Mal ist es ein Rieseln, dann ein leises Heulen, das über den mächtigen Gletscher hallt. Sein Gesang verrät Unni, wo das immer mehr werdende Schmelzwasser einen Weg ins Innerste des Eises findet. Die Forschung hat die Glaziologin zurück nach Kanada geführt, aber es gibt noch einen weiteren Grund: Jon, mit den dunklen Augen und dem verlorenen Blick, dem sie bei ihrem letzten Besuch auf der Baffininsel nahekam, bevor sich ihre Wege wieder trennten. Jon, der hierhergereist war, um die Leerstellen in seiner Biografie zu füllen. Unnis Suche nach Jon führt sie auch in ihre eigene Vergangenheit, zu den magischen Sommern, die sie mit ihrem samischen Vater in Lappland verbrachte, und dem bitteren Alltag in einem Dorf bei Helsinki. Und schließlich bis zu einer jungen Frau, die dreißig Jahre zuvor dem
Gletscher lauschte und für das Kind in ihrem Bauch eine dunkle Zukunft vorausahnte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Bewertung
aus Weil am Rhein
5/5
30.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
sehr bewegender Roman über Herkunft und Entwurzelung
Wo das Eis niemals schmilzt von Inkeri Markkula
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
„Ich möchte Isaac erzählen, dass ich mein Leben in zwei Welten verbringe, die durch eine Fahrt mit dem Nachtzug voneinander getrennt sind, und dass ich eine der Welten jeden Tag vermisse und mir die andere immer wieder von der Haut abwasche. In der einen Welt weiche ich den Attributen aus, mit denen ich belegt werde, während ich in der anderen Welt die Geschichte meiner Familie mit mir herumtrage, und während ich mich in der einen Welt vor Blicken verstecke, gehe ich in der anderen Welt unter wachsamen Vogelaugen über baumlose Fjälls.“
Der Penny ist eine etwa 6000km2 grosse Eiskappe auf der Baffininsel in Nunavut, dem Territorium der kanadischen Inuit. Er ist Teil des Auyuittuq – dem «Land, in dem das Eis niemals schmilzt». Aber auch im Auyuittuq ist nichts mehr wie früher und die im Eis gespeicherte Vergangenheit zerrinnt. Unni, eine samische Glaziologin aus Finnland, untersucht die Strömungen im Penny und lernt dabei Jon kennen, der aussieht wie ein Inuk, aber nur Dänisch spricht und am Penny nach etwas zu suchen schient. Nach einer kurzen, intensiven Liebesbeziehung verlieren sich die beiden wieder aus den Augen.
Inkeri Markkula erzählt aus verschiedenen Perspektiven von Unni und ihren traumatischen Kindheitserlebnissen, von Jon und seiner verzweifelten Sehnsucht nach seinen Wurzeln, von Alasie, die am Penny aufgewachsen ist und der ein schreckliches Unrecht angetan wurde und von Helen, einer Kanadierin, die voller Seelenqual und Schuldgefühle mit ansehen muss, wie ihr erwachsener Sohn ins Unglück stürzt. Die Autorin verleiht dabei den jeweiligen Erzählsträngen sehr gekonnt eine eigene Stimme und Sprachmelodie und beleuchtet die verschiedenen Schicksale einfühlsam und poetisch. Allzu viel über die Handlung möchte ich hier nicht verraten, da das Buch spannend aufgebaut ist und die Beziehungen der Figuren zueinander erst nach und nach ersichtlich werden.
Ich habe diesen besonderen Roman als zart und sensibel empfunden, aber auch als sehr intensiv und berührend. Sprachlich leichtfüßig und elegant, behandelt er tragische Ereignisse, die unter die Haut gehen. Gleich mit den ersten Sätzen hat mich dieses Buch begeistert und gefangen genommen. Inkeri Markkula schafft es wunderbar, auch mit kurzen Sequenzen aus dem Leben ihrer Protagonisten tiefe Eindrücke zu hinterlassen. Ein gefühlvoller Roman über die Sehnsucht und Suche nach den eigenen Wurzeln, über Zugehörigkeit und Entfremdung. Über den Schmerz, den eigenen Eltern, der Heimat und Kultur entrissen zu werde. Und vor allem über Völkermord und den alltäglichen Rassismus gegen die indigene Bevölkerung Kanadas und Lapplands. Obwohl der Roman noch viele weitere Themen berührt wie ungewollte Kinderlosigkeit, der Tod eines Kinder, den Klimawandel und vieles mehr wirkte das Buch auf mich nie überladen. Einzig die eine oder andere Wendung in der Beziehung von Unni und Jon war für meinen Geschmack etwas weit hergeholt.
Ein bereicherndes, aufrüttelndes und berührendes Leseerlebnis!
Bewertung
5/5
12.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit leisen Tönen
Ein wunderbares Buch, eindrücklich und traurig, aber auch hoffnungsvoll. Der Erzählstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen, lässt er einen in die Natur eintauchen und mit viel Bedacht kleine Nuancen spüren.
begine
aus Lemwerder
5/5
17.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eindrucksvoll
Die Autorin und Umweltwissenschaftlerin Inkeri Markkula befasst sich in ihrem Roman, Wo das Eis niemals schmilzt, auch mit ihrer Wissenschaft.
Sie lässt ihre Protagonistin die Finnin Unni Gletscherforscherin werden.
Sie trifft John, der in Kanada adoptiert wurde und als Kind nach Dänemark kam.
John wurde als Neugeborener Same, seinen Eltern weggenommen und zur Adoption freigegeben. Seine Andersartigkeit macht ihm sehr zu schaffen.
Die Autorin befasst sich auch mit diesem Thema.
Unnis Kindheit wird gut dargestellt. Der finnische Winter hat es in sich.
Die Autorin versteht es wunderbar alle Themen gut zu erfassen und uns Nahe zu bringen.
Es ist ein Roman, der mich sehr gefesselt hat,, besonders Lesenswert.
Buchstabenfestival
4/5
19.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leseempfehlung
Was für eine Geschichte. Voll mit schweren Themen und trotzdem nicht zu erdrückend.
Der Schreibstil der Autorin ist wunderbar und zieht den Lesenden sofort in die Geschichte. Ich fand die Handlung gut und interessant. Spannend fand ich die Erklärungen zum Klimawandel, die Arbeiten von Unni am Gletscher und die Naturbeschreibungen. Auch haben mich die Lebensläufe von Jon und Unni mitgenommen und sehr nachdenklich zurückgelassen.
Unni, das Kind mit einem samischen Vater, das in Helsinki aufwachsen musste, weil die Mutter in Lappland nicht glücklich wurde und für Unni eine andere Zukunft wollte. Sie litt in Helsinki leise und sehnte sich nach ihrem Vater und der unberührten Natur. Weg von der Schule, dem Mobbing und der Ausgrenzung.
Auch Jons Werdegang fand ich traurig und beklemmend. Die Themen Zwangsadoption, der Verlust der Identität und die Suche nach dem inneren Frieden begleiteten den Lebensweg von Jon.
Die geschichtlichen Fakten und wie die Autorin diese verschiedenen Handlungsstränge miteinander verwoben hat, haben wir gut gefallen. Jedoch hätte ich mir bei diesen Themen mehr Tiefe, mehr Fakten und geschichtlichen Einblicke gewünscht. Die Autorin kratzt an der Oberfläche, was sie gut gemacht hat, aber für mich nicht ausreichend war. Hier hätte ich mir 100 Seiten mehr gewünscht, um dafür einen tieferen Einblick zu erhalten.
Trotzdem ist das Buch für mich eine klare Leseempfehlung. Die Themen werden nicht so häufig angesprochen und sollten doch zur Sprache kommen.
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