Die Pandemiepolitik der letzten zweieinhalb Jahre ist nicht spurlos an der Gesellschaft vorbeigegangen. So gehören Lockdown, 2G-/3G-Regeln, Masken- und Impfpflichten mittlerweile ebenso zum allgemeinen Wortschatz wie die zur Abwertung von Maßnahmenkritikern verwendeten Begriffe Covidiot, Coronaleugner, Impfgegner oder Schwurbler.
Kritik entzündete sich vor allem an der Frage: Welche Freiheitseingriffe sind zum Schutz vor COVID-19 verhältnismäßig?
Der Band greift diese Frage auf und beleuchtet, wie sich der Stellenwert individueller Freiheitsrechte durch die ergriffenen Coronamaßnahmen verändert hat. Die Autorinnen und Autoren analysieren die Auswirkungen der Pandemiepolitik auf Wissenschaft, Demokratie und Gesellschaft. Und sie geben wichtige Denkanstöße zur Aufarbeitung der Pandemiepolitik, die Voraussetzung für eine dringend notwendige Versöhnung ist.
Mit Beiträgen von: Rainer Baule, Klaus Buchenau, Jan Dochhorn, Ole Döring, Michael Esfeld, Matthias Fechner, Agnes Imhof, Sandra Kostner, Boris Kotchoubey, Axel Bernd Kunze, Salvatore Lavecchia, Christian Lehmann, Tanya Lieske, Gerd Morgenthaler, Henning Nörenberg, Robert Obermaier und Markus Riedenauer.
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18.01.2023
Buch (Taschenbuch)
Differenzierte multidisziplinäre Analyse der ersten Jahre der Coronakrise
Der Essaysammelband „Pandemiepolitik – Freiheit unterm Rad?“ der Herausgeberinnen Sandra Kostner und Tanya Lieske aus dem Frühjahr 2022 entwickelt ein differenziertes, analytisches Bild auf verschiedene Aspekte der Coronakrise, insbesondere auf das Spannungsfeld des Umgangs von Menschen und Gruppen, die mit Macht ausgestattet sind gegenüber Menschen mit geringer Macht, und insbesondere mit Menschen, die eine Sichtweise einbringen, die die Definitionsmacht derer, die Verfügungsgewalt haben, gefährden können. Für verschiedene Bereiche zeigen die Autoren und Autorinnen auf, wie rasch eine per Dekret geschaffene Welt, die fast nur noch in schwarz (politisch nicht erwünscht) und weiß (politisch korrekt) unterscheidet, wissenschaftliche und allgemeine Erkenntnissuche per Fragestellungen in alle Richtungen und den kontroversen Diskurs abschafft – und damit auch den originären Wissenschaftsgedanken. Interessant ist hierbei, wie sich der Grundgedanke der neuen Doktrin durch multiple Felder und Disziplinen zieht im immer ähnlichen Stil, echtes Hinterfragen nicht mehr zuzulassen und Disput durch Oktroyieren von eng gezogenen Handlungskorridoren und Gedankenboxen zu ersetzen.
Die Essays der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen sind ein geschichtsrelevanter Beitrag im Hinblick auf Analyse und Aufarbeitung grober politischer Verfehlungen, gesellschaftlicher Verwerfungen, Werteverschiebungen und ethisch fragwürdiger -simplifizierungen im großen Stil und Machtverschiebungen der vergangen Jahre. Ein besonderer Wert ergibt sich durch die Beleuchtung aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln, die an sich schon einen Kontrapunkt zum engen, moralisierenden, oft geradezu fanatisch fixierten Korridor insbesondere der deutschen Coronapolitik darstellen, durch den das Individuum allzu oft auf ein wertloses Stück reduziert wurde, wenn es sich nicht fraglos der zwar nicht bewiesenen, so doch diktierten „Wahrheit“ unterordnete oder auch nur den Anschein erweckte, es nicht zu tun. Anhand dessen lässt sich die Bekämpfung statt Förderung dessen aufzeigen, was bis dato als Maxime zum Erkenntnisgewinn galt. Wenn immer mehr Fragen mit dem Tabu des Nichtfragendürfen belegt werden, liegt etwas mit dem System im Argen – was sich gerade durch den multidisziplinären Blick darstellen lässt: Es ist nicht nur ein Tumor im System, sondern er hat bereits in alle Richtungen metastasiert und droht damit, den gesamten Korpus der Wissenschaft zu zerfressen und zersetzen.
In vielen der Essays wird dargelegt, wie sehr Wissen und Erkenntnis vorgeschützt wurden von Machthabern, um in Wahrheit erkenntnislose oder -arme, vor allem keineswegs alternativlose oder eindeutig richtige Maßnahmen zu verfügen, die sich im Nachhinein und auch während ihrer Anwendung in großen Teilen als mit deutlich mehr Schaden als Nutzen belegen ließen und menschenverachtende Aspekte tiefster Intoleranz aufwiesen. Dies wird nicht nur im Rahmen der gesundheitlichen Schäden dargelegt, sondern auch für Bildung und Wirtschaft, gesellschaftliche Verwerfungen, sogar für Kunst (Musik) Glauben und Religion: Schaden an Leib und Seele auf der Mikroebene des Individuums und der gesellschaftlichen Makroebene. Macht gibt vor, zu wissen, auch wenn sie nur glaubt oder erkannt hat, dass sie mit vorgeblicher Erkenntnis weiter ausgebaut werden kann. Nach Lektüre der Essays sollte klar werden, wie sehr sich als zutiefst antiwissenschaftlich denkend demaskiert, wer beispielsweise darauf beharrt, dass Dinge nicht hinterfragt werden dürfen und damit den essenziellen wissenschaftlichen Diskurs moralisiert und diskreditiert – und wie die Bandbreite einer freien Wissenschaft zu einem bandagierten Tunnel verkommt, wenn künstliche „Einheit“ geschaffen wird durch Verdrängung und Diskreditierung anderslautender Stimmen.
Aus den meisten Texten spricht darüber hinaus der Wunsch, als Gesellschaft die Spaltung zu überwinden, wieder einen Konsens gegenseitiger Achtung statt Ächtung zu finden und vor allem zu leben – und aus dem Geschehen zu lernen statt zu verdrängen und vergessen.
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