In der Londoner Psychedelic-Szene der späten Sixties finden sich Folksängerin Elf Holloway, Bluesbassist Dean Moss, der Gitarrenvirtuose Jasper de Zoet und der Jazzdrummer Griff Griffin und erschaffen zusammen einen einzigartigen Sound, mit Texten, die den Aufbruchsgeist der Zeit atmen. Nur zwei Alben produziert die Band. Doch ihr Erbe lebt fort.
Dies ist die Geschichte von Utopia Avenues kurzer, rasanter Reise, von den kleinen Clubs in Soho und den englischen Provinzkäffern ins Land der Verheißung, Amerika – als der technicolorbunte Sommer der Liebe gerade etwas viel Dunklerem weicht. Ein greller Trip ins Land der Träume, der Drogen, des Sex, des Wahnsinns und der Trauer, ein Buch über einen faustischen Pakt für Ruhm und Erfolg, über den Zusammenprall von jugendlichem Aufbruch und trister Spießigkeit.
Doch vor allem ist dies ein gewaltiger Liebesbrief an die Musik der Sixties, an deren Kraft, uns über alle Grenzen hinweg zu verbinden. David Mitchells «Utopia Avenue» ruft eine Zeit voller Träume und Verheißungen zurück, die immer noch nachwirken.
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Unterhaltsam, aber der nicht der beste Mitchell
Micha_W am 17.03.2025
Bewertungsnummer: 2441869
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Was sagen Ihnen die folgenden Namen? Frank Zappa, Jackson Browne, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Herman’s Hermits.
Stirnrunzeln? Zu schwierig? Machen wir es einfacher. Leonard Cohen, Janis Joplin.
Es schwant etwas?
Ok, nun ist es eigentlich kein Rätsel mehr: John Lennon, Mick Jagger, Jimi Hendrix, Bob Dylan.
In der Tat handelt es sich durchgehend um Bands oder Musiker, die solo oder in Musikgruppen in den späten Sechzigern, den Siebzigern oder sogar noch lange danach die weltweite Musikszene bestimmten. Kurzzeitig oder als Evergreens, wobei ein einzelner Herr in dieser Reihe mit den verbliebenen anderen rollenden Steinen bis zu einem Durchschnittsalter von circa 80 Jahren regelmäßig auf Welttournee ging. Doch das ist eine andere Geschichte.
Nach seinen diversen literarischen Welterfolgen hat sich David Mitchell in ein ganz anderes, unerwartetes Metier gewagt. Eben in diese Musikszene der „Wild Sixties“, der wilden Sechziger.
Der Plot: Ein talentierter und ehrgeiziger Produzent stellt in England – wo sonst – eine Band zusammen. Natürlich zieht man zu Beginn erfolglos über die Dörfer, aber wird schließlich – wie könnte es anders sein – zu Weltstars. Im Laufe des Karriere-Weges trifft man so ganz nebenbei alle oben angeführten Legenden der damaligen Musikwelt. „Cool“, denkt der Leser und spürt den Promi-Schauer den Rücken runterlaufen. Ach ja, ist ja nur eine Geschichte. Die Band gab es nie, sie ist rein fiktiv. Aber die anderen ja schon. Also wenigstens ein bisschen Gänsehaut darf dann doch sein.
Aber es wäre nicht ein Werk von David Mitchell, wenn es nicht doch die typischen Fantasie-Exzesse abseits des Haupt-Erzählstranges gäbe.
Jeder Protagonist der vierköpfigen Band erhält von Mitchell seinen ganz eigenen Charakter und seine ganz persönliche Story.
Da ist Dean, der Junge aus sozial schwachem Umfeld mit dem gewalttätigen Vater. Dean, der Frauenheld und der Angeklagte in einem Vaterschaftsprozess. Aber auch Dean, der begnadete Bassist, Komponist und Texter. Dean, der neben dem schon allseits selbstverständlichen Koks auch LSD-Versuchen nicht abgeneigt ist.
Jasper, der magische Gitarrist, der aber mit seiner Schizophrenie zu kämpfen hat. Jasper, der versucht, mittels Horologie und psychochirurgischer Seelentransplantation (was immer das ist), aus seinem Teufelskreis herauszukommen. An dieser Stelle erlaubt sich Mitchel ein wenig Story-Recycling. Jasper ist Niederländer und heißt mit Nachnamen De Zoet (gesprochen „de Zuut“). Klingelt was? In der Tat kommt sein Großvater bei der Analyse der Timeline aller Vorfahren kurzzeitig vor. Mitchells Buch aus dem Jahre 2014 „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ lässt grüßen.
Da ist Elf, nicht nur die Quotenfrau der Band, sondern weibliches Rückgrat der Gruppe, aber auch der Familie, die unter dem plötzlichen Kindstod bei Elfs Schwester leidet. Irgendwann entdeckt sie im Verlauf auch noch ein eigenes unterdrücktes Geheimnis.
Am blassesten kommt Griff, der Schlagzeuger, weg, wie so viele Schlagzeuger der Welt (vielleicht abgesehen von Charlie Watts). Seine Persönlichkeit beschränkt sich auf den Tod des Bruders und ein paar Frauengeschichten. Und Schlagzeugspielen.
Die vier entwickeln sich gemeinsam weiter, werden musikalisch besser, touren durch England und die USA, geben Konzerte, schuften Tag und Nacht in Studios und lassen auch keine Party aus.
Alles in allem also alles genauso, wie man sich ein Bandleben in den späten Sechzigern so vorstellt. Ist das Buch von David Mitchell deshalb eine stereotype Flachpass-Geschichte?
Eigentlich eher nein. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass David Mitchell genau das wollte. In diesem Autor schlummerte ganz offensichtlich über all die Jahre genau dieses Werk, denn seine Begeisterung für den Zeitgeist der Sechziger und Siebziger mit der Hippie-Flower-Power-Anti-Vietnam-Bewegung, sein Detailwissen zu den historischen Ereignissen, weltpolitisch wie in den Straßen von San Francisco, und seine Faszination und seine Kompetenz für die Musik der damaligen Zeit sind unverkennbar. Da hat sich einer seine Leidenschaft von der Seele geschrieben. Man sieht förmlich seine strahlenden Augen und das ist manchmal ein wenig ansteckend.
Literarisch ist „Utopia Avenue“ allerdings nicht Mitchells bestes Werk und zum Beispiel mit „Wolkenatlas“ nicht vergleichbar. Stellenweise hat man fast das Gefühl, er hat bestimmte Passagen einem Ghostwriter oder aufstrebenden Jungautor übergeben. Geradezu plump wirkt sein(?) Stil, wenn er krampfhaft versucht, längere Dialoge aufzulockern. Ein Beispiel:
„Würde das nicht alles ändern?“
Ein Müllwagen rumpelt vorbei.
„Dein Leben wartet, Jasper!“
Der Auflockerungs-Müllwagen taucht immer mal wieder auf. Ebenso der zwitschernde Vogel oder das schreiende Kind auf der Straße vor dem Haus. Zwanghafte Bildeinschübe in einem einzigen Satz, die man in dieser Form nicht mal mehr in den Volkshochschulkursen für kreatives Schreiben in Wanne-Eickel oder Bad Ischl durchgehen lassen würde.
Dennoch ist David Mitchell in Summe ein durchaus unterhaltsames Buch gelungen. Die einleitend abgefragten Grundkenntnisse sind hilfreich, aber keine Conditio sine qua non.
Sixties at its finest
Ralph am 03.11.2022
Bewertungsnummer: 1818722
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Innerhalb eines Lebenszyklus gibt es Wendungen, die man oft nur mit dem Zufall erklären kann.
Zufälle sind es, die vier junge Menschen Ende der 60er in London zusammenführen und doch nicht mit dem Zufall erklärt werden können.
Levon Frankland macht sich 1967 auf die Suche nach seinem ersten Projekt als Musikmanager und führt drei Musiker und eine Musikerin, die nicht unterschiedlicher sein könnten und auch aus unterschiedlichen Genre stammen, zusammen.
Levon trifft die Vier zu einer Zeit, die ihnen nicht wohl-gesonnen ist und obwohl sie sich kaum kennen und von diesem ominösen Angebot eher irritiert sind, nehmen sie das Abenteuer an; mit einem vertrauten Gefühl.
Zufälle sind allgegenwärtig und doch scheint die Geburt von Utopia Avenue keines zu sein, da ein unsichtbares Band die vier Köpfe zusammenhält.
Die Mysterien des Universums sind nur schwer zu ergründen und doch folgt der Mensch jener Logik, die von Kindesbeinen an erlernt wurde. Manchmal jedoch, scheinen die Bahnen des Universums keiner Logik zu folgen, was manch Persönlichkeit schwer zusetzt, da schließlich Alles einer gewissen Logik folgen muss; so die Theorie.
David Mitchell vollführt mit ‚Utopia Avenue‘ ein weiteres Kunststück und obwohl der Schwerpunkt diesmal auf dem unterhaltenden Part liegt, wird wieder deutlich, wie viel Tiefe in den simplen, gar unscheinbaren Momenten lauert.
Kurz vor dem Summer of Love wird der „Zufall“ über die Schicksale der vier jungen Menschen und des Managers entscheiden und deren Leben in Bahnen lenken, von denen sie nicht mal zu träumen wagten.
David Mitchell schreibt über den Aufstieg einer Band zu einer Zeit, zu der die Musik politisch aktiver wurde und sich damit Freunde und Feinde machte.
Aus literarischer Sicht ist dies ein alter Hut, doch Mitchell lässt den Vorhang fallen und dreht nicht nur um die Schattenseiten dieses Erfolges seine Bahnen. Auch die inneren Kämpfe, die Dämonen, treten ins Rampenlicht und werden nicht nur ohne jegliche Beschönigung thematisiert, sondern auch in ihre Einzelteile zerlegt.
‚Utopia Avenue‘ besteht aus mehreren Komponenten. Menschlich erzählt Mitchell Geschichten von Angst, Traumata und Sehnsucht. Wie sehr diese ein Leben kontrollieren, gar vollkommen übernehmen können, begutachtet der britische Autor auf authentische Weise und nimmt dafür auch Fragmente der asiatischen Mythologie in Anspruch. Absurd mag dies sein, doch was sich in den ‚Knochenuhren’ abspielte, wird hier weitergeführt, womit Mitchell seinem eigenen Universum treu bleibt und für Gänsehaut sorgt.
Der achte Roman des Briten mag oberflächlich gesehen nicht die Tiefe der Vorgänger besitzen, überrascht in einzelnen Momenten dafür umso mehr mit einer tiefen Einsicht, die sich oftmals in den einfachen Momenten zeigt.
‚Utopia Avenue‘ ist eine Wundertüte mit Anekdoten realer und fiktiver Art, die vielen Berühmtheiten der damaligen Zeit eine Bühne bietet und auf wundersame Weise beweist, dass das Leben weitaus mehr zu bieten hat, als der eigene Geist sich ausmalen kann.
Meinung aus der Buchhandlung
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David Mitchell´s fiktive Bandgeschichte aus dem London der wilden 1960er überzeugt vollends und lässt mich bei Spotify nach Alben der selben suchen. Ich rocke, feiere und leide mit der Band und treffe viele Bekannte der Swinging Sixties. Am Ende dreh ich die Lautstärke voll auf..
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