Schon bevor er seinen besten Freund Caspar verlor, hatte es der siebzehnjährige Flo nicht leicht. Seine Eltern interessieren sich nur für ihr Eiscafé, sein geliebter Onkel ist an einem verfrühten Alzheimer erkrankt und Kontakte zu Mitschülern gestalten sich schwierig. Um Flo bei der Verarbeitung des Verlusts zu helfen, schenkt seine Schwester Sarah ihm einen Aromaten; eine hölzerne Box mit dutzenden Schubladen, mit der man durch Gerüche Erinnerungen wiedererleben kann. Doch die Reisen in seine Erinnerungen üben einen immer stärkeren Sog aus. Bald muss Flo sich entscheiden, ob er den Weg zurück in die Gegenwart wagt ¿ oder sich vollends in der Vergangenheit verliert. Ein empfindsamer Roman über die Bedeutung von Freundschaft und den Preis des Erinnerns.
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Verloren in Erinnerungen
Bewertung am 13.12.2024
Bewertungsnummer: 2363365
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise, für Flo liegt die Lösung in der Vergangenheit: Mithilfe eines Aromaten nutzt er Gerüche, um in seine Erinnerungen abzutauchen und diese wieder und wieder zu erleben. Sein bester Freund ist hier noch lebendig, alles ist gut - doch ist dies wirklich wahr?
Als Leser begleitet man Flo über einen Monat hinweg, jedoch wechseln sich die Gegenwartskapitel mit Ausschnitten aus der Zukunft und Vergangenheitsszenen des Aromaten ab. Einen solchen Aufbau fand ich sehr ungewöhnlich, aber dafür echt gut gelungen und interessant, man lernt Flo und andere Charaktere auf mehreren Zeitebenen kennen und setzt so das Puzzle der Geschichte zusammen.
Durch unterschiedliche Schriftarten/Textgestaltung war mir auch leicht ersichtlich, auf welcher Zeitebene wir uns befinden, jedoch wäre generell ein entsprechender Hinweis am Kapitelanfang vielleicht noch hilfreich.
Das World Building ist hier eher dezent gehalten, immer wieder gibt es zwischendurch kleine Hinweise auf die Eigenheiten der Gesellschaft, neue Erfindungen etc., aber keine expliziten Erklärungen. Es reicht aus, um die Welt zu verstehen, aber man merkt auch schnell, dass diese nicht im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Emotionen und Besonderheiten der Charaktere.
In diesem Punkt liegt auch die große Stärke des Romans, die Personen wirken sehr authentisch und im Laufe der Geschichte werden Emotionen jeglicher Art so realistisch beschrieben, dass man permanent mitfühlt. Es gibt hier keine Unterteilung in gut und böse, jeder Charakter ist einfach nur extrem menschlich, voller Fehler, Unsicherheiten, Ängsten, aber auch Freude, Witz und Glück. Flo beispielsweise ging mir teilweise auch mal auf die Nerven, weil er egoistisch und rücksichtslos handelte, aber trotzdem konnte ich ihn auch irgendwie verstehen.
In diesem Sinne hilft das Buch auch, andere Menschen vielleicht ein wenig großzügiger zu "bewerten" - man weiß nie, was die Person gerade durchstehen muss. Ebenso zeigt die Geschichte aber auch, dass man jemanden schnell mag, wenn man nur seine guten Seiten kennenlernt, dies aber noch lange nicht das ganze Bild ist.
Der Autor spielt geschickt mit eben diesen Themen und sorgt so auch regelmäßig für kleine und große Überraschungen und Plottwists, die ich oft so gar nicht erwartet habe.
Weiterhin hervorheben muss ich noch den Schreibstil, der für einen angenehmen Lesefluss sorgt, aber gleichzeitig schon fast poetisch anmutet. Immer wieder habe ich kurz angehalten und eine Stelle nochmal gelesen, weil sie schön formuliert war und große Ausdruckskraft hatte. In all der Trauer gibt es auch durch die Erinnerungen viele schöne und auch magische Momente, je mehr man liest, desto leichter fällt es einem auch zu verstehen, warum Flo sich immer mehr in der Vergangenheit verliert.
Ein gleichzeitig wunderschönes und tieftrauriges Buch, das zum Nachdenken anregt und sämtliche Emotionen erweckt.
Großes Einfühlungsvermögen
Pummelfee aus Nürnberg am 11.10.2024
Bewertungsnummer: 2313784
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Simon Klemp legt hier einen Roman vor mit eindeutiger Triggerwarnung. Mit großer Umsicht erzählt er eine große, vielschichtige Geschichte über Depressionen und Suizid. Trotz der Umsicht und des Einfühlungsvermögens wird die Leserschaft nicht geschont.
Der Protagonist Flo polarisiert stark - vor allem gegen Ende des Buches. Ich wage zu behaupten, dass es auf persönliche Erfahrungen ankommt, ob man ihn versteht oder nicht.
Auch wenn ich große Probleme hatte in die Geschichte rein zu kommen, weil es viele verschiedene Zeitstränge gibt, wurde ich belohnt. Es ist wirklich eine tiefe und große Geschichte die den Leser für sich einnimmt oder auch nicht. Wenn nicht, wird man es dennoch nicht bereuen, sie gelesen zu haben.
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