächlich und dienen mehr als Hintergrundrauschen denn als zentrale Konflikte. Auch die wissenschaftlichen Aspekte von Karinas Arbeit hätten deutlich mehr Gewicht erhalten können, um die gesellschaftliche Brisanz der Geschichte zu erhöhen.
Unterm Strich ist „Diese brennende Leere“ ein akzeptabler Unterhaltungsroman, der mit einigen interessanten Ideen und Figuren punkten kann, jedoch nicht das Potenzial seiner Prämisse ausschöpft. Jorge Comensal gelingt es zwar, einzelne Momente und Nebengeschichten in Szene zu setzen, doch bleibt die Hauptgeschichte zu blass und die thematische Tiefe zu gering, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Wer eine kurzweilige Lektüre sucht, die einen Hauch von Dystopie und Familiengeheimnissen vereint, wird hier fündig. Ein herausragendes Zeugnis mexikanischer Gegenwartsliteratur ist der Roman jedoch nicht.
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