Der Hintergrund ist vorgerutscht. Die Kulisse zur Protagonistin geworden. Die Tatsachen sind bekannt. Sie zu wiederholen, bringt keinen Erkenntnisgewinn. Von Bedeutung bleibt allein, wie man sich zu ihnen verhält. Doch die Welt tut weiter so, als ließen sich die Meldungen vom Artensterben, der Waldvernichtung, den Überflutungen und Hitzetoten zwischen die Nachrichten vom Sport und den letzten Promiskandal schieben. Dieses business as usual zeitigt einen paradoxen Effekt: Nicht nur das Unheil erscheint unwirklich, sondern auch und vor allem der Alltag. Angesichts dessen ist es dringend geboten, Unruhe in die öffentliche Debatte zu bringen und über die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens heute zu reflektieren. In den Texten des ermüdenden Fortschrittsglaubens der 1960er- und 1970er-Jahre stößt Paoli bereits auf alles, was es zum Verständnis der Situation braucht. Sein Essay wird so zugleich zu einer Archäologie verdrängter Einsichten, zum Prolegomena einer Wissenschaft vom Müll sowie zu einer rigorosen Verurteilung unserer Gegenwart.
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5.0/5.0
Bewertung
aus Wien
5/5
06.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Psychotherapeutisches Antidepressivum
Die Melancholie, dumpfe Gefühle des Verlustes und der Angst, die Zeitgenossen angesichts von Umweltzerstörung, Krieg, Übervölkerung, Klimawandel und Abbau der Nationalstaatlichkeit befallen, werden von Paoli ihrer medizinischen Affinität entzogen. Nein, Depression als Folge des Zustands der Welt ist keine Krankheit. Sie ist zwingendes Resultat des Wütens einer Spezies, die sich Krone der Schöpfung nennt, in einer religiöser Mystik befreiten Fassung jedoch alle Eigenschaften aufweist, die eine Alltagssprache bei anderen Spezies schlicht mit "Ungeziefer" umschreibt.
So gesehen zu schwere Kost für all jene, die es sich in einer persönlichen Blase, bewusst oder unbewusst religiöser oder ideologischer Art, gemütlich gemacht haben. Und damit zufrieden sind und leben können.
Wer indes, wenn überhaupt noch möglich, Positives für den Planeten tun will, sollte Paolis Buch lesen. Und sich anschließend aufraffen und nicht nur reden, sondern Produktives leisten. Es wird ihm erspart bleiben, von späteren Generationen – sollte es sie überhaupt noch geben – gefragt zu werden, welchen Beitrag er gegen die allgegenwärtige Zerstörung geleistet hat. Mich persönlich beruhigt das. Und dämpft die Depression.
Für all jene, die noch einen Beitrag leisten wollen, ist Paolis Werk für das Verständnis dessen, was geschieht und was zu tun ist, unumgänglich. Nach der Lektüre geht es auch psychisch besser. Eines der wertvollsten Bücher der letzten Jahre.
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