Ein Klassiker der 1930er-Jahre-Literatur, neu entdeckt: das Schicksal einer klugen und ehrgeizigen Frau als Bankangestellte in der Weltwirtschafskrise
Berlin, 1931. Thea Iken ist Prokuristin im Bankhaus Brüggemann Sohn. Sie ist unbedingt loyal, arbeitet viel und genießt das Vertrauen des Bankdirektors, dem sie freundschaftlich verbunden ist - für seinen jugendlichen Sohn ist sie eine Art Ersatzmutter. Den übrigen Angestellten ist sie ein Dorn im Auge oder bestenfalls ein Rätsel, denn sie gibt wenig von sich preis. Die aufkommende Bankenkrise versetzt Thea und ihre Kollegen wie den Rest der Welt in Aufruhr. Existenzen sind bedroht oder werden zerstört, die Welt wirkt ungewiss und bedrohlich. Als es in der Bank zu einem Mord kommt, gerät Thea gar in Verdacht. Sie wird verhaftet. Klar ist, sie hat etwas zu verbergen - doch ist es wirklich ihre Schuld?
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Die Angestellten
JoBerlin aus Berlin am 11.09.2023
Bewertungsnummer: 2019927
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Die Reihe „ rororo Entdeckungen“ des Rowohlt Verlags will interessante, doch fast vergessene Autorinnen neu vorstellen und ihre Werke einer breiteren Leserschaft wieder zugänglich machen.
Der Titel „Ein Mädchen mit Prokura“ und das Cover sprechen mich sofort an. Die Autorin Christa Anita Brück arbeitete nach kaufmännischer Ausbildung selbst als Sekretärin und begann dann, Romane über die Situation weiblicher Angestellter in der Weimarer Republik zu schreiben. Sie war erfolgreich, denn Themen wie „neue Sachlichkeit/neue Frau“ (Abkehr von bis dahin herkömmlichen, romantisierenden Frauenbildern, Schilderung der realen Lebens- /Arbeitssituation) war zu diesem Zeitpunkt das moderne Romanthema.
Berlin 1931, brodelnde Geschäftigkeit – Christa Anita Brück fesselt mich mit ihrem temporeichen, geradezu atemlosen Romanbeginn: Thea Inken mag keine perfekte Stenotypistin sein, doch mit ihrer selbstbewusst-intelligenten Art könnte sie genau die richtige Verhandlungspartnerin für Geschäftskunden sein – Bankdirektor Brüggemann erkenntdas, stellt sie ein und ihr Aufstieg beginnt. Schnell erhält sie Handlungsvollmacht, das weckt Neid und Argwohn der männlichen Kollegen. Christa Anita Brück zeichnet mit ihrer Protagonistin ein neues Frauenbild, das auch heute noch gefällt und interessiert: Zielorientiert, zäh, kühl-rational arbeitet Thea Inken und ist bald Brüggemanns wichtigste Angestellte.
Sehr gut, wie die Autorin anhand der Arbeitswelt der Bankangestellten die soziale Situation, die Stimmung dieser Menschen im Berlin um 1930 darstellen kann. Angst vor Arbeitslosigkeit und die bedrohliche Finanzmisere der vielen, kleinen Privatbanken bestimmen den Alltag. Auch das Bankhaus Brüggemann gerät ins Wanken. Es kommt zu ersten Entlassungen. Immer bedrohlicher schildert die Autorin das Verhältnis der Angestellten untereinander, sehr gut gelingt ihr das mit einfachen, schnellen Sätzen, doch man fühlt eine Art schicksalhaftes Grauen, fühlt auch das drohende Unheil, das über allem zu schweben scheint. Zwar kommt Thea Inken in ihrem ruhigen, überlegten Handeln sehr viel besser mit diesen Gegebenheiten zurecht als die in Untergangspanik verharrenden männlichen Kollegen, doch als Direktor Brüggemann tot aufgefunden wird, kommt auch sie in Bedrängnis. Mord, Raubmord, Selbstmord? Hat Thea, seine Prokuristin, womöglich etwas damit zu tun?
Interessant, spannend, gut geschrieben ist dieser Roman, dem ich eine große Leserschaft wünsche und den ich zur bereichernden Lektüre empfehlen kann.
Macht, Akten, Abhängigkeit
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 26.01.2026
Bewertungsnummer: 3025805
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Zuerst einmal: Es ist schön, dass solche Bücher wieder zugänglich gemacht werden. Vielen Dank an Rowohlt dafür. „Ein Mädchen mit Prokura„ ist für mich vor allem eine historische Entdeckung – weniger eine literarische Offenbarung, aber eine gesellschaftlich sehr aufschlussreiche.
Berlin, 1931. Bankenkrise, wirtschaftliche Unsicherheit, Millionen Menschen ohne Arbeit. In diesem Klima arbeitet Thea Iken als Prokuristin in einem privaten Bankhaus. Allein diese Konstellation ist stark: eine Frau in einer Position, die formale Macht und Verantwortung bedeutet, und zugleich in einer Welt, in der wirtschaftliche Willkür über ganze Existenzen entscheiden kann.
Was mich am meisten überzeugt hat, ist der Blick in die damalige Bankenwelt. Die persönliche Haftung der Bankiers, die Bedeutung von Vertrauen, von Devisen und internationalen Verbindungen, die ständige Angst vor dem sozialen Absturz – das wirkt heute fast fremd. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mitten in dieser Zeit zu stehen, in einer Ordnung, die äußerlich noch funktioniert, aber innerlich schon brüchig ist.
Sprachlich bleibt der Roman bewusst nüchtern. Der Ton erinnert an ein Protokoll oder einen Bericht und steht klar in der Tradition der Neuen Sachlichkeit der späten 1920er-Jahre: Präzision, Zurückhaltung, soziale Realität statt poetischer Ausschmückung. Brück schreibt fast so, als wäre die Welt selbst ein Ordner. Menschen erscheinen oft wie Funktionen im System: Bankier, Prokuristin, Angestellte, Kund*innen. Gefühle werden selten ausformuliert, sie schleichen sich eher zwischen die Sätze.
Ambivalent bleibe ich beim häufig genannten „feministischen“ Aspekt des Romans. Ja, eine Frau mit Prokura ist für die Zeit ein starkes Bild. Aber für mich erzählt das Buch weniger von Emanzipation als von den Grenzen weiblicher Handlungsmacht in einer männlich strukturierten Wirtschafts- und Machtwelt.
Am Ende bleibt für mich ein Roman, der vor allem durch seine historische Schärfe wirkt. Wer die nüchterne, sachliche Sprache der Neuen Sachlichkeit schätzt, wird hier viel finden. Mich hat weniger die literarische Form getragen als der klare, kühle Blick auf eine Zeit, in der wirtschaftliche Macht und soziale Abhängigkeit untrennbar miteinander verbunden waren.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil
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