Nah der schweizerisch-italienischen Grenze, im hintersten Dorf des Onsernonetals, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Es sei Krieg ausgebrochen. Schon tauchen die ersten Menschen, die vor den italienischen Faschisten fliehen, im Dorf auf. Entgegen den Befehlen der Regierung in Bern nimmt man sie auf. Indessen halten die Grenzwächter nicht nur Ausschau nach Flüchtlingen, denn auch Schmuggler passieren unentdeckt die Grenze und tragen Safran, Käse und Reis über die Berge. Die Schmuggler machen Geschäfte mit den Dorfbewohnerinnen und -bewohnern und verstecken sich in ihren Ställen. Und sie verkehren auf der Bargada, dem Gut unweit des Dorfes, das Orsanna Armini, ihre Tochter Zoe und die junge Claretta bewohnen.
Im zweiten Teil ihrer Chronik schreibt Aline Valangin die Geschichte der Arminifrauen fort und verarbeitet die Ereignisse im Tessiner Dorf an der Grenze während des Zweiten Weltkriegs.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
aus Baden-Württemberg
5/5
18.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schweizer Dorfidyll in Zeiten des Krieges
Aline Valangin (1889 – 1986) war eine Schweizerische Autorin, die seit 1936 auch im Tessiner Osternonetal im Schweizerisch-Italienischen Grenzgebiet lebte, in dem der Roman auch angesiedelt ist. „Dorf an der Grenze“ ist der zweite Teil der Chronik um die Arminifrauen, die mit „Die Bargada“ begann, aber völlig eigenständig zu lesen ist.
Das titelgebende Dorf liegt inmitten von unwirtlichem und schwer zugänglichen Bergland. Seit Ewigkeiten leben dieselben Familien hier, man bildet trotz aller Differenzen nach außen hin eine eingeschworene Gemeinschaft, die alles Fremde kritisch beäugt. Mit viel Hinwendung werden die Figuren im Rahmen ihres Lebensumfeldes beschrieben. Man findet sich zunächst in einem Heimatidyll wieder. Doch: „An einem freundlichen Septembertag hieß es, Krieg sei ausgebrochen. Draußen in der Welt.“ Als Leser begleiten wir die Menschen, denen die bewegten Zeiten Veränderungen und Entwicklungen abverlangen. Der Krieg macht nämlich keinen Halt vor dem Dorf. Erst werden Leichen angeschwemmt, dann Flüchtlinge - zunächst vereinzelt, später in Gruppen - , die auf Rettung hoffen, aber regierungskonform zurückgewiesen werden. Es blüht der Handel mit Schmugglerware, zunächst mit Lebensmitteln, später mit Schmuck und Tand. Einerseits verdienen die Dörfler daran, andererseits verurteilt man die Schmuggler, die den Handel unter Einsatz ihres Lebens ermöglichen. Diese widersprüchlichen Moralvorstellungen sind ein Thema des Romans.
In dieses pittoreske Panorama werden interessante Figuren gesetzt: Die Kneipenwirtin mit ihrem nichtsnutzigen Sohn Renzo, der sich Hoffnung auf eine Heirat mit der unabhängigen, selbstbewussten Arminifrau Zoe macht. Auch ihre Tochter hofft auf diese Ehe, damit sie ihr eigenes Liebesglück mit dem aus frommer Familie stammenden Amadeo finden kann. Die Männer, die nicht als Wehrmänner in der Ferne Dienst tun, sind weitgehend hinterwäldlerische, aber dominierende Staffage, deren Treffpunkt der Kneipentisch ist.
Spannend, wie der Krieg seinen Tribut fordert. Nicht nur Geflohene, sondern auch Partisanen und Faschisten aus den Nachbarländern rücken ins friedliche Grenzland der Eidgenossen vor. Man muss paktieren, verschleiern, verstecken und zusammenhalten, um sich zu behaupten. Valangin versteht es, das Geschichtliche mit dem Privaten ihrer Figuren auf sehr spannende, kurzweilige Weise zu verbinden. Sie beschreibt bildreich und anschaulich die beeindruckende Berglandschaft, das Dorf und seine Bewohner. Der Stil ist unaufgeregt und sachlich, Wertungen werden den Lesern überlassen.
Man folgt der Handlung in stetem Fluss, vereinzelte Höhepunkte rund um Konflikte, Eifersucht, Schmuggel und Grenzbewachung sorgen für Höhepunkte und einen intensiven Einblick in bewegte Zeiten. Wer genauer hinschaut, kann den dörflichen Mikrokosmos erweitern, um die Kritik an der Schweizer Asylpolitik und Abschottung allem Fremden gegenüber zu erkennen. Es geht um Geschichte, aber auch um die Gegenwart – manche Bilder kehren immer wieder.
Ein lesenswerter und haptisch sehr ansprechend gestaltetes Buch aus dem Limmat Verlag, das ich allen Freunden gut geschriebener historischer Romane ans Herz legen möchte.
dracoma
aus LANDAU
5/5
11.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mein Lese-Eindruck: Ein…
Mein Lese-Eindruck: Ein kleines Tessiner Dorf direkt an der italienischen Grenze, abgelegen, in einer unzugänglichen Natur: das ist der Schauplatz dieses Romans. Eine Idylle, denkt man, und das ist es auch, wenn man sich mit dem Blick von außen begnügt. Und genau den hat Aline Valangin nicht. Sie ist Schweizerin und sie schaut genau hin, und ihr Blick legt bitterböse und gnadenlos die Scheinheiligkeit dieser Idylle frei. Die Geschichte spielt während des II. Weltkrieges. Die Nachricht vom Ausbruch des Krieges berührt die Bewohner weiter nicht. Allerdings horten sie Mehl und haben damit ihrer Meinung nach ihre Pflichten erfüllt. Und ansonsten? „Der Krieg, der tobte draußen, wo die Berge flach werden“ (S. 23). Für das Dorf hat er keine Schrecken. Im Gegenteil: alle Dörfler beteiligen sich an dem schwunghaften Handel einer Schmugglerbande mit Reis, Käse, Safran. Butter, Schinken etc. Dabei verdienen alle so gut, dass ein Kino installiert werden kann und die Bauernmädchen in Seidenstrümpfen zur sonntäglichen Messe gehen können. Aber die Idylle wird bedroht. In kleinen Schritten rücken der Krieg und seine Grausamkeiten näher. Zunächst vereinzelt, dann immer häufiger tauchen aber Flüchtlinge an der Grenze auf, entkräftet und verhärmt. Es sind jüdische Familien, die vor der Deportation fliehen, desertierte Soldaten und politische Flüchtlinge – aber das Dorf darf noch weitgehend passiver Zuschauer bleiben, weil die Grenzsoldaten angewiesen sind, alle Flüchtlinge zurückzuweisen. Die oft verzweifelte Bitte um Asyl in der neutralen Schweiz rührt sie zwar menschlich, aber das Gesetz hat Vorrang und wird durchgesetzt. Partisanen berichten von den Zuständen jenseits der Berge: von Flucht, Vertreibung, Lynchjustiz, vom allgemeinen Hunger und dem Tod von Kindern, von Gräueltaten der Faschisten und der Besatzer. So rückt der Krieg immer näher an die Dörfler heran und sprengt schließlich ihre Idylle und zugleich verlebte Traditionen. Wie Aline Valangin diese Geschichte erzählt, hat mir sehr gut gefallen. Sie wahrt streng die Perspektive der Dörfler, und als Leser muss man sich die politischen Zustände selber zusammenreimen. Ihr Erzählton bleibt immer freundlich und ruhig, oft humorvoll-ironisch, wenn sie ihre Figuren in deren überholten Traditionen vorstellt. Und was mir besonders gut gefallen hat: kein einziger Satz findet sich, in dem die Kritik der Autorin an der Schweiz direkt formuliert wird: an ihrer Asylpolitik und ihrer Kunst, am Elend der Anderen Geld zu verdienen. Es ist allein die Handlung, aus der der Leser das herauslesen kann, wenn er mag. Die Schweizer konnten es jedenfalls; der Roman aus dem Jahre 1944 durfte erst 1982 (!) erscheinen.
J. Kaiser
4/5
30.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Schmugglern und Beschützern
In diesem Buch werden die Ereignisse in einem Tessiner Dorf in der Zeit des zweiten Weltkrieges geschildert. Kurz nach Kriegsausbruch erscheinen die ersten Menschen im kleinen Dorf auf. Diese fliehen vor den italienischen Faschisten. Die Dorfbewohner nehmen sie auf. Dies gegen die Anweisung aus Bern. Doch auch Schmuggler passieren die Grenze und transportieren Safran, Käse und Reis. Diese verkehren auch auf dem Gut Bargada. Dieses wird von Orsanna Armini, ihre Tochter Zoe und die junge Claretta bewohnen. Dieses Buch schildert eine Vergangenheit, welche in vielen Dörfern der Grenze nach passiert ist. Es ist zugleich eine Abrechnung mit der Schweiz sich aus den Konflikten herauszuhalten und dabei daran zu verdienen. Man liest so einiges, was nicht schöngeredet werden sollte und so passiert ist. Es ist ein Buch für Menschen, welche sich mit der Vergangenheit intensiver beschäftigen möchten. Meine Erkenntnisse aus dem Buch sind, sowas darf nicht mehr passieren. Empfehlenswertes Buch.
begine
aus Lemwerder
4/5
16.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Einwohnern und Schmugglern
Die Autorin Aline Valangin hat den Roman Dorf an der Grenze schon 1946 geschrieben und er spielt auch in der Zeit, als der Krieg anfing.
Der Limmat Verlag hat den Roman neu aufgelegt.
Es geht um ein Schweizer Dorf an der italienischen Grenze.
Die Autorin schreibt verhalten.
Sie zeichnet die Personen mit ihren Vorzügen und Schwächen brillant aus.
Man erlebt ihre Reaktionen auf die Ankunft der Flüchtlinge und den Schmugglern.
Die Autorin schreibt ruhig und dicht..
Mich konnte diese Geschichte über das Dorf gut unterhalten.
Esther N.
Book Circle Community
2/5
19.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Dorfgemeinschaft in Zeiten des Krieges
Die Autorin Aline Valangin hat den Roman Dorf an der Grenze im Jahr 1946 geschrieben. Er spielt in der Zeit, als der Krieg anfing. In diesem Buch werden die Ereignisse in einem Tessiner Dorf in der Zeit des zweiten Weltkrieges geschildert.
Die Thematik ist interessant und wichtig. Ich kam mit diesem dichten und ruhigen Schreibstil leider nich klar und konnte mich aus diesem Grund nicht in die Geschichte hineinfühlen. Diese Geschichte über das Dorf vermochte mich nicht so zu unterhalten wie ich es erwartet hatte.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.