Johanna ist keine gute Tochter. Um sich zu retten, hat sie die Familie verlassen. Jetzt, dreißig Jahre später, ist sie wieder zu Hause. Sie sucht Nähe, sie will den Kontakt zur Mutter erzwingen, doch die verweigert sich kühl jeder Annäherung. Heimgesucht von den Erinnerungen an die Kindheit zieht Johanna sich in eine einsame Hütte am Fjord zurück, wo es an ihr ist, die Verhältnisse zu ordnen und sich aus den familiären Zwängen zu befreien.
Vigdis Hjorth erzählt in »Die Wahrheiten meiner Mutter« drastisch von unseren zerrütteten Beziehungen, von Sehnsucht und Enttäuschung und davon, wie man der Vergangenheit begegnet, ohne sich selbst aufzugeben.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
S.J.
5/5
16.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eindringlich
Eindrucksvolle Beschreibung einer schmerzhaften Mutter-Tochter Beziehung. Intensiv bis zur Schmerzgrenze setzt sich die Protagonisten mit dem Verhalten ihrer Mutter auseinander.
Ein Monolog der auf mich eine Sogwirkung ausgeübt hat.Nachvollziehbar beschreibt die Autorin welche Verletzungen die Erfahrung des nicht gesehen werdens auslösen kann.
Nina
5/5
10.12.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine von uns
Die Familie können wir uns nicht aussuchen. Wir werden hineingeboren – mit all den Wünschen, Erwartungen und Schmerzen, die Familienmitglieder auf uns projektieren. Dagegen können wir uns nur in gewissen Maßen wehren. Kommt es zum Äußersten, bleibt uns zunächst der Rückzug – und am Ende nur der Kontaktabbruch.
Johanna, die Protagonistin, die uns in „Die Wahrheiten meiner Mutter“ an ihren Gedanken teilnehmen lässt, hat vor dreißig Jahren den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen. Den vorgegebenen Weg ihrer Eltern – das Jurastudium, eine Hochzeit, die sie nicht als ihre eigene Hochzeit anerkennen kann – Johanna ist gefangen in den Plänen, die ihre Eltern für sie haben. Als sie beschließt, aus ihrer Ehe auszubrechen, ihrer großen Liebe nach Amerika zu folgen und sich dort nicht als Juristin, sondern als Künstlerin zu verwirklichen, entsteht ein Riss mit ihrer Familie.
Dieser Riss wird mit der Zeit größer, es entwickelt sich ein unüberwindbarer Krater. Johannas Kunst beschäftigt sich mit der Mutter-Kind-Problematik – und sorgt in ihrer alten Heimat für Unruhe. Als ihr Vater stirbt, erfolgt der endgültige Bruch: Johanna kommt nicht zur Beisetzung.
Nun, dreißig Jahre nach ihrer Flucht nach Amerika, zieht Johanna zurück in ihre alte Heimatstadt. Frisch verwitwet, der Sohn gerade flügge geworden, will sie sich vor Ort auf eine Ausstellung in ihrer Heimatstadt vorbereitet. Doch statt mit ihrer Kunst beschäftigt sich Johanna mit ihrer Vergangenheit. Sie sehnt sich nach Kontakt zur Mutter, nach Antworten auf die Fragen, die sich Johanna seit Jahrzehnten stellt.
Ihre zunächst vorsichtigen Versuche, Kontakt mit ihrer Mutter aufzunehmen, werden von dieser konsequent unterbunden. Johanna fängt an, ihre Mutter heimlich zu beobachten, versucht ihr nahe zu sein. Kurz gesagt: Johanna fängt an, ihre Mutter zu stalken. Die New York Times betitelte die eigene Buchbesprechung passend mit „Digging Through Her Mother’s Trash, Looking for Love” – “durch den Müll ihrer Mutter wühlend, auf der Suche nach Liebe“.
Genau das macht diesen Roman von der vielfachen norwegischen Bestsellerautorin Vigdis Hjorth so besonders: Die Mischung aus einer durchaus sympathischen Protagonistin, deren Bedürfnisse absolut nachvollziehbar sind, sie durchaus als „Grundbedürfnisse“ bezeichnet werden können. Deren Verletzungen und deren Erwartungsdruck wir alle mehr oder weniger aus unseren eigenen familiären Beziehungen kennen („lern doch erstmal etwas sicheres“, „ich freu mich schon, Oma/Opa zu werden“, „Du musst aber unbedingt auch deine Cousine dritten Grades zu Deiner Hochzeit einladen“ etc. pp.), die einem beim Lesen des Romans durchaus ans Herz wächst. Gleichzeitig sind die entstehenden Handlungen zuwider, die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen bleiben dennoch.
Der fast durchgehende Monolog der Protagonistin ist gut zu lesen, mir gefällt besonders der Spiel mit den sichtbaren Pausen. Durch wenige Zeilen auf einer Seite wird das Buch zwar auf 400 Seiten aufgeblasen, ein kurzer Absatz auf einer einzelnen Seite wirkt dafür umso intensiver.
Ich freue mich darauf, weitere Romane von Vigdis Hjort zu lesen. Immerhin zehn Romane sind bereits ins Deutsche übersetzt.
sleepwalker
5/5
01.12.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine junge Frau bricht mit…
Eine junge Frau bricht mit ihrer Familie, da sie sich unwohl und unverstanden fühlt. Sie bricht ihr Studium ab, zieht mit einem Mann in die USA, dem die Eltern „nicht über den Weg trauten“, wird Künstlerin und hat mit den Eltern und der jüngeren Schwester in der alten Heimat nur sporadisch Kontakt. Moment mal, schreibt Vigdis Hjorth in „Die Wahrheiten meiner Mutter“ etwa über mich? So kam es mit bei der Lektüre fast vor, selten habe ich mich in einem Buch so wiedergefunden. Ein enorm schwieriges Buch über eine völlig dysfunktionale Mutter-Kind-Beziehung, das mich nachdenklich zurücklässt. Aber von vorn. Vor über 30 Jahren hat Johanna ihre Familie verlassen. Sie brach ihr Jurastudium ab, verließ ihren erst kürzlich angetrauten Ehemann und folgte Marc, dem Lehrer ihres Malkurses nach Amerika. Sie heiratete ihn, bekam einen Sohn und wurde eine anerkannte Künstlerin. In der Familie wurde sie durch ihren Ausbruch zum schwarzen Schaf und zur Persona non grata, sie können weder ihre Liebes- noch ihre Lebensentscheidung verstehen. Ihren Mann halten sie für zweifelhaft und den gewählten Beruf für fragwürdig. Dass sie nicht zur Beerdigung des Vaters nach Hause kam, machte alles noch schwieriger. Mit fast 60 Jahren reist sie, inzwischen verwitwet, zurück nach Norwegen und versucht, sich der Mutter wieder anzunähern. Da diese aber jeglichen Kontakt ablehnt, muss sie sich ihr virtuell annähern. Sie rekapituliert ihr Leben, ruft sich große und kleine Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend ins Gedächtnis, immer auf der Suche nach Antworten. Wieso wurde sie so, wie sie heute ist? Wer und vor allem, wie ist ihre Mutter wirklich? Im Endeffekt führt die Reise Johanna nicht nach Hause, sondern führt zu einer zweiten, endgültigen Abnabelung. „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – so steht es schon in der Bibel. Johanna sieht es anders. „Haben Eltern nicht ein Leben lang eine Verpflichtung, die das Kind nicht hat?“ Es war ja schließlich die Entscheidung der Eltern für das Kind, nicht andersherum. Der Versuch Johannas, sich der Mutter wieder nähern zu können, ist nachvollziehbar, aber schwierig. Sie stalkt sie praktisch, verfolgt sie auf Schritt und Tritt und versucht, ihren Tagesablauf zu ergründen, um sich ihr nahe zu fühlen und um sie besser verstehen zu können. Außerdem versucht sie immer wieder, sie anzurufen. Alles andere, was sie über ihre Mutter „erfährt“, ist reine Spekulation und geschieht nur vor ihrem geistigen Auge. Ihre eigene innere Zerrissenheit projiziert sie auf ihre Mutter und ihre Schwester – möglicherweise lässt sich ihre Trauer nur so verarbeiten. Sie ist ihren eigenen Weg gegangen, etwas, was ihre Mutter ihrer Meinung nach nie geschafft hat. („Es gibt so viele Möglichkeiten, eine Mutter zu verlassen, über fünfzig.“ Da singt in meinem Hinterkopf Paul Simon „50 ways to leave your lover“.) Sie spinnt sich zusammen, dass ihre Mutter als Ehefrau und Mutter unglücklich war, dass sie selbst ausbrechen wollte, es aber nie gewagt hat. Wahrheit oder Wunschdenken? Die Leserschaft erfährt es nicht wirklich, das Buch besteht in der Hauptsache aus Erinnerungen, innerem Monolog und Vermutungen, vage und subjektiv. Aber genau das macht das Buch aus, dazu die poetische Sprache, der rein deskriptive Stil, die hervorragende Übersetzung und die greifbare Sehnsucht, die die Protagonistin an den Tag legt. Sie trauert etwas hinterher, das es möglicherweise so gar nie gegeben hat, sie wünscht sich eine Zweisamkeit mit der Mutter, die es nie gab und nie geben wird. Zwei Frauen, so unterschiedlich und doch so ähnlich. So schwierig Johannas Charakter ist, so sehr habe ich mich darin wiedergefunden. Eine starke Frau und dennoch voller Selbstzweifel, jemand, der den eigenen Weg ging und sich nur eines von der Mutter wünscht: Zuneigung, Anerkennung und eine nachträgliche Absolution. Das Buch ist sicherlich nicht jedermanns Sache, für mich war es aber genau das Richtige und wird mich noch lange beschäftigen. Daher gibt es von mir fünf Sterne.
NT
5/5
23.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tiefgehend und ungewöhnlich
Johanna ist in ihren 60ern und zieht nach vielen Jahrzehnten zurück in ihr Heimatland Norwegen. In die Stadt, in der ihre Mutter lebt. Nur etwa 4 Kilometer entfernt von ihrer Wohnung. Zu ihrer Mutter hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Auf ihre Anrufe und ihre Briefe wird nicht reagiert. Schuld sind ein alter Streit und viele Missverständnisse.
Johanna durchlebt in "Die Wahrheiten meiner Mutter" die wichtigsten Momente ihrer Kindheit, sucht Erklärungen für das Verhalten ihrer Mutter, sucht nach Versöhnung und nach Verständnis. Der Schreibstil der Autorin ist dabei ungewöhnlich, aber tiefgreifend. Die Sätze sind lang, die Abschnitte meist kurz und es gibt keine wörtliche Rede mit Satzzeichen. Doch gerade dieser Schreibstil passt sehr gut zu dem inneren Monolog der Protagonistin. Mit vielen Gedanken und Erfahrungen, die Johanna antreiben, kann sich die Leserin oder der Leser identifizieren. Die beschriebene Familiendynamik bestürzt aber fasziniert gleichermaßen. Ein packendes Meisterwerk, fantastisch geschrieben.
Sylvias-Lesezimmer
aus Ingelbach
5/5
01.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Geschichte die mich…
Eine Geschichte die mich sprachlos gemacht hat Klappentext: Johanna ist keine gute Tochter. Um sich zu retten, hat sie die Familie verlassen. Jetzt, dreißig Jahre später, ist sie wieder zu Hause. Sie sucht Nähe, sie will den Kontakt zur Mutter erzwingen, doch die verweigert sich kühl jeder Annäherung. Heimgesucht von den Erinnerungen an die Kindheit zieht Johanna sich in eine einsame Hütte am Fjord zurück, wo es an ihr ist, die Verhältnisse zu ordnen und sich aus den familiären Zwängen zu befreien. „Die Wahrheiten meiner Mutter“ von Vigdis Hjorth ist eine schmerzhafte Erzählung über die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Johanna hat schon lange keinen Kontakt zu ihrer Mutter. Vor vielen Jahren hat sie ihren erst kürzlich geheirateten Mann für eine andere Liebe verlassen und somit die Familie ins schlechte Licht gerückt. Bis heute hat ihre Mutter ihr das nicht verziehen. Als sie nach dem Tod ihres Vater nicht zur Beerdigung kam hat die Mutter einen Schlussstrich unter die Beziehung gemacht. Jetzt ist auch Johannas Mann gestorben und sie kehrt in ihre Heimat Norwegen zurück. Johanna möchte sich mit ihrer Mutter aussprechen, dass Vergangene aufarbeiten, doch die Mutter geht weder ans Telefon noch beantwortet sie die Mails von Johanna. Auch die Schwester, die sich um die Mutter kümmert ignoriert alle Kontaktversuche. Johanna zieht sich in eine einsame Hütte im Fjord zurück um ihre Gedanken über die Vergangenheit zu ordnen. Vigdis Hjorth arbeitet in ihrem Roman die Vergangenheit ihrer Protagonisten auf. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Johanna, also aus der Ich-Perspektive. Heute ist Johanna eine bekannte Malerin und will in Norwegen eine Ausstellung ihrer Gemälde machen. Jetzt erinnert sie sich an ihre Anfänge als Kind. Ihr Vater hat sie nie ernst genommen und auch die Mutter hat ihre Malkünste verspottet. Mit der bürgerlichen Rolle die sie einnehmen sollte konnte Johanna sich nicht abfinden. Während sie sich mit ihrer Kindheit und Jugend auseinandersetzt und die Beziehung zu ihren Eltern hinterfragt, macht sie sich auch Gedanken über das Leben ihrer Mutter. War ihre Mutter in ihrer Rolle glücklich? Vigdis Hjorth erzählt die Geschichte schonungslos ehrlich, ja fast schmerzhaft. Es geht um Familienstrukturen und um Verletzungen die man sich gegenseitig zugefügt hat. Um seelischen Schmerz der sehr tief sitzt. Aber die Autorin nimmt für keine Seite Stellung ein, verurteilt sie niemand, weder die Tochter noch die Eltern. Das Bild müssen sich die Leser*innen selber machen. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und gut verständlich. Die Sprache ist gewaltig, manchmal fast poetisch. „Die Wahrheiten meiner Mutter“ ist ein schmerzhaft ehrlicher Roman den ich gerne gelesen habe.
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