Tala ist tot. Die Tochter einer Iranerin und eines griechischen Gastarbeiters soll sich in Berlin das Leben genommen haben. Ungläubig und überreizt streift unsere Erzählerin – eine junge Regisseurin – durch die Stadt. Mit Tala in der Hauptrolle hätte sie hier ihren ersten Film drehen sollen. Tala war ihre Muse, nach vielen Rückschlägen ihre vielleicht einzige Inspiration. Anfangs bändigt die Bewegung ihre Gedanken. Doch Schritt um Schritt verändert ihr Blick die Umgebung. Die Stadt blättert sich vor ihr auf und offenbart Talas Spuren. Während die Erzählerin ihnen folgt, dringt sie immer tiefer in eine verborgene Geschichte von Originalität und Aneignung vor. Und schließlich in ihre eigene, ihr fremd gewordene Vergangenheit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
2 Bewertungen
5 Sterne
(1)
4 Sterne
(1)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
„Die Unvollständige“. Es…
ins_lebenlesen aus Schleswig-Holstein am 07.09.2023
Bewertungsnummer: 2891416
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Die Unvollständige“. Es hätte auch „Die Unvollständigen“ heißen können, denn im Mittelpunkt stehen ZWEI Frauen. Da ist Tala, die Schauspielerin, mit deren vermutlichem Suizid die Geschichte mit wenigen nüchternen Worten beginnt. Und da ist die Ich-Erzählerin, die die Todesnachricht aus ihrer Wohnung und in unruhigen, mäandernden Bewegungen durch die Straßen von Berlin treibt. Sie versucht, dem Ort der Nachricht so weit wie möglich zu entfliehen und gleichzeitig ihrer Bedeutung so nah wie möglich zu kommen. Valerie Bäuerlein lässt in ihrem Debüt die beiden Frauen auf mehreren Zeitebenen auf Spurensuche gehen. Die namenlose Erzählerin, eine Regisseurin, die mit Tala eigentlich einen Film drehen wollte, streift stattdessen nun durch Berlins Straßen und versucht Bruchstücke zusammenzusetzen. Von der Tala ihrer Erinnerungen, der Tala die in Briefen von ihrer letzten abenteuerlichen Reise zu den entlegensten Orten Asiens berichtet. Auch Tala schien eine Suchende gewesen zu sein. Als Tochter einer iranischen Mutter und eines griechischen Gastarbeiters wurden ihr Entwurzelung und Entfremdung in die Wiege gelegt. „War es vielleicht so, […] dass Tala versucht hatte, in der Geschichte ihrer Eltern ihre eigene Identität zu finden, während ich zugleich mich von meiner endlich abzutrennen versuchte, und gab es wohl so etwas wie ein kollektives Gedächtnis, dem wir angehörten, waren Orte und Geschichte und Menschen untrennbar miteinander verstrickt, oder waren es nur wir selbst, die nach einer Auflösung, einer Erklärung suchten, während alles naturgemäß Chaos war, ohne tieferliegende Struktur oder Ordnung, ohne Sinn?“ (S.26) Die „Unvollständige“ setzt sich klug und differenziert mit der Suche nach der inneren Vollständigkeit und nach Erklärungen für die Unmöglichkeiten unserer Zeit auseinander. Kann es Vollständigkeit geben? Oder stellt man am Ende doch immer nur wieder fest, dass man bestenfalls auf Fragmente trifft, die sich zusammensetzen lassen und sich sofort wieder auflösen und verlieren? Der Ton des Textes, die Gedanken der durch die Stadt tigernden Erzählerin wirken nüchtern, kühl, distanziert. Sie wechseln sich mit Talas Briefen ab, so dass wir der Beziehung und den Protagonistinnen langsam auf die Spur kommen. Die Autorin schafft in jeglicher Hinsicht ständig Gegensätze – Ordnung und Chaos, Identifikation und Abtrennung, Traum und Wirklichkeit, Erinnerung und Interpretation. Manchmal dachte ich an Paul Auster und an etwas avantgardistisches. Es sind 150 Seiten, die man nicht einfach so weg liest. Ich habe mir auf fast jeder Seite etwas angestrichen, das mich aufhorchen ließ, sprachliche Schönheit in mir erzeugte oder an etwas rührte, das ich nicht sofort benennen konnte. Valerie Bäuerlein ist eine vielseitige Künstlerin, die Fotografie, Bildende Kunst und Filmregie studierte und u.a. als Filmkritikerin und Dokumentarfilmerin arbeitete. Ihre vielseitigen künstlerischen Perspektiven drücken sich auch in diesem Buch aus. Es hat mich ins Denken und Reflektieren gebracht und wird sich noch lange in mir bewegen.
Literarische Perle
Lesendes Federvieh aus München am 23.09.2023
Bewertungsnummer: 2028472
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ausgehend von einer einnehmenden wie ungewöhnlichen Initialszenerie – dem Suizid unmittelbar nach der Rückkehr von einer langen Reise – entfaltet Valerie Bäuerlein in ihrem Debütroman eine introspektive, elliptisch angehauchte und äußerst sprachgewaltige Erzählung über Entfremdung, die Diskrepanz von Erinnerungen und die Macht von Kunst.
Auf zwei Erzählsträngen begleiten wir einerseits die namenlose Ich-Erzählerin und Regisseurin, die durch Berlin mäandert, dabei versucht ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und sich zugleich eine Mitschuld am Tod Talas gibt, ist sie doch diejenige, die ihrer beider Potenzial nicht ausgeschöpft hat. Andererseits gibt es die eingestreuten Briefe der verstorbenen Schauspielerin Tala, die darin die Beobachtungen ihrer Reise ausgehend von Berlin über Russland nach Asien schildert. Neben der beeindruckenden Präzision sowie Tiefgründigkeit ihrer Beschreibungen ist es die umgekehrt chronologische Reihung, die hervorsticht und für einen besonderen Twist sorgt.
Dabei korreliert die Tiefe der Introspektion mit der Länge der Sätze, was zunächst fordert, doch sobald man sich auf deren ganz eigene Sprachmelodie und Raffinesse einlässt, entfaltet sich eine einnehmende Analyse der intrinsischen wie extrinsischen Unruhen unserer Zeit. Angesiedelt in der cineastischen Welt ist es geradezu, als würde man die Streifen einer Filmrolle betrachten, um diese beliebig vorzuspulen. Szenen der Gegenwart werden unterbrochen von Blicken in die nationalsozialistische Vergangenheit, abgelöst von Beschreibungen über die Ankunft von Talas Vater als griechischer Gastarbeiter oder die Flucht ihrer Mutter vor Irans Diktatur.
„Die Unvollständige“ ist eine feine literarische Perle von einem Debüt!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.