Min ist eine junge Britin, die um die Erotik blassgelber Baumwollpyjamas weiß, nach Ananas in der Oper verlangt und eine männliche Putzkraft beschäftigt. Ihre Welt entwirft sie um eine Handvoll wenig begehrenswerter, aber umso anziehenderer Männer. Da sind ein übergewichtiger Tenor, ein alternder Katzenliebhaber und ein manikürter Musikwissenschaftler.
Zur Teatime im Ritz, durch Londoner Parks spazierend oder beim Käsesandwich zum Lunch – Min zeigt sich als skeptische, aber doch ergebene Jüngerin heterosexueller Zweisamkeit. Die eigene Person, die Charakterstudien ihrer Freundinnen – alles ist mit Blick auf die Beziehung zum Mann entworfen: Sie arbeitet bei der BBC als Tontechnikerin und ist zwar verheiratet, doch ihr Mann George ist so unsichtbar, dass sie versehentlich das Licht ausschaltet, während er noch im selben Raum ist. Zum Glück hat sie ihre Freundinnen und Liebhaber, die sie ablenken. Jüngst wird sie etwa von einem international bekannten Opernsänger umworben. Gleichermaßen von ihm angewidert und angezogen, kreisen ihre Gedanken fortan darum, ob sie mit ihm schlafen soll oder nicht.
Mit ihrem ungeheurem Witz und ihrem feinen Gespür für menschliche Sehnsüchte hat Rosemary Tonks einst die britische Literatur geprägt. Nach Jahren im Rampenlicht zog sie aufs Land, änderte ihren Namen und vernichtete verbliebene Exemplare ihrer Bücher. Erst nach ihrem Tod neu aufgelegt, begeistert ›Der Köder‹ nun zum zweiten Mal eine ganze Generation von Leserinnen.
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spannende Wiederentdeckung
Bewertung am 05.05.2024
Bewertungsnummer: 2194137
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit Rosemary Tonks hat der Märzverlag eine Autorin ausgegraben, die eine ähnlich interessante Lebensgeschichte hat, wie die Fotografin Vivian Maier. In den 60er Jahren war Tonks eine Nummer im Literaturbetrieb. Sie machte sich einen Namen als Lyrikerin, Romanautorin und Kritikern, aber in den 70er Jahren löste sie sich in Luft auf wie Cheshire-Cat. Der Legende nach wurde Tonks fundamentale Christin. Sie lehnte jede Literatur außer der Bibel ab, verbrannte ihre Manuskripte und sorgte dafür, dass ihre Literatur nicht mehr zu finden war. Wenn sie ein veröffentlichtes Buch von sich fand, soll sie es verbrannt haben. Eine traumatische Kindheit und daraus resultierende Bindungsstörungen werden der Autorin angedichtet, die als Kind von Kolonialisatoren im Motherland England in Internaten aufwuchs. Ihre Karriere, ihre für die Zeit ungewöhnlich selbstbewußt-unangepasste Art, die Scheidung, ihre exzessive Literatur, ihr Hang zu Spiritualität, die Hinwendung zum fundamentalen Christentum, die Zerstörung aller aus der kolonialen Herkunft ihrer Familie ererbten Raubkunstobjekte und ihre kontinuierliche Verweigerung von Interviews oder Neueveröffentlichungen, lesen sich ebenso spannend, wie der Roman selbst, der 1968 herauskam und 2022 mit viel Aufmerksamkeit posthum neu veröffentlicht wurde, da nun ihre Hinterbliebenen zustimmten.
Das 40seitige Nachwort des Verlegers Neil Astley, der immer wieder versuchte an Tonks heranzukommen, umkreist die Legendenumwobene Autorin. Fast möchte ich dazu raten, es vor dem Roman zu lesen, denn es unterstreicht die Besonderheit der Autorin und ihres Schaffens. Doch das Werk Tonks steht für sich selbst. »Der Köder« ist ein heiteres Lustspiel mit giftigen Spitzen. In feinen Teegesellschaften, Opernabenden und Empfängen Londons lokalisiert, bewegt sich »Der Köder« zwischen »Menschen im Hotel« und der komischen Verdi-Oper »Falstaff«. Die eigenwillige Protagonistin Min tut alles für ihre Zerstreuung. Ihren Ehemann hält sie für so unscheinbar, dass sie versehentlich das Licht ausmacht, als sie den Raum verlässt, dabei sitzt er noch am Tisch und isst. Sie wettstreitet mit anderen Frauen um die besten Liebhabergeschichten, ist verknallt in den geschiedenen Billy, den sie auch erobert, während ein berühmter Opernsänger, der Kugelfisch, sie gekonnt umwirbt. Doch Min weiß noch nicht, ob sie selbst lieber die Angel auswirft oder gefangen werden will. Im verhalten-exzessiven Sound der 60er Jahre hält »Der Köder« die Spannung zwischen konservativem Gefangensein und dem selbstbewußten Ausbruch einer nach Zerstreuung suchenden Frau. » . ̈ , , , , ̈« behauptet The Times und ich behaupte, dass das von Barbara Kalender gestaltete Cover noch glücklicher macht, es ist nicht so instagrammable, wie es sein könnte, aber wenn ihr im Buchladen seid, fragt doch mal danach, fasst es an und lest bei der Gelegenheit rein.
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