Port-au-Prince zu Beginn der Siebzigerjahre. Vor dem Hintergrund des Machtwechsels von Papa Doc zu Baby Doc träumt der vierzehnjährige Adrien davon, ein Geigenvirtuose zu werden. Voraussetzung dafür, dass er den Unterricht fortsetzen kann, ist allerdings ein eigenes Instrument. Da seine Eltern nicht die Mittel dazu haben, sucht er das Geld für seine Geige selbst zu beschaffen. Ein Offizier der Geheimpolizei macht ihm ein verlockendes Angebot. Adrien ahnt nicht, worauf er sich einlässt ... Eine Coming-of-age-Geschichte darüber, wie die Diktatur die unschuldigsten Träume pervertiert.
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Hervorragende haitianische Literatur
Bewertung am 08.11.2024
Bewertungsnummer: 2336373
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der 14jährige Adrien lebt in den 1970er Jahren in Port-au-Prince, Haiti. Es ist die Zeit der Militärdiktatur von François Duvalier („Papa Doc“) und des Machtübergangs an seinen Sohn, Jean-Claude, genannt „Baby Doc“.
Adrien wächst in ärmlichen, aber behüteten Verhältnissen bei seiner Mutter auf. Sie ist eine von mehreren Liebschaften seines Vaters, der daher nur hin und wieder bei ihnen vorbeikommt. Adrien ist ein guter Schüler und um ihm auch die schönen Künste näherzubringen, nimmt ihn seine kulturbegeisterte Mutter hin und wieder mit zu Theater-und Konzertbesuchen, auch wenn das Geld knapp ist. Von einem Violinkonzert ist er derart begeistert, dass er unbedingt Violine spielen lernen möchte. Es gelingt, ihn im Violinunterricht von Monsieur Benjamin, einem bekannten Violinspieler unterzubringen. Im ersten Unterrichtsjahr werden die Violinen von Monsieur Benjamin bereitgestellt, doch für das zweite Jahr müssen die Schüler eine eigene Violine mitbringen. Adriens Traum, ein großer Violinvirtuose zu werden, scheint zu platzen. Seine Eltern haben nicht die finanziellen Mittel, Violinen sind auf Haiti nicht zu bekommen, sondern müssen importiert werden. Adrien beschließt, das nötige Geld für den Kauf einer Violine selbst zu verdienen. Er findet neben der Schule einen Job, der allerdings so schlecht bezahlt ist, dass es kaum zu schaffen ist, eine Violine zusammenzusparen. Doch dann macht ein Offizier der Geheimpolizei ihm ein verlockendes Angebot. Adrien ahnt nicht, worauf er sich damit einlässt….
Gary Victor ist einer der meistgelesenen Autoren Haitis und vor allem bekannt durch seine Kriminalromane, schreibt aber auch Romane, Erzählungen und Dramen sowie Beiträge für Radio und Fernsehen.
Der Autor hat einen unverwechselbaren Erzählstil, kann virtuos mit Sprache umgehen. Gekonnt werden irrationale, von Voodoo geprägte Sequenzen in die Geschichte eingeflochten.
Auch wenn die Militärdiktatur nicht das Thema des Buches ist, so hat sie natürlich einen großen Einfluss auf die Geschichte. Sie ist allgegenwärtig im Leben aller Haitianer, man kann niemandem trauen, muss sich jedes Wort gut überlegen, Geheimpolizei und Denunzianten finden sich überall.
„Eine Violine für Adrien“ ist eine berührende, spannende Geschichte, gleichzeitig dramatisch und ironisch, kritisch aber auch phantastisch - und ganz nebenbei erfährt man noch so einiges über die haitianische Gesellschaft zur Duvalier-Zeit. Absolut lesenswert!
Ein virtuoses Abbild aus der Diktatur Haitis, eingepackt in einen bewegenden Coming-of-Age Roman
MarcoL aus Füssen am 27.09.2024
Bewertungsnummer: 2302747
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Port-au-Prince, Haiti. Es ist der Beginn der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Duvalier, genannt „Papa Doc“ hat das Land fest im Griff, seine Militärdiktatur beutelt das Land, Spione und Denunzianten finden sich an jeder Straßenecke.
Adrien ist 14 Jahre jung, wächst in relativ behüteten Verhältnissen auf, und ist gut in der Schule. Er wohnt bei seiner Mutter, der Vater kommt hin und wieder vorbei, pflegt noch andere Liebschaften. Das Geld ist knapp, aber es reicht auch für den ein oder anderen Theater- oder Konzertbesuch. Und so nimmt ihn seine Mutter zu einem Violinkonzert von Monsieur Benjamin mit. Adrien ist so begeistert, dass er selbst Violine spielen lernen möchte. Er bekommt die Gelegenheit, wird in seinem ersten Jahr der beste Schüler von M. Benjamin, der nebenbei noch gute Kontakte zu der Regierung hat. Doch ab dem zweiten Jahr darf Adrien nur mehr am Unterricht teilnehmen, wenn er selbst ein Instrument besitzt. Adriens großer Traum, Violinenvirtuose zu werden, zerbröselt vor seinen Augen ins Nichts, denn eine Geige ist in Haiti nicht erhältlich, kann nur importiert werden, und kostet ein Vermögen. Seine Mutter beteuert ihm, zu sparen, und Adrien nimmt neben der Schule selbst einen Job bei Herrn Nino an. Er versucht mit allen möglichen Mitteln, an Geld zu kommen, aber es wird kaum reichen. Bis eines Tages der Vater seiner Freundin Nadine, ein hochgestellter Offizier der Tonton Macoutes ihm einen Vorschlag macht … mehr wird nicht verraten, es lohnt sich sehr, die Geschichte selbst zu lesen.
Der Autor spielt in diesem Roman mit Hoffnung und Schuld vor dem Hintergrund der Militärdiktatur und der Machtübergabe nach dem Tod Duvaliers an dessen Sohn „Baby Doc“ und der omnipräsenten Geheimpolizei. Das Land ist im Chaos, niemandem kann getraut werden, und gut geglaubte Strukturen und Ehen spiegeln wider, wie es in Haiti aussieht.
Die Sprache ist flüssig, schnell zu lesen. Der Inhalt bewegend, manche irrationale vom Voodoo geprägte Szenen fügen sich ins Ganze harmonisch ein und verstärken den Zwiespalt, der dem jungen Adrien innewohnt.
Sein inniger und wahrhafter Wunsch, eine Geige zu bekommen kann hier sicherlich stellvertretend für ein freies Haiti gesehen werden. Gary Victor zeichnet mit diesem berührenden Coming-of-age Roman, dem eine tiefe Tragik nicht abgestritten werden kann, eine gutes Abbild der Gesellschaft des Landes. Die Menschen lebten in einem Gefängnis, degradiert zu Staatsmarionetten, deren Wünsche, Sorgen und humane Ziele in der Gesellschaft nichts verloren hatten.
Sehr gerne gebe ich für diesen fein gezeichneten Roman eine große Leseempfehlung.
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