Es ist das Jahr 1950. Mit einem Comic-Heft und einem Schokoriegel in der Tasche kommt Michael, ein 10-jähriger deutscher Waisenjunge, in Amerika an. Ein Sommer am Meer in Cape Cod soll die Schrecken des Krieges verblassen lassen. Licht tanzt über die Dünen und ergießt sich über kanariengelbe Sonnenschirme, doch weder das noch die Familie, die ihn aufnimmt, lindern Michaels Verlorenheit. Erst durch die eigenwillige Mrs Aitch, eine Künstlerin, die im Schatten ihres berühmten Mannes an der Bucht lebt, öffnet sich ihm in der unvertrauten Idylle eine neue Welt. Mit kraftvollem Pinselstrich malt Christine Dwyer Hickey das leuchtende Porträt eines Sommers, einer Ehe und einer ungewöhnlichen Freundschaft - und fängt die Farben von Einsamkeit, Nähe und Momenten flüchtigen Glücks ein.
Kundinnen und Kunden meinen
4.9/5.0
Bookxer
5/5
16.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
‚Schmales Land‘ - ein Roman, der lange nachwirkt
Der Roman von Christine Dwyer Hickey ist raffiniert gesponnen:
Es ist das Jahr 1950. Wir reisen mit Michael, dem 10-jährigen deutschen Kriegswaisen von New York nach Cape Cod.
Mrs. Kaplan hat ihn im Rahmen ihrer Wohltätigkeitsaktion eingeladen - auch als Kamerad für ihren Sohn Richie.
In der Nachbarschaft wohnt Mrs. Aitch bzw. Mrs. H. mit ihrem Mann, einem Maler.
Es ist offensichtlich, dass es sich um das Ehepaar Edward Hopper handelt.
Aber genau das ist auch das Problem.
Auf vergangene Zeiten zurückschauend leidet Mrs. Aitch darunter, dass der Erfolg und Ruhm ihres Mannes vermeintlich ihre eigene künstlerische Entfaltung verhindert hat.
Hopper selbst ist ein älterer, kranker Mann in einer Schaffenskrise, der nur mäßig motiviert und widerwillig auf Motivsuche geht.
Beide sehen sich als Aussenseiter und haben sich abgesondert. Ihr Umgang untereinander funktioniert nur sperrig und wirkt wenig liebevoll.
Erstaunlicherweise berühren beide Jungs die Hoppers - auf unterschiedliche Weise.
Variantenreich wechselt Christine Dwyer Hickey die Perspektiven und blickt auch auf die Nachbarschaft.
So stoßen Mrs. & Mr. Aitch auch zu der großen Einladung von Mrs. Kaplan.
Sie treffen auf keine ‚homogene‘ Gesellschaft, sondern auf Personen mit eigenen Geschichten und Problemen.
Kriege, Traumata, private Krisen, persönliche Schicksale, Verletzungen, Suche nach Anerkennung und Ausgrenzung … All das hat auf dem Schmalen Land Cape Cod in Christine Dwyer Hickey Roman seinen Platz, wo eigentlich unbeschwerte Sommerfrische erwartet wird.
Manfred Fürst
aus Kirchbichl
5/5
02.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein perfektes Buch bis zur letzten Zeile
1950: Spätsommer auf Cape Cod. Michael, ein deutscher 10-jähriger jüdischer Junge, lebt bei Familie Harry Novak, seinen Pflegeeltern in New York, nachdem er die Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs überlebt hatte. Er wird in den Zug gesetzt und für zwei Wochen nach Cape Cod geschickt, um den Sommer bei Familie Kaplan zu verbringen und mit Mrs. Kaplans gleichaltrigen Enkel Richie soll er spielen. Michael und Richie haben Probleme, miteinander auszukommen. Sich selbst überlassen fasziniert Michael mehr die Nachbarschaft von nebenan, das Künstlerehepaar Edward & Josephine Hooper (alias Mr. und Mrs. Aitch); es entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft.
Die Atmosphäre des Sommers in Cape Cod, eine wunderschöne Kulisse für diese Coming-of-Age-Geschichte und die schwierige Ehe zwischen dem Künstlerehepartnern. Das Adjektiv „schwierig“ beschreibt die Ehe fast beschönigend, viel eher trifft „toxisch“ zu, bisweilen erwartete ich eine emotionale Eruption von einem der beiden. Paartherapie wäre angesagt.
Alle Erwachsenen haben mit ihrer Einsamkeit, Selbstmitleid, Wut, Eifersucht, Alter und Krankheit sowie der Komplexität jeder ihrer Beziehungen zu kämpfen.
Jo ist sprunghaft, leidenschaftlich und oft irrational und leidet unter zwanghafter sexueller Eifersucht. Sie fühlt sich in seinem Schatten völlig verkannt und von ihm nicht wahrgenommen.
„Nicht alle halten Kinder für das Erfolgsgeheimnis jeder glücklichen Ehe. Das ist meines Erachtens (Anm. Jo) eine ziemlich altmodische Sicht.“ (S. 307)
Ed zurückgezogen und unwohl, deprimiert wegen seiner Arbeitsunfähigkeit verliebt sich in Richies gebrechliche und schöne Tante Katherine, die nicht mehr lange zu leben hat, eine Verliebtheit, die er mit dem jungen Michael teilt.
„Ich will dich malen, und wenn ich damit fertig bin, will ich Dinge mit dir anstellen, für die ich keine Worte habe.“ (S. 280)
Ein ruhiger, nüchterner Roman mit wenig Schnickschnack, unprätentiös und ohne Schnörkel. Voller Gefühle, Drama und ein wenig Spannung. Auch ein Kompliment der Übersetzerin, hervorragend gelungen. Die Charaktere werden in einer überragend fesselnden Meisterleistung des Geschichtenerzählens offengelegt.
literaturbine (ehemalige Buchhändlerin Osiander)
aus Speyer
5/5
15.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wunderbare Entdeckung!!
Michael, 10 Jahre alt wurde nach dem 2. Weltkrieg als Waisenkind von einem New Yorker Ehepaar adoptiert. Begünstigt durch eine Stiftung, darf er die Sommermonate bei Mrs Kaplan, ihren Töchtern und ihrem Enkelsohn Richie auf Cape Cod verbringen. Getrieben von seinen Ängsten und Traumata lernt er bei einem seiner Streifzüge Mrs Aitch kennen, die Ehefrau des bekannten Malers Edward Hopper. Auch das Ehepaar verbringt die Sommermonate am Meer. Und damit nimmt die Geschichte ihren Lauf..
Das Buch hat mich berührt und begeistert! Michael, der Junge der versucht sich in einer Welt ohne Kriegsgefahren zurecht zu finden, die Ehe der Hoppers, die so zerrüttet war und doch bis zum Ende ausgehalten wurde und die vorgeschobene Gutherzigkeit von Menschen, die dann nur als Selbstzweck enttarnt wird. Tolle Geschichte, sprachlich sehr schön, eine wunderbare Entdeckung!
Bewertung
5/5
19.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Neuengland in den 50er Jahren....
Neuengland in den 50er Jahren. Der Roman erzählt vom Künstlerehepaar Edward und Josephine Hopper und des Schicksals eines 15 jährigen Jungen.
Bewertung
aus Baden-Baden
5/5
25.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Porträt einer Künstlerehe und einer ungewöhnlichen Freundschaft
Für „ Schmales Land“ hat die irische Autorin Christine Dwyer- Hickey 2020 den Walter- Scott- Preis für historische Romane erhalten. Dank des Schweizer Unionsverlag können deutsche Leser diese ausgezeichnete Autorin kennenlernen.
Mit „ schmales Land“ ist die Halbinsel Cape Cod an der Küste von Massachusetts gemeint. Hier soll im Sommer 1950 der 10jährige Waisenjunge Michael bei der Familie von Mrs. Kaplan die Ferien verbringen. Mrs. Kaplan, eine reiche Gönnerin, war maßgeblich beteiligt an Präsident Trumans Projekt, deutsche Waisenkinder nach dem Krieg an amerikanische Adoptiveltern zu vermitteln. So kam Michael vor über zwei Jahren zu dem kinderlosen Ehepaar Novak nach New York.
Doch der scheue Junge findet auch in seinem Feriendomizil keinen Anschluss, obwohl mit Mrs. Kaplans Enkelsohn Richie ein gleichaltriger Spielkamerad zur Verfügung stände. Auf seinen Streifzügen durch die Gegend lernt er eine ältere Dame kennen, die er Mrs. Aitch nennt. Michael besucht sie nun beinahe täglich in ihrem Haus in unmittelbarer Nachbarschaft und begegnet dabei auch ihrem Ehemann. Der, ein berühmter Maler, flößt Michael Respekt ein, während er mit Mrs. Aitch unbefangen reden kann. Aber dem kinderlosen Paar scheint der Umgang mit dem Jungen gutzutun.
Dass es sich hier um das Ehepaar Josephine und Edward Hopper handelt - der Name Hopper selbst fällt im gesamten Text nicht - geht nur aus dem Klappentext und dem Cover hervor. Das Buch zeigt auf seinem Umschlagbild das weltberühmte Gemälde „ Sea Watchers“ . Edward Hopper ist einer der ganz Großen des amerikanischen Realismus.
Doch Christine Dwyer Hickey hat hier keine Romanbiographie vorgelegt. Sie beschränkt sich in ihrem Buch vor allem auf eine kurze Zeitspanne im Leben des Malers, jenen Sommer im Jahr 1950. Trotzdem erfährt man als Leser einiges über den Künstler und den Menschen Hopper und dessen Arbeitsweise. Aber vor allem ist „ Schmales Land“ das Porträt einer komplizierten Künstlerehe. Edward und seine Frau Josephine sind zwei sehr widersprüchliche Charaktere. Durch ihre verschiedenen Temperamente ist ihre Ehe ein ständiges Wechselbad zwischen Verbundenheit und Abwehr. Heftige Streitereien sind an der Tagesordnung. Während Hopper sich denen gerne durch Schweigen entzieht, wütet Jo umso heftiger. Einerseits bewundert sie ihren Mann, wacht eifersüchtig über ihn und will immer in seinen Schaffensprozess miteinbezogen werden. Gleichzeitig leidet sie darunter, dass ihre eigene künstlerische Karriere durch die Ehe ins Stocken geraten ist. Sie sehnt sich danach, als eigenständige Künstlerin wahrgenommen zu werden, verschwindet aber ganz im Schatten ihres berühmten Mannes.
Doch auch Hopper ist in jenem Sommer in einer Schaffenskrise. Er fühlt sich ausgebrannt und unfähig zu einem neuen Werk. Obwohl ständig auf der Suche nach Motiven, scheint ihn sein künstlerisches Talent verlassen zu haben. „ Ich hätte Schreiner werden sollen, hatte er sich in jenem Sommer mehr als einmal gedacht, ich hätte ein Joseph sein können statt der am Kreuz.“ So bekommt man als Leser einen Einblick in den oft schwierigen kreativen Schaffensprozess eines Malers.
Aber diese Künstler- und Ehegeschichte ist nur der eine Erzählstrang im Roman. Genau so viel Raum nimmt der Part um den Waisenjungen Michael ein.
Auch hier dringt die Autorin tief in die Psyche des zutiefst traumatisierten Jungen . Michael trägt viel seelische Last mit sich herum. Da ist zum einen der Verlust der Eltern und der Heimat, sowie der Sprache. Dazu kommen die Schrecken des Krieges hinzu, die ihn in vielen Bildern und in seinen Träumen heimsuchen.
Es ist schade, dass Michael und Richie so schwer zueinanderfinden. Denn einen Freund bräuchten beide; auch Richie bedarf unser Mitgefühl . Er versteckt seine Einsamkeit hinter lautem Geplapper und extremer Höflichkeit, aber seine Vernachlässigung ist deutlich spürbar. Ihm fehlt sein im Krieg gefallener Vater. Und seine Mutter Olivia, eine oberflächliche Frau, kümmert sich herzlich wenig um ihren Sohn.
Durch die beiden Jungen berühren sich die zwei Erzählstränge. Die Kinder wirken wie ein Katalysator auf die Beziehung zwischen Hopper und seiner Frau, legen ganz neue Seiten bei beiden offen. Jo erlebt ihren Mann völlig anders, väterlich und fürsorglich. Und sie selbst bekommt von Michael die Aufmerksamkeit, die ihr fehlt .
Gleichzeitig erfahren die Kinder durch das Künstlerpaar die notwendige Zuwendung und Unterstützung in einer für sie belastenden Situation .
Christine Dwyer Hickey erzählt ruhig und unaufgeregt. Sie beobachtet genau, fühlt sich gut in jede Figur und deren Psyche ein. Sie schreibt aus wechselnden Perspektiven, so dass der Leser direkt im Kopf der einzelnen Protagonisten ist. Das lässt ihn verstehen, mitfühlen und mitleiden. Manche Szenen bekommt man aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Personen präsentiert, was den Blick des Lesers nicht nur auf die Lage, sondern auch auf die Personen verändert.
Dabei schreibt sie mit viel Empathie für ihre Figuren, diffamiert sie nie, sondern lässt sie in ihrer Ambivalenz und Komplexität lebendig werden. Auch die Nebenfiguren werden mit einer Geschichte ausgestattet.
Die vielen Dialoge sind immer gelungen und glaubwürdig und charakterisieren, ja bisweilen entlarven sie sogar die Sprechenden.
Manche Szenen wirken wie von Hopper gemalt und schaffen so eine Verbindung zwischen Text und Bildern.
„ Schmales Land“ ist darüber hinaus auch eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft zu Beginn der 1950er Jahre. Die Verletzungen und Traumata des Zweiten Weltkriegs sind noch präsent. Dabei wollen die Menschen vergessen und sich einer besseren Zukunft hinwenden, während sich im Hintergrund schon die nächste Kriegsgeneration auf den Weg macht nach Korea.
Wer eine schöne Sprache, psychologisch stimmige Figurenzeichnung und atmosphärisch dichte Beschreibungen zu schätzen weiß und weniger Wert legt auf einen handlungsgetriebenen Plot, der ist mit „ Schmales Land“ bestens bedient. Für mich war der Roman eines der Highlights in meinem diesjährigen Bücherjahr.
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