Helwig Brunner zeichnet ein Bild von unserer Welt, wie sie im 25. Jahrhundert aussehen könnte.Was bleibt vom Leben, wie wir es heute kennen? Was von unseren Werten? Und wie wird der Rückblick aus der Zukunft auf unser heutiges »Hoffnungszeitalter« aussehen? Flirren erweist sich als Bündel von Fragen, die aus einer fernen Zukunft auf uns selbst, unser Hier und Jetzt, zurückfallen. Wir schreiben das 25. Jahrhundert. Klimakrise, Artensterben und nukleare Katastrophen haben die Erde zu einem unwirtlichen, schwer bewohnbaren Planeten gemacht. Hitze und Dürre flirren auf und über der Welt, Gletscher schmelzen, das Wasser dunstet den Menschen davon. In einem Humanareal lebt der Vergangenheitsforscher Leonard und arbeitet im Auftrag einer mächtigen Behörde daran, einstige Hoffnungsquellen und verheerende Versäumnisse der Menschheitsgeschichte zu beschreiben. Er blickt auf das dunkle Herz des 20. und 21. Jahrhunderts und erinnert sich zugleich voller Trauer an seine große Liebe Lea. Mit seiner umfangreichen Sachkenntnis als Ökologe mit dem Schwerpunkt Energiewende hat Helwig Brunner einen wachrüttelnden Roman geschaffen. Flirren ist ein Versuch, die offensichtlichen Gefährdungen menschlichen, zivilisatorischen und ökologischen Wohlergehens ungeschönt und in kompromisslos genauer Sprache weiterzudenken.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
BücherändernLeben
aus Alt Ruppin
5/5
13.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich sitze in der U-Bahn und…
Ich sitze in der U-Bahn und die Tageswerbung macht mich auf "Flirren" aufmerksam. Den kurzen Werbetext habe ich schnell gelesen und bin sofort begeistert. Da beschreibt ein Autor vom 25. Jahrhundert aus gesehen, was an menschlichem Leben hier noch möglich ist. Ich zücke mein Handy und suche nach dem Namen des Autors. Ich finde ihn und nun ist klar, dieses Buch muss ich lesen. Egal ob der Zusammenbruch des Klimas, wie wir es heute kennen oder ob nukleale Katastrohen, alles hat die Menschheit bisher erlebt, Millionen haben es nicht überlebt und die Menschheit ist mächtig geschrumpft. So ein Buch hätte ich wohl vor zehn oder fünfzehn Jahren noch als Spinnerei abgetan, inzwischen kann ich mir so eine Zukunft vorstellen. Wir erleben es täglich neu, als Menschheit sind wir noch immer nicht bereit die Natur zu achten, statt sie auszubeuten und weiter hoffnungslos kaputt zu machen. Weiter fügen wir der Natur irreparable Schäden zu als wüssten wir nicht was dies für Konsequenzen hat. Leonard ist mir ganz besonders ans Herz gewachsen. Er benennt unsere Fehler und er trauert um seine große Liebe. Menschliches Leben spielt sich im 25. Jahrhundert oftmals unterhalb der Erdoberfläche ab. Nichts ist mehr so, wie es heute noch ist. Was Helwig Brunner hier beschreibt, ist eine Welt in der ich nicht leben möchte. Ob die Leserschaft seinen Roman tatsächlich als Weckruf sieht, wage ich zu bezweifeln. Der Autor verfügt über eine sehr schöne Schreibe. Ich wäre ihm gern noch einmal 200 Seiten lang gefolgt.
ins_lebenlesen
aus Schleswig-Holstein
5/5
03.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Ist es besser gut zu sein…
"Ist es besser gut zu sein oder stark? Diese Frage stellt sich nicht mehr in Zeiten der alles überrollenden Schwäche, der kollektiven Überforderung. Wir haben keine Wahl, wir sind, das ist die Wahrheit, weder gut noch stark.“ S.163 Wir sind im 25. Jahrhundert. Bei Temperaturen über 50 Grad und heftigen Sandstürmen sieht es in den österreichischen Alpen aus wie in der australischen Wüste. An Energie mangelt es nicht: Sonne und Wind sind im Überfluss vorhanden, werden aber in unbeschreiblichen Mengen für die Kühlung der sogenannten Humanareale und zur Wassererzeugung gebraucht. Die Wasserversorgung kann aus Grund- und Regenwasser schon lange nicht mehr gedeckt werden. In einem solchen Humanareal lebt Leonard als Vergangenheitsforscher, für dortige Verhältnisse auf 20 m² mit Außenfenster sogar recht komfortabel. Doch sein Leben ist zum Stillstand gekommen. Leas Tod, die er als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet, hat ihn in ein tiefes Loch gerissen. Während die Beschreibung der verheerenden Ereignisse der letzten Jahrhunderte, die zu den katastrophalen Lebensumständen geführt haben, einen düsteren Sog entwickelt, wird der Ton weich und lebendig, sobald von Lea die Rede ist. Es scheint, als wäre die Erinnerung an sie und die Liebe das einzig fruchtbare in dieser trockenen Zeit. „Lea wurde zum Kern meiner Lebensfreude, ihr Tod meine Kernschmelze.“ S.82 Es gibt wenig, das aus der alten Welt überlebt hat und auf das Leonard in seiner Forschung zurückschauen kann. Die „Behörde“ wird durch künstliche Intelligenz gesteuert, Bücher und Schriften gibt es kaum noch, denn das nötige Wissen wird den Menschen über digitale Uploads vermittelt. Doch der Mensch ist ein Mensch. Oder nicht? Was ist es, das in dieser Welt das Menschsein ausmacht? Welche Werte, welche Kulturgüter haben überlebt?Helwig Brunner bettet in kurzen Kapiteln die Story von Leonard und der verlorenen Liebe in einen philosophischen und auch poetischen, fast lyrischen Abgesang auf das Zeitalter der Menschheit. Ausgefeilte, wie Diamanten geschliffene Sätze prägen ebenso den Ton, wie wehmütige, melancholische und zarte Worte das Leben und den Blick zurück beschreiben. Antworten, Hoffnung? Nein oder nur wenig. Ansporn, die Welt, die wir haben, zu schützen und das, was uns als Menschen auszeichnet zu bewahren? Ja! Helwig Brunnner hat Musik und Biologie studiert, ist nicht nur Autor, sondern auch Herausgeber einer Lyrikbuchreihe UND Geschäftsführer eines ökologischen Planungsbüros mit Schwerpunkt Energiewende. Es war diese Mischung, die mich interessiert hat und die dieses Buch tatsächlich prägt. Eine klare Empfehlung für alle, die Freude an Gedankenspielen und keine Angst vor „ungeschönten und kompromisslosen“ Dystopien vom Ende des „Hoffnungszeitalters“ haben.
mari_liest
4/5
07.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dystopie oder Zukunft?
„Was einst die Evolution war, ist heute die Bastelstube der Gentechnik.“ (S. 18)
Leonard ist Vergangenheitsforscher und lebt in einem Humanareal. Humanareale sind die einzigen Behausungen, in denen zu leben noch möglich ist. Die Welt besteht nicht mehr aus schöner grüner Natur, vielen Menschen und Tieren. Das einzige Naturschauspiel sind die starken Winde, wüstenartige, vegetationslose Landschaft und ein Überfluss von Sonnenlicht. Dies ist gefühlt das einzig Positive, denn diese Winde und die starke Sonnenenergie befüllen die Windräder, die den Strom erzeugen, der zur Kühlung der Areale und dem Überleben dienen. Nahrung muss gezielt angebaut werden, Vitamine und Mineralien werden täglich zugeführt. Wasser ist Mangelware und für alle begrenzt. Informationen erhalten die Menschen durch digitale Uploads direkt in ihre Köpfe. Alles wird durch KI gesteuert und beobachtet.
Als Verhaltensforscher hat Leonard bei der Behörde einen „Stein im Brett“. In seiner Rolle als Forscher erhält ein besseres Quartier mit einem Fenster nach außen, hat es sozusagen etwas bequemer. Beim Lesen tauchen wir tief in die Gedankenwelt von Leonard ein, der - aufgrund der Historie und jetzigen Lebenssituation auf diesem Planeten – Ideen zu Auswegen herbeiführen soll. Seine Arbeit sollte grundsätzlich in einem „Think Big“ münden. Im Grunde ein Job der „eierlegenden Wollmilchsau“. Das Setting generiert beim Lesen Düsternis und Beklemmung.
Positive Vibes generieren die Erinnerungen an seine Lebensgefährtin Lea, die leider viel zu verstarb. Lea war Leonards Lebensmensch – ihr Bild, das er täglich ansieht, gibt der düsten Note im Buch etwas Sanftes. Sein Gedankendschungel ist logischerweise erschütternd und er leidet an der düstern Realität seiner Existenz. Was bleibt eigentlich noch vom Leben, wenn man in so einer Zelle hockt und die Sonne den Menschen buchstäblich eine „drüber brät“. Wenn Sonneneruptionen und Sonnenstürme auf die Erde drauf hageln und man im Grund ganz genau weiß, dass die Menschheit ein Ablaufdatum hat.
Brunner‘s „Buchexperiment“ ist vermutlich nicht so weit davon entfernt, wie es einmal sein wird. Er skizziert einen Überwachungsstaat durch KI, der emotionslos Entscheidungen trifft, wenn Dinge der Gemeinschaft nicht (mehr) dienlich sind. Das Spiel mit dem Feuer (und da sind wir im Buch bei ca. 50 Grad Celsius), das wir Menschen auf dieser Welt täglich spielen, ist Teil einer logischen Schlussfolgerung.
„Und während man ringsum einem drastischen Artenschwund zusah, der wie ein Flächenbrand über die Biosphäre hinwegzog, schien die Erde ohne unsere Spezis, ohne diese eine Spezies Homo sapiens, geradezu undenkbar. Denn der Gedanke an die eigene Abwesenheit ist ähnlich schwierig zu denken wie jener an das Nichts.“ (S. 90)
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