Als Ciani-Sophia Hoeder 14 Jahre alt war, ging sie mit ihrer Mutter das erste Mal zur Berliner Tafel. Sie erzählte niemandem davon, schämte sich, dass ihre Familie arm war – denn Armut ist ein Schimpfwort, ein Symbol des persönlichen Versagens. Dass es sich in Wahrheit um ein strukturelles Problem handelt und sozialer Aufstieg in Deutschland längst nicht so leicht möglich ist, wie gern suggeriert wird, wurde ihr erst später klar.
Ciani-Sophia Hoeder beleuchtet die Schnittstellen von Geld, Scham und Macht und zeigt, wie Klasse sich mit anderen Diskriminierungsformen vermischt. Sie spricht mit Expert:innen, Aktivist:innen, armen und reichen Menschen und macht deutlich, wie fehlende Chancengleichheit dieses Land prägt – und wie wir das ändern können.
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Thalia Book Circle Community
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29.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die große Illusion vom Aufstieg durch eigene Leistung
Das Sachbuch „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher – Die Lüge von der Chancengleichheit“ von Ciani-Sophia Hoeder räumt auf mit dem Mythos, dass in Deutschland jeder durch harte Arbeit und maximale Leistung reich werden, ja „vom Tellerwäscher zum Millionär“ aufsteigen kann.
"Wohlstand entsteht nicht durch Arbeit. Wohlstand entsteht durch Wohlstand.“
Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, sie ist selbst in prekären Verhältnissen aufgewachsen. Damit schreibt sie nicht über eine oft ungehörte Klasse, sondern aus ihr heraus. Das verleiht ihren Worten eine besondere Glaubwürdigkeit und Nahbarkeit.
In ihrem Buch analysiert sie, wie stark Klassenzugehörigkeiten unseren Alltag prägen: Sei es bei Konsum und Vorlieben, Beruf und Bildung oder auch bei Beziehungen und Dating. Zudem verdeutlicht die Autorin, wie sich Klassenzugehörigkeit mit weiteren Diskriminierungsformen überschneidet.
„Klassismus verstärkt letztlich Sexismus. Wie feministisch ist es, wenn ich ein Manager:innengehalt verdiene, während meine Kinder in der Kita von einer Frau erzogen werden, die weniger verdient. Oder wenn in meinen eigenen vier Wänden eine Frau putzt, die eigentlich in Rente ist, aber unter Altersarmut leidet und deshalb weiterhin etwas dazuverdienen muss?“
Ein grundlegender Perspektivwechsel ist dringend nötig: Armut darf nicht länger individualisiert werden. Vielmehr müssen wir die strukturellen Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse an der Wurzel bekämpfen.
„Der Gedanke des Aufstiegs selbst wird nicht infrage gestellt. Er gilt als universeller Wunsch. Dabei sollte die Lösung eigentlich nicht sein, dass Einzelne aufsteigen können, sondern dass es allen gut geht. Dass es keine Armut gibt oder Menschen, die arbeiten und trotzdem nicht über die Runden kommen. In Wahrheit geht es gar nicht darum aufzusteigen. Sondern um Autonomie. Um ein Leben frei von Existenzängsten und Prekarität. Geld ist in einer kapitalistischen Gesellschaft die einzige Möglichkeit, um sich ein Stück Freiheit zu erkaufen. Ohne bleibt das Individuum fremdbestimmt. Bildung als kulturelles Kapital kann zu mehr Einkommen führen. Viele Untersuchungen zeigen, je höher die Bildung, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden. Wir wollen keine Yacht oder einen Ferrari. Wir wollen am Morgen ohne Existenzängste aufwachen.“
„Klassen sind ein Ist-Zustand. Eine Beschreibung, um zu verstehen, dass vermeintliche Chancengleichheit nicht jedem die gleichen Möglichkeiten bietet. Sondern dass viele andere Faktoren das Leben jedes Einzelnen beeinflussen.
Mein Großvater hatte ganz andere Startbedingungen als der Lidl Minus und kaufland-gründer Dieter schwarz. Eine Frau ist nicht einfach nur eine Frau. Sie kann eine alleinerziehende Mutter sein, mit Migrationserfahrungen, mit Behinderung. Ihre Chancen sehen ganz anders aus als die eines jungen Mannes mit Studienabschlüssen von diversen Elite-Unis, der aus einem überwohlständigen Zuhause kommt, ein über Generationen gepflegtes Netzwerk vorweist und den Laden seines Daddys übernimmt. Diese Dimensionen spielen eine Rolle. Die Beispiele zeigen, dass Deutschland nicht so sozial mobil ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Dass die Rollen eigentlich schon vorverteilt sind. Wir wissen, es gibt Klassen, aber gleichzeitig glauben wir, dass die Leistung über den Erfolg einer Person entscheidet. Diese beiden Gedanken widersprechen sich. Das macht unser Klassenunbewusstsein aus. Ein Eigentlich-Aber.“
Meiner Meinung nach ist „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher“ ein wirklich vielschichtiges und wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt und auch dazu, die eigenen Privilegien zu hinterfragen. Es kann helfen, die Mechanismen von Klasse, Macht und Erbe wirklich zu verstehen.
„Wir denken, in einer kapitalistischen Welt liegt die Macht in den Händen derer, die das Geld haben. Das stimmt. Doch nur, solange wir daran glauben. Klasse ist eine Geschichte. Ein menschengemachtes System, das reale Konsequenzen hat. Es funktioniert, weil wir daran glauben. Aber der Knecht ist derjenige, der eigentlich den Wohlstand des Herrschers sichert und das System am Laufen hält. Ohne ihn ginge gar nichts. Ohne den Herrscher schon.“
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