Schon bei ihrer ersten zufälligen Begegnung an einem Novemberabend in Wien erkennen Luisa und Hugo, dass sie wie füreinander geschaffen sind. Obwohl sie beide gebunden sind, verbringen die Musikjournalistin und der Konzertpianist eine leidenschaftliche Nacht miteinander, die ihnen vor Augen führt, dass sie in unbefriedigenden Beziehungen gefangen sind: er in einer zu geschwisterlicher Freundschaft verkommenen Lebensgemeinschaft mit einer Frau, die sich hauptsächlich auf die zwei anstrengenden Kinder konzentriert, sie in einer Ehe mit einem tyrannischen Mann, der sie erotisch nicht mehr anzieht, und mit einem verwöhnten Sohn. Das Ausbrechen aus diesen Fesseln wird für Luisa zum verführerischen Gedankenspiel. Aber Hugo erhält am Tag nach ihrer Begegnung eine niederschmetternde medizinische Diagnose … Kann man aus einer Beziehung nahtlos in eine andere schlüpfen, die Partnerschaft aufgeben, wenn sie einen nur noch langweilt, und mit einem anderen Partner ein neues Leben beginnen? Wie viel Schmerz kann man einem vormals geliebten Menschen oder Kindern zufügen, indem man sich trennt?
Mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen entwickelt Bernadette Németh ihre Figuren, die am alltäglichen Zusammenleben scheitern, während sie gleichzeitig von romantischen Ausbrüchen träumen. Sie erzählt eine melancholische Geschichte vom Zögern vor Lebensentscheidungen und von versäumten Gelegenheiten.
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Sinnlicher Roman mit Tiefgang
Irse am 15.03.2026
Bewertungsnummer: 3078092
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Rezension von A.Tiefenbacher :
Sehnsucht „nach dem Gefühl, für einen anderen Menschen einzigartig zu sein“.
Dass manches im Leben nicht über „frommes Wünschen“ hinauskommt, weil seiner Verwirklichung zu viele Stereotype, Konventionen und Verhaltenskodizes im Weg stehen, zeigt dieser aus wechselnder Perspektive erzählte Roman, der sich an einer schicksalshaften Begegnung entspinnt und den „The Ballad of Lucy Jordan“ wie ein roter Faden durchzieht, ausführlich und klar.
Wie Lucy, die „an den Enttäuschungen über ihr Dasein als Ehefrau und Mutter zerbricht“, ist auch Luisa Salzinger (die weibliche Hauptfigur) 37 Jahre alt. Als Journalistin bei einer Musikzeitschrift lebt sie mit Ehemann und Sohn in einer Wohnung im Belle-Epoque-Stil. Von außen betrachtet sieht alles nach „Musterehe“ aus. Doch im Grunde ist ihre Beziehung zu Bertram, der sich nur noch für Aktienkurse interessiert, nach Jahren der „Versorgungsehe“ erkaltet. Nichts ist mehr da, wofür Luisa ihn „achten und bewundern“ könnte.
Nach einem Streit verlässt sie schließlich wutentbrannt die Wohnung, bleibt beim Überqueren der Straße mit einem ihrer für die Jahreszeit (es ist November) unpassenden Lackpumps im Loch eines Kanaldeckels stecken und wird gerade noch rechtzeitig vor den herannahenden Autos „von der Straße gezogen“. Der Mann, der das getan hat, heißt Hugo Müri, ist Konzertpianist und schon immer „hilfsbereit, (...) treu und brav“ gewesen. Für Luisa ist er ein Held; und sie für ihn ein Schatz, den „ihm das Leben zufällig vor die Füße gespült hat“.
Beide führen sich als Menschen vor, zwischen denen sich „jedes Wort, jede Interaktion wie Wellen (...) ausbreiten, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird“. Ihre vorsichtige Annäherung beschreibt die Autorin auf „liebevoll-bewundernde Weise“. Geschickt baut sie Reflexionen von Luisa und Hugo in die Handlung ein und lässt über diese emphatische Erzählweise die Leser:innen hautnah an Träumereien, Wünschen, Gedanken und Vorstellungen der beiden teilhaben. Man darf miterleben, wie sich seine Angst, „nicht genug zu sein“, nach und nach aus ihm zurückzieht und ihre oberste Maxime, „niemals eine Affäre mit einem verheirateten Mann zu beginnen“, ins Wanken gerät und der in Mädchentagen abgelegte Glaube „an die Liebe auf den ersten Blick“ plötzlich wieder aufblitzt.
In beiden breitet sich „eine nie gefühlte Leichtigkeit“ aus. Doch weder sie noch er wagt sich weit vor: Hugo hat nicht die Absicht, seine Frau Kirstin zu betrügen und spürt außerdem, dass etwas mit seinem Kopf nicht in Ordnung ist; und Luisa (auch wenn es so kommt, dass sie, vom eigenen Mann ausgesperrt, bei Hugo im Hotel übernachtet) will auf keinen Fall „irgendeine Weibergeschichte werden“. Somit bleibt Hugo nur eine „dumme Phantasie, dass sie, kaum hätte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, in seine Arme gefallen wäre“.
Eine Phantasie mit Verve, wie sie auch die auf einen emotionalen Höhepunkt zusteuernde, mit kritischen Bemerkungen über Männer, Eheleben, Schwangerschaft, Scheidung, Journalismus, „Scheinwelt“ oder Freiheit angereicherte Geschichte auszeichnet, der es fabelhaft gelingt, die Sehnsucht „nach dem Gefühl, für einen anderen Menschen einzigartig zu sein“, sprachlich spürbar zu machen.
Andreas Tiefenbacher
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