Stell dir vor, der deutsche Propagandaminister gründet eine Band, und Millionen Briten lauschen ihrer Musik - Ein satirischer Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht.Berlin, Frühjahr 1940. Auf Beschluss von Joseph Goebbels wird eine paradox anmutende Propaganda-Maßnahme umgesetzt: Für den Auslandsrundfunksender Germany Calling wird eine Big Band gegründet, die als Mr. Goebbels Jazz Band schnell internationale Bekanntheit erlangt. Hier spielen die besten europäischen Musiker, darunter auch Ausländer, Juden und Homosexuelle, im Dienst der NS-Propaganda wortwörtlich um ihr Überleben – ausgerechnet mit Jazz, der als "undeutsch" und "entartet" galt. Bis zu sechs Millionen britische Haushalte täglich werden von den schwungvollen Swing-Stücken mit anti-alliierten Hetztexten vor die Radiogeräte gelockt. Lienhards Roman setzt sich satirisch mit dieser unglaublichen, aber wahren Geschichte auseinander.-
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Gavroche
4/5
17.04.2023
Hörbuch-Download (MP3)
Germany calling
Was für eine Geschichte! Ich hatte noch nie von Mr Goebbel's Jazzband gehört, aber es scheint sie tatsächlich gegeben zu haben. Was für eine verrückte Idee! Allerdings geht es hier in dem Roman mehr um William Joyce, der unter dem Namen Fröhlich in Deutschland lebt und Mitglied der British Fascist Union war und mit seiner Frau nach Deutschland geflohen ist. Man erfährt seine Lebensgeschichte und auch die von dem Schweizer Fritz Mahler, einem eher erfolglosen Schriftsteller, der engagiert wird, um über die Jazzband zu schreiben oder doch eher über Joyce? Es geht auch immer mal wieder um die Band oder einzelne Mitglieder, allerdings bleiben diese eher im Hintergrund. Am Ende gibt es ein langes Nachwort, in dem noch so einiges ge- und erklärt wird. Mal etwas ganz anderes. Der Sprecher Omid-Paul Eftekhari bringt diese teils abstruse, teils unglaubwürdige und dann wieder erschreckende Geschichte gut rüber.
Johanna
aus München
5/5
19.10.2025
Buch (Taschenbuch)
Jazz und Propaganda
William Joyce ist ein Faschist in England. Im August 1939 wird er vor einer drohenden Verhaftung gewarnt und flieht nach Berlin. Dort übersetzt er seinen Namen und heißt fortan Froehlich. Der Engländer mit irisch-amerikanischen Wurzeln soll zusammen mit seiner Frau Margaret eine Propagandasendung für Großbritannien leiten. „Germany calling“ heißt die Rundfunksendung mit Nazi-Propaganda, dazwischen Musik. Allerdings solche, die in Deutschland als „entartet“ gilt oder verboten ist, in den angelsächsischen Ländern aber gern gehört wird. Die Swing-Band „Charlie and his Orchestra“ oder auch „Mr. Goebbels Jazz Band“ sendet nach England, mit Neuinterpretationen bekannter Stücke, manchmal mit neu hinzugedichteten Strophen nazi-deutschen Kulturguts. Obendrein wird ein Schriftsteller aus der Schweiz engagiert (nicht gerade aus der ersten Reihe), der einen Roman über die Band schreiben soll, alles in Goebbels‘ Auftrag.
Verrückt, denkt man. Dabei stimmen die Fakten (bis auf den Schriftsteller, den Lienhard hinzugedichtet hat).
Lienhard erzählt die Geschichte dieses Schriftstellers namens Mahler und die des William Joyce, der nach dem Krieg von den Briten hingerichtet wurde, und (titelgebend) die Geschichte der Jazzband und einzelner Musiker, darunter Juden und Homosexuelle. Mahler ist von seiner Aufgabe völlig überfordert, weiß nicht, was er schreiben soll. Er versucht sich den Musikern anzunähern. Einer der Musiker erklärt ihm, wieso er für das Propagandaministerium spiele: „Die Arbeit für das Ministerium sei halt auch eine Existenzfrage […]. Er spreche nicht vom Geld […] Vom Orchestergraben in den Schützengraben sei es kein weiter Weg […] Zu wenig Jude, um von der Wehrpflicht befreit zu sein, aber zu viel, um als Deutscher durchzugehen.“
Irgendwann fragt sich Mahler, wie das gehen soll, einen Propagandaroman zu schreiben. Über Menschen, die vor einem gewaltigen Dilemma stehen: Musik zu machen für ein menschenmordendes System oder unterzugehen. Im Wissen darum, dass sie nur so lange weitermachen können, wie Goebbels‘ Idee Bestand hat. Und dass Goebbels‘ Ziel darin besteht, Menschen wie sie nach dem „Endsieg“ sowieso umzubringen. Kaum möglich. Einziger Ausweg:
„Was aber […] wenn man (und damit meint er natürlich sich selbst) beispielsweise, sozusagen, gewissermaßen, sein Leben nähme, seine eigene Geschichte, oder aber, auch beispielsweise, und noch viel besser, Froehlichs Leben, um es als Garn aufzuspannen“ und damit die Geschichte des Orchesters zu erzählen. „Einen vielstimmigen Text ergäbe das, einen Roman wie eine Jazzband …“ Erstaunliche Ähnlichkeiten zu dem Roman, den man gerade vor Augen hat!
Die Erzählweise ist ironisch, manieriert, mit Thomas Mann gesprochen: Es gibt da „einen raunenden Beschwörer des Imperfekts“, die Handlung ist aber keineswegs „mit historischem Edelrost überzogen“, auch wenn der Erzähler des Romans sich in scheinbar vormoderner Manier selbst ins Spiel bringt:
„Das ist das bedauerliche Los des Erzählers: Wie sehr es ihn auch schmerzt, er kann doch nicht anders, als seinen Figuren tatenlos zuzuschauen, von ihren Irrungen und Wirrungen zu berichten, auf dass ihre Fehler mahnendes Beispiel für die Nachwelt seien, der wir ja inzwischen selbst angehören.“
Da stutzt man doch und überlegt, ob mit diesem Erzähler aus dem 21. Jahrhundert wirklich alles in Ordnung ist. Ist es nicht, so viel sei verraten. Am Ende des Buches wird man aufgeklärt. Oder doch nicht? Zwei Nachworte, eins vom Autor, eins von einem Archivar. Wer erzählt hier eigentlich? Perfekt!
Eine vielschichtige Erzählung, die sich des bizarren historischen Vorgangs annimmt, über Macht, Manipulation, Opportunismus und die Rolle der Literatur erzählt. Mit skurrilen Untertönen, manchmal sogar zum Lachen komisch.
Gern gelesen.
Bewertung
5/5
02.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sprachlich überragender historischer Roman
Lienhard hat ein sprachlich und erzählerisch herausragendes Buch geschrieben, das ich vorbehaltslos weiterempfehle. Die Handlung, die sich um den Gründer des Jazzorchesters und Propagandaradiomoderator William Joyce sowie die Mitglieder der Band dreht, ist verschachtelt und voller Überraschungen. Die Figuren wirken in ihrer Zerrissenheit authentisch und oftmals auch witzig. Dass dem Moderator und Songschreiber William Joyce viel Platz eingeräumt wird, hat mich nie gestört, im Gegenteil. Dank ihm erfahren wir auch viel über die Propagandamechanismen der Zeit und über das Umfeld, in dem die Band lebte und überlebte. Eine tolle Geschichte, die der Autor mit viel Witz und Ironie zu erzählen weiss.
Bewertung
5/5
14.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kurios
Wir erinnern uns aus dem Geschichtsunterricht an Dinge, die bei den Nationalsozialisten verpönt oder gar verboten waren. Darunter „entartete Kunst“, in der Musik vor allem der als dekadent angesehene Jazz.
Da in der Kriegs-Propaganda jedes Mittel recht war verwundert es nicht, dass das Reichspropagandaministerium eine Jazzband zusammenstellen ließ, um mittels der Radiosendung „Germany calling“, den britischen Hörern die Ohren für deutsche Desinformationen zu öffnen. Diesem kuriosen Fakt liegt die Kerngeschichte von „Mr. Goebbels Jazz Band“ zu Grunde, „Charlie and His Orchestra“ hat tatsächlich existiert.
Wesentlichen Raum widmet Demian Lienhard in seinem Roman aber auch der – historisch belegten – Person William Joyce, dem Moderator von „Germany calling“, sowie dem fiktiven Autor Fritz Mahler.
Die Geschichte ist originell und geschickt konstruiert, der Autor „malt“ seine Sätze förmlich, bilderreich und atmosphärisch dicht zieht er den Leser in seinen Bann.
Ich kann getrost behaupten, dass ich einen Roman wie diesen noch nie gelesen habe. Er ist unterhaltsam und lehrreich zugleich, und, mit Blick auf das Weltgeschehen, derzeit leider auch ziemlich aktuell.
Bewertung
5/5
19.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mehrwert auf mehreren Ebenen
Den Roman von Demian Lienhard wollte ich eigentlich schon länger lesen, aber wie es so ist mit Büchern, stapeln sich diese. Anlässlich der Nomination des Schweizer Buchpreises habe ich das Buch dann aber endlich gelesen, und es hat sich definitiv gelohnt! Vorab: Der Roman richtet sich eher an eine versierte Leserschaft und ist anspruchsvoll, aber er begeistert gleich auf mehreren Ebenen. Der Autor vermag es, überzeugend den Sprachstil von 1940 zu imitieren (dabei wirkt die Sprache aber keineswegs imitiert oder gekünstelt). Der Text ist gespickt mit zahlreichen Anspielungen auf andere Werke der Literaturgeschichte und verhandelt wie nebenbei auch noch die Thematik und Problematik des Erzählens. Lienhard lässt die wirklich verblüffende Geschichte von Goebbels Jazz Band und dem Propaganda-Radiosprecher William Joyce - basierend auf wahren Begebenheiten! - von einem eigensinnigen Schweizer Schriftsteller namens Fritz Mahler erzählen. Den Figuren folgt man nach New York, Galway, London, Manchester, Zürich, Danzig und Berlin, wo jeweils eine ganz eigene, plastische Atmosphären aufkommt. Trotz des ernsten und tragischen Themas ist die Geschichte durchaus auch unterhaltsam und trifft den richtigen erzählerischen Ton. Das Nachwort, was sonst immer sehr langweilig ist, ist wohl das unterhaltsamste, was ich je gelesen habe und ein wichtiger Bestandteil des Textes, der den Roman nochmals in ein ganz anderes Licht rückt und Rätsel auflöst. Eine klare Leseempfehlung!
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