Der 14-jährige Johan ist unglücklich. Ausgerechnet sein bester Freund Nils umgibt sich nur noch mit Linus, dem Jungen, der Johan fast täglich mobbt und beleidigt. Da kommt es ihm gelegen, die Ferien wie gewohnt mit seinen Eltern in Südtirol zu verbringen, wo er auf Luise und Paul, zwei langjährige Ferienfreunde, trifft. Als bei einem Erdrutsch die gemeinsame Ferienpension zerstört wird und gar ein Todesopfer geborgen werden muss, bezweifeln die drei Jugendlichen, dass es sich dabei wirklich um einen Unfall handelt. Für weitere Aufregung sorgt Johans Verhältnis zu Paul, der mit seinen sexuellen Anspielungen nicht nur Johan verwirrt...
Hinter dem anfangs etwas sperrig wirkenden Titel "Die Karte ist nicht das Gebiet" von Stephan Martin Meyer verbirgt sich ein warmherziger Coming-of-Age-Jugendroman mit liebenswerten Protagonisten und einer wirklich spannenden Rahmenhandlung. Schon bevor der Roman mit einem sprachlich fulminanten Prolog beginnt, steht ein gezeichneter Kompass auf dem Kopf - und deutet schon einmal die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens an, die insbesondere Johan und Paul mit fortschreitender Dauer zunehmend beschäftigen.
In Johan erwachen homosexuelle Gefühle, was der Autor empathisch und warmherzig begleitet und seiner Figur mit großer Ernsthaftigkeit den Rücken stärkt. Denn gerade das Ernst-genommen-Werden fehlt nicht nur Johan, sondern auch zahlreichen weiteren Kindern und Jugendlichen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Vor allem für sie lohnt sich dieser Roman, dem ich in dieser Hinsicht eine große Aufmerksamkeit wünsche. Realistisch, unterhaltsam, aber nie peinlich werden sich die Figuren ihrer aufkommenden Sexualität bewusst, und auch dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Gefühlen für verschiedene Personen und Geschlechter stellt Stephan Martin Meyer beeindruckend und authentisch dar.
Doch nicht nur das bevorstehende Coming-Out, sondern auch das "Verbrechen", wie es der Untertitel nennt, sorgt für Spannung. Im positiven Sinne fühlte ich mich an Enid Blytons "Abenteuer"- oder "Geheimnis um"-Reihen erinnert - allerdings im modernen Gewand und mit durchaus drastischeren Folgen. Die Mädchenfigur Luise geht mit fortschreitenden Ermittlungen leider ein wenig unter und beklagt sich auch gegen Ende des Buches nicht zu Unrecht darüber. Doch in den entscheidenden Momenten ist auch sie wieder zur Stelle, um Johan und Paul zu unterstützen.
Ein weiteres Plus ist die Figurenzeichnung, insbesondere bei den vermeintlich "bösen" Charakteren. Sie werden ambivalent mit all ihren Stärken und Schwächen porträtiert - vielleicht mit Ausnahme von Johans Erzrivalen Linus, der eigentlich den ganzen Roman über nur "blöd und gemein" erscheint.
Insgesamt ist "Die Karte ist nicht das Gebiet" ein lesenswerter und wichtiger Jugendroman, der unterhält und gleichzeitig berührt und dabei allen Jugendlichen, egal ob homo-, hetero-, bisexuell oder was auch immer, ein bedeutender Kompass sein kann - auf der Suche nach dem Erwachsenwerden und nach sich selbst.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
02.06.2021
Buch (Taschenbuch)
Der 14-jährige Johan ist…
Der 14-jährige Johan ist unglücklich. Ausgerechnet sein bester Freund Nils umgibt sich nur noch mit Linus, dem Jungen, der Johan fast täglich mobbt und beleidigt. Da kommt es ihm gelegen, die Ferien wie gewohnt mit seinen Eltern in Südtirol zu verbringen, wo er auf Luise und Paul, zwei langjährige Ferienfreunde, trifft. Als bei einem Erdrutsch die gemeinsame Ferienpension zerstört wird und gar ein Todesopfer geborgen werden muss, bezweifeln die drei Jugendlichen, dass es sich dabei wirklich um einen Unfall handelt. Für weitere Aufregung sorgt Johans Verhältnis zu Paul, der mit seinen sexuellen Anspielungen nicht nur Johan verwirrt... Hinter dem anfangs etwas sperrig wirkenden Titel "Die Karte ist nicht das Gebiet" von Stephan Martin Meyer verbirgt sich ein warmherziger Coming-of-Age-Jugendroman mit liebenswerten Protagonisten und einer wirklich spannenden Rahmenhandlung. Schon bevor der Roman mit einem sprachlich fulminanten Prolog beginnt, steht ein gezeichneter Kompass auf dem Kopf - und deutet schon einmal die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens an, die insbesondere Johan und Paul mit fortschreitender Dauer zunehmend beschäftigen. In Johan erwachen homosexuelle Gefühle, was der Autor empathisch und warmherzig begleitet und seiner Figur mit großer Ernsthaftigkeit den Rücken stärkt. Denn gerade das Ernst-genommen-Werden fehlt nicht nur Johan, sondern auch zahlreichen weiteren Kindern und Jugendlichen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Vor allem für sie lohnt sich dieser Roman, dem ich in dieser Hinsicht eine große Aufmerksamkeit wünsche. Realistisch, unterhaltsam, aber nie peinlich werden sich die Figuren ihrer aufkommenden Sexualität bewusst, und auch dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Gefühlen für verschiedene Personen und Geschlechter stellt Stephan Martin Meyer beeindruckend und authentisch dar. Doch nicht nur das bevorstehende Coming-Out, sondern auch das "Verbrechen", wie es der Untertitel nennt, sorgt für Spannung. Im positiven Sinne fühlte ich mich an Enid Blytons "Abenteuer"- oder "Geheimnis um"-Reihen erinnert - allerdings im modernen Gewand und mit durchaus drastischeren Folgen. Die Mädchenfigur Luise geht mit fortschreitenden Ermittlungen leider ein wenig unter und beklagt sich auch gegen Ende des Buches nicht zu Unrecht darüber. Doch in den entscheidenden Momenten ist auch sie wieder zur Stelle, um Johan und Paul zu unterstützen. Ein weiteres Plus ist die Figurenzeichnung, insbesondere bei den vermeintlich "bösen" Charakteren. Sie werden ambivalent mit all ihren Stärken und Schwächen porträtiert - vielleicht mit Ausnahme von Johans Erzrivalen Linus, der eigentlich den ganzen Roman über nur "blöd und gemein" erscheint. Insgesamt ist "Die Karte ist nicht das Gebiet" ein lesenswerter und wichtiger Jugendroman, der unterhält und gleichzeitig berührt und dabei allen Jugendlichen, egal ob homo-, hetero-, bisexuell oder was auch immer, ein bedeutender Kompass sein kann - auf der Suche nach dem Erwachsenwerden und nach sich selbst.
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