Das Reich im Sommer 1914: Der Völkermord in Deutsch-Südwest liegt Jahre zurück, in den Kolonien herrscht Ruhe, und überhaupt lebt man in prächtigen Zeiten. Da lernen sich in Steglitz bei Berlin drei junge Männer kennen. Joseph Ayang, Sohn eines Kameruner Kolonialbeamten, will Theologie studieren. Friedrich Smith ist der im Reich geborene Sohn eines schwarzen Amerikaners. Ernst, der dritte, wurde von seinem Herrn aus Südwest mitgebracht. Die drei beschließen, dass etwas getan werden muss, um die Verbrechen in den Kolonien zu rächen: Sie bringen nachts Soldaten um, erst einen, dann zwei. Ohne Wirkung.
Die Fabrikantentochter Florentine vom Baum hält es nicht aus in einer Gesellschaft, in der Frauen unfrei sind. Als sie über ihren Bruder die drei Männer kennenlernt, bietet sie ihnen ihre Hilfe an. Und die vier fassen einen ungeheuerlichen Plan: Der Kaiser soll sterben.
Ein Roman darüber, was Menschen dazu treibt, Gewalt anzuwenden. Er spielt in einer Vergangenheit, deren Wirkungen wir heute noch spüren.
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Ein toller Mix aus Fakten und Fiktion
mimitatis_buecherkiste aus Krefeld am 07.11.2024
Bewertungsnummer: 2335391
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Drei junge Männer lernen sich im Frühjahr des Jahres 1914 in Berlin kennen, gemeinsam eint sie die Hautfarbe und der Wille, die Verbrechen der Deutschen in den Kolonien zu rächen. Jeder von ihnen hat einen Grund für seinen Hass, gemeinsam schmieden sie Pläne. Florentine vom Baum wächst behütet auf, als zweites Kind eines reichen Fabrikanten fühlt sie sich als Frau nicht frei genug und begehrt auf. Als sie die drei Männer kennenlernt, bietet sie ihnen ihre Hilfe an. Das Quartett bringt nachts Soldaten um, aber als eine Reaktion ausbleibt, ändern sie ihren Plan: Der Kaiser ist es, der sterben muss!
«Führten sie denn nicht sehr unterschiedliche Leben? Er selbst, auf eine Laufbahn als Geistlicher wartend, die er nicht wirklich anstrebte, dann die junge Frau kurz vor der Verheiratung, der Diener des so kaiserbegeisterten Künstlers und schließlich Friedrich hier, der Bote von Herrenoberbekleidung. Ein einziges Mal nur hatten sie sich in dieser Zusammensetzung getroffen, damals im Botanischen Garten, als sie beschlossen hatten, den jungen Soldaten zu töten.« (Seite 74)
Der Völkermord der deutschen Kolonialherren vor über 110 Jahren in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, stellt den Rahmen für die vorliegende Geschichte. Ich muss zugeben, dass ich bis dato zwar nicht völlig ahnungslos, aber doch kaum unterrichtet darüber war, was damals geschehen ist. Wenn ich bisher an Kolonien dachte, dann waren es meistens englische, französische und spanische Kolonialmächte, die mir in den Sinn kamen. Die Ergebnisse meiner Recherchen jedoch zeigten mir ein Bild, das abscheulicher und menschenunwürdiger nicht sein könnte. Man braucht dieses Vorwissen aber nicht unbedingt, um den Roman von Max Annas verstehen und der Geschichte folgen zu können.
Das Geschehen im Buch spielt sich nur über wenige Monate, genauer gesagt von März 1914 bis Juni desselben Jahres, ab. Die Handlung aber überschneidet sich und wird zusätzlich durch Briefe eines der jungen Beteiligten unterbrochen, die aus späteren Zeiten stammten. Dies hat mich zu Beginn etwas irritiert, war aber überraschenderweise stimmig, passte vorzüglich zu dem beschriebenen Jahrhundert und befeuerte die Spannung ungemein. Je weiter die Geschichte voranschritt, desto aufgeregter wurde ich, weil ich so neugierig darauf war, worauf das Ganze hinsteuert. Das letzte Drittel war so spannend, dass aus einem Kriminalroman fast ein Thriller wurde. Hätte ich dem Buch nicht zugetraut, als ich den Klappentext gelesen hatte, aber der Mix aus historischen Fakten und der fiktiven Erzählung eines Mordkomplotts war, besonders wegen der authentischen und interessanten Charaktere, einfach großartig. Gerne spreche ich eine Leseempfehlung aus.
Ein sich in diversen Themen verzettelnder Roman
Renas Wortwelt am 19.02.2024
Bewertungsnummer: 2134562
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen. Was er mir erzählen wollte, blieb unklar, ebenso, welches das eigentliche Thema war.
Die Handlung selbst lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Vier Menschen, die sich mehr oder weniger zufällig begegnen, planen, den Kaiser zu ermorden.
Bei diesen vier Menschen handelt es sich um Friedrich, ein in Deutschland geborener Sohn eines schwarzen Amerikaners, um Erich, Diener eines Malers, der ihn aus Deutsch-Südwest mitgebracht hat, um Joseph, ein Kameruner Theologiestudent. Und um Florentine, Tochter aus gutem Hause.
Letztere, ob aus wirklicher Leidenschaft oder eher aus Langeweile, wünscht sich mehr Rechte für Frauen, wünscht sich, dass Frauen mehr zu erwarten haben als eine gute Partie. Die drei Männer erfahren, es ist das Jahr 1914, immer wieder Ausgrenzung, offenen oder latenten Rassismus. In Gesprächen entsteht der Plan, Männer zu töten, die, vor allem als Militärangehörige, in die Unterdrückung der Bewohner der Kolonien involviert sind. Als die Morde nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erregen, gehen sie einen großen Schritt weiter und wollen ein Attentat auf den deutschen Kaiser verüben.
Diese Inhaltsangabe verheißt einen spannenden Roman, einen Krimi vielleicht, einen Roman, der sich dem Thema Rassismus annimmt. Doch es funktioniert nicht. Weder wird dieses Thema vorrangig noch ausführlich behandelt, noch wird es wirklich deutlich. Dazu kommen die anderen Themen, die angerissen, aber nicht zu Ende erzählt werden, wie Frauenrechte, die Verbrechen in den Kolonien, die Arbeit der Polizei, die Obrigkeitsgläubigkeit gegenüber dem Militär und noch einige andere.
Dazu kommt, dass sich mir die eigentlichen Motive der vier Menschen für ihre Taten nicht deutlich zeigen. Die Gespräche zwischen ihnen sind meist halbherzig, versanden in Andeutungen, sind inhaltsleer und nichtssagend. Auch die Darstellung der verschiedenen Lebenssituationen dieser vier Personen, die so unterschiedlich sind in Charakter, Geschichte und Hintergrund, ist eher blass, es entstehen bei der Lektüre keine Bilder, man bekommt kein Gefühl für die Figuren.
Sehr störend sind auch die eingeschobenen Briefe, die Joseph in den folgenden Jahren und Jahrzehnten schreibt, adressiert an seinen Freund Theodor, Florentines Bruder. Er sendet sie aus der Heimat Kamerun, sie beginnen 1914, gehen bis zum Jahr 1941 und wirken seltsam beziehungslos zur laufenden Handlung. Welchen Zweck der Autor damit erreichen will, ist mir unklar geblieben. Zusätzlich stören sie erheblich die Spannung, denn sie verraten, dass die Attentäter offensichtlich ungeschoren blieben.
Manche Ansätze sind vielversprechend, wie die Schilderung der Völkerschau, wo Menschen aus den Kolonien wie Puppen ausgestellt werden, doch auch das versandet, ohne wirklich eine Aussage zu formulieren.
Insgesamt konnte mich der Roman weder unterhalten noch überzeugen.
Max Annas – Berlin, Siegesallee
Rowohlt, Hundert Augen, Januar 2024
Gebundene Ausgabe, 285 Seiten, 22,00 €
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