»Ich habe selten etwas so Erfrischendes, Kühnes, Lustiges gelesen.« Saša Stanišić
Große Veränderungen geschehen unbemerkt: Furchtlos und mitreißend originell erzählt Judith Keller vom Ausbruch aus dem Bestehenden, der poetischen Weltverwandlung. Es ist ein wild funkelnder Roman von der Freundschaft zweier Frauen, die etwas Neues anfangen wollen. Wie aber fängt man Neues an?
Da ist etwas geschehen in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Zürich. An einem lauen Sommerabend wird aus dem Parkhaus ein Lieferwagen entwendet, womöglich ein Drogengeschäft? Zwei junge Frauen, Vera und Peli, werden verdächtigt, doch das Verhör bringt kein Licht in die Sache, im Gegenteil: Eine Meerjungfrauenstatue im Pool, kreisförmig angeordnete Fahrräder auf den Zuggleisen, die Entführung eines Pferdes – es scheint, als hätten Vera und Peli eine ganze Reihe von Verbrechen begangen, eines unwahrscheinlicher als das andere. Die abenteuerliche Suche nach dem Zusammenhang beginnt, durch die Nacht und die Stadt, und mit ihr eine aberwitzige Erkundung unserer sich verflüchtigenden Gegenwart.
Kundinnen und Kunden meinen
2.7/5.0
schmoekerstunde
5/5
07.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein vielversprechender Titel…
Ein vielversprechender Titel und ein kreativer Klappentext versprach eine aufregende Reise in eine Welt voller Abenteuer. Leider entpuppte sich das Buch als eine Mischung aus überdrehten Situationen und verwirrenden Handlungen. Die Versuche, eine Verbindung zwischen den Ereignissen herzustellen, wirken total erzwungen. Die Handlungen führen zu immer absurderen Situationen und verlieren jegliche Glaubwürdigkeit. Leider bleiben auch die Charaktere flach, was es schwer macht, sich mit ihnen zu identifizieren. Der Leser wird stattdessen mit einem unzusammenhängenden Sammelsurium von skurrilen Ereignissen konfrontiert. Die überdrehten und verwirrenden Elemente lenken von einer sinnvollen Geschichte ab.
Bewertung
aus Viersen
5/5
04.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Lachen, bis einem die Tränen kommen
Lachen, bis einem die Tränen kommen
Stellen Sie sich vor, Carolin Kebekus (in der „far from ordinary“- Edition) und Hazel Brugger (Dada inspiriert) haben sich die Genre Chick-Lit und New Adult vorgeknöpft und eine Parodie darauf geschrieben – aber mit Meta-Ebene. Dann kommen Sie beim Lesen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Ein Lachen, das im Halse steckenbleibt.
Worum geht’s? Vera und Peli machen Zürich unsicher. Sie werden beschuldigt, Autos, Drogen und Deko-Figuren aus Gärten geklaut, Menschen verprügelt und ein Feld angezündet zu haben. In den Vernehmungen macht Vera ausführlichste Angaben. Sie leugnet oder präsentiert haarsträubende Erklärungen, warum sie und Peli so handeln mussten.
Die Haupthandlung spielt im Jahre 2025. Seither ist die Welt in Auflösung. Menschen und Dinge verschwinden. 2098 werden u.a. die Vernehmungsprotokolle wiedergefunden. Nun soll eine Gruppe von Forschern des Instituts für Frühgeschichte / Sozialwissenschaften die Dokumente auswerten und herausfinden, ob die Geschehnisse aus 2025 der Beginn für das Phänomen sein könnten, dass Bahnhöfe, Tiere aus dem Zoo, Flughäfen etc. verschwinden und anderswo wiederauftauchen. Oder verschwunden bleiben.
Das ungelenke, aber um selbstvergewissernde Bedeutung ringende Fabulieren der Protagonistin Vera Savakis, das über die Nachahmung einer Reflektion nicht hinauskommt, sogar Binsenweisheiten entstellt; ihr sinnfreies Aufladen von selbstdefinierten Zeichen mit einem übergeordneten Sinn; das Durcheinandertal von nacherzählten Details, die Vera in einen alternativen Bezug zum ursprünglichen setzt – all das kann sich sogar mit Monty Python messen. Hier scheint ein Mensch nicht mehr „wichtig von unwichtig“ unterscheiden zu können, sondern sucht in allem Sinn und Zusammenhänge. Und das mit lädiertem Sprachvermögen. Zeitformen, Erzählperspektiven, Bilder – vieles knapp daneben bis ziemlich krass vorbei. Das so durchgezogen zu haben – Respekt an die Autorin.
Pröbchen? Bitte: „Noch etwas anderes stach uns ins Auge: Keine zwei Kräne zeigten in die gleiche Richtung. Vielmehr schienen sie in alle Richtungen zu deuten, die es gab. Das kommt höchstens alle tausend Jahre einmal vor, raunte Peli andächtig.“ Oder: „Dieser Park hat mir immer schon gefallen. Etwas Präriehaftes geht von ihm aus. Lange, wilde Treppenstufen, auf denen tagsüber Leute sitzen, […], führen hoch zur Universität Irchel, die in Form verschiedener Gebäude da herumsteht.“ Last but not least: „Aber gut oder schlecht – waren das nicht überwundene Maßstäbe? Schließlich wollten wir ja hinüber, weit hinüber, und eigentlich auch durch.“
Vera Savakis begreift die Wirklichkeit nicht (mehr). Sie kann sie jedenfalls nicht mit ihrer Sprache präzise beschreiben. 1984 von George Orwell lässt grüßen. Nur, dass die Worte hier nicht kontingentiert werden, sondern als unendliches, sich selbst entwertendes Geschwätz daherkommen. Und mit dem Unterschied, dass Big Brother wir alle in der digitalen Gesellschaft sind, in der wir leben. Die befindet sich mitten in einer kognitiven Apokalypse, wenn man der Analyse von Gérald Bronner vertrauen darf. Vera Savakis würde allerdings Bronners Erkenntnisse lediglich als Angebot zur Deutung verstehen, wenn sie sich vor lauter Zeichensuche überhaupt damit auseinandersetzte …
Man kann „Wilde Manöver“ entweder als beißende Zeitkritik verstehen. Tabus gibt es nicht mehr. Regeln gelten nur für den, der daran glaubt. Die Wahrheit wurde geghostet. Sprachvermögen entwickelt sich zurück. Die Aufklärung hat sich vertschüssisiert. Rationelles Denken, wenn es überhaupt noch funktioniert, behindert jetzt die neuen Strukturen des digital gesteuerten Ichs und die Freiräume seiner Selbstentfaltung. Das hat auch was Trumpitisches (die fortgesetzte Lüge gerinnt zur Heldenwahrheit).
Man kann „wilde Manöver“ als Dystopie lesen. Die Wirklichkeit löst sich in der digitalen Welt auf. Und mit ihr die Wahrheit. Wenn die Menschen nur noch in ihr Smartphone glotzen und in ihrer Blase leben, dann kann der Bahnhof in Zürich auch demnächst im Indischen Ozean verortet sein. Und Menschen, die gelebt haben, werden digital ausgeixt, so als hätte es sie nie gegeben. Macht Putin doch gerade auch mit der Stalin-Ära und den Millionen Opfern der Diktatur, indem er u.a. die Organisation MEMORIAL verboten hat, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Verbrechen zu dokumentieren.
Man kann den Roman auch als Road Movie lesen mit Anarcho-Protagonistinnen in Till-Eulenspiegel-Tradition, die sich dem Mainstream-Weltverständnis entziehen; für die Wahrheit auch bloß eine Geschichte ist, die man glauben oder neu zusammensetzen kann. Sie tun alles, was ihnen in den Sinn kommt, sei es noch so sinnfrei oder in den Augen Dritter eine kriminelle Handlung. Legal, illegal - in solchen Kategorien denken sie nicht. Waren die Opfer doch einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Vera und Peli scheinen ihr ganzes Leben an jenem Ort verbracht zu haben, „weil die Zukunft nicht landen konnte.“ Aber jetzt machen sie einfach mal was, Hauptsache neu. Dem Ganzen kann man ja nachher einen Sinn geben, so Vera in der Vernehmung. Blöd nur, dass sie sich in der Wirklichkeit befinden, die nie im richtigen Augenblick aufhört, wie dann kurz mal als Erkenntnis aufblitzt, um dann im nächsten Wortschwall unterzugehen.
Es gibt viele Interpretationsfäden, die Judith Keller zum Weiterspinnen ausrollt. Ob ich jetzt den roten Faden gefunden habe, weiß ich nicht. Aber so ist das mit den Lesenden. Die lesen ein Buch einfach so, wie sie wollen. Ich eben so.
Flaka Mujaj
Book Circle Community
5/5
21.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Wichtigkeit Von Baukränen
Ich verstehe es komplett, wieso manche dieses Buch nicht so geschätzt habe wie ich. Man sieht es als irres, wirres, verwirrendes Geschwätz zwischen zwei Freundinnen, die auf der Flucht sind. Aber es ist ein wenig mehr als das. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass dies eine Geschichte ist, die anscheinend im Jahr 2093 spielt - also eine weite Zukunft für uns alle - aber da bleibt es aber auch. Eine Zukunft. Vera, das Plappermaul, beantwortet die Fragen des Kommissars nicht nur mit direkten Antworten sondern empfindet alles, das vor und nach dem Geschehen passiert ist wichtig genug, dass es erwähnt werden muss. Aber auch ihre Freundin, Peli, bleibt ein Geheimnis und ein grosses Fragezeichen. Sie ist nämlich da aber nie Präsent.
Ich habe dieses Buch sehr genossen, vor allem aber auch weil so viel schweres in der Welt passiert und ich auch ziemlich schwere Bücher gelesen habe. Eine Erfrischung zwischendrin. Nichts und alles zugleich macht sinn- wie das wahre Leben ja eigentlich ist.
Ich hatte auch das Vergnügen, die Autorin, Judith Keller, kennenzulernen und sie hatte sicher auch eine wunderbare Sichtweise was auch als “Erklärung” angesehen werden kann. Den wir (die Zuhörer*innen) hatten viele viele Fragen - Wieso diese Obsessionen von Baukränen? Was hatte es auf sich mit den ganzen “Zeichen”, die gesetzt worden sind von Peli und Vera? Die wichtigste Frage, von der Sicht des Kommissars: Wieso haben sie das getan?
Manu
Book Circle Community
3/5
05.12.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Genie und Wahnsinn
Es passiert ganz viel in Zürich. Und die Frau, die Licht in die Sache bringen soll, scheint es irgendwie nur noch schlimmer zu machen, indem sie beim Polizeiverhör ausufernd und fast in Echtzeit von Zeichen, Fügungen und mysteriösen Phänomenen erzählt, die sich ereignet haben. Oder ereignet haben sollen.
Per se ist das doch eine gute Grundlage für eine spannende Geschichte? Absolut! Wenn auch mit kleinen Makeln: Ist das Verhör die richtige Form für die Wiedergabe der unglaublich detaillierten Schilderungen? Bis wohin gelten geographische Details als Lokalkolorit und wo fängt die Ausgrenzung nicht ortskundiger Leser:innen an? Ansonsten birgt die Story aber durchaus Spannung, Twists und Aspekte, die in Erinnerung bleiben. Und doch bleiben zu viele Fragen offen.
Bei der stilistischen Umsetzung hingegen ergaben sich bei mir ein paar Fragezeichen. Die Autorin beweist ihre Versiertheit im Umgang mit der Sprache und kreiert einige wundervoll schräge Sprachbilder und Formulierungsperlen. Diese Stellen sind ein wahrlicher Lesegenuss. Über weite Teile hingegen, kann sich dieses Niveau nicht halten und die Sprache kippt ins durchschnittliche, wenn nicht sogar ins einfältige: Bis zu welchem Punkt vertragen sich Helvetismen und Schriftdeutsche Grammatik mit sehr lokal geprägten Eigennamen, ohne dass der Eindruck eines Schüleraufsatzes entsteht? Dieser Punkt ist wohl bei jedem:r Leser:in woanders bis zu dem Punkt, wo es einfach kein gutes Schreibhandwerk mehr ist.
Generell ist „Wilde Manöver“ sicher keine Mainstream-Lektüre für Zwischendurch. Wer sich aber auf eine experimentelle Achterbahnfahrt mit verschiedenen sprachlichen Höhepunkten einlassen möchte und aushalten kann, dass die Geschichte nicht unbedingt Sinn macht, dem:r sei das Buch empfohlen.
Bewertung
Book Circle Community
3/5
11.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wild und Surreal
Dieses Buch ist so was von anders, als Alles, was ich bisher gelesen habe!
Der Klappentext weckte völlig andere Erwartungen. Inhaltlich konnte ich der Geschichte weder mit Logik noch Verstand folgen. Das Werk von Judith Keller hinterliess mehr Fragen als Antworten, möglich dass dies gerade die Absicht der Autorin war…
Begann wirklich alles in Zürich und welchen Anteil haben Vera und Peli unter anderem daran, dass ganze Gebäude und x Gegenstände aus Zürich verschwinden und an irgendwelchen Orten auf der Welt wieder auftauchen oder eben verschwunden bleiben. Verschwunden sind im September 2025 auch die beiden Protagonistinnen.
Wissenschaftler stützen sich im Jahr 2038 auf eine Akte, die ein Vernehmungsprotokoll mit Vera aus 2025 und Tagebucheinträge über den Zeitraum von 2025 bis 2028 enthalten, um Vorgänge zu entschlüsseln, welche sich 2025 zugetragen haben und in einem Einkaufszentrum in Zürich begonnen haben.
Mehr als der Inhalt Geschichte werden mir vor allen Bilder bleiben, auch die surreal, aber auch sehr witzig. Vielleicht ebenfalls eine Absicht der Autorin, Absurdes nicht logisch und rational angehen zu wollen. In den zum Teil langfädigen und fast zähen Beschreibungen, habe ich aber auch immer wieder sprachliche “Perlen” entdeckt. Dennoch hätte ich ohne Leserunde das Buch wohl kaum zu Ende gelesen.
Die surrealistische Literatur ist nicht meine Welt. Deshalb finde ich es sehr schwierig eine Bewertung in Form von “Herzen” abzugeben, wissend dass diese immer sehr subjektiv sind.
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