Eine Frau liegt. Sie liegt sich durch die Tage und durch die Stadt; liegt, während sie arbeitet, zu Lesungen fährt, Freunde trifft, die Kinder zur Schule bringt, zum Arzt geht. Sie liegt in Gedanken, Büchern und Erinnerungen, liegt vor Bildern, liegt auf thailändischen Bodenmatten und Imbissbänken, in Zugsitzen und Warteräumen; liegt manchmal den Fleißigen im Weg und meistens sich selbst: Warum liegt sie? Ist das noch Widerstand, schon Resignation oder doch eher eine Krankheit? Mit Faulheit darf man das Liegen jedenfalls nicht verwechseln. Angesichts einer Welt, die so eingerichtet ist, dass sie ihre eigenen Möglichkeitsbedingungen lange erschöpft hat und doch unablässig weiter um sich in ihren Untergang kreist, zeichnet Geißlers Liegen. Eine Übung präzise das so abgründige wie manchmal schreiend komische Bild eines Verhaltens, das sich den Festlegungen entzieht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
2 Bewertungen
5 Sterne
(1)
4 Sterne
(1)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Ich liege nicht in mathematischer Zuverlässigkeit
Bewertung am 28.12.2022
Bewertungsnummer: 1849863
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
»Ich liege nicht, weil ich müde bin.
Ich liege, weil ich so müde bin.
Ich liege für später.
Ich liege hier zu Lernzwecken.
Ich liege hier für eine gewaltige Pause, die immer wieder unterbrochen wird.
Wie geht's denn so?
Ach, nächste Frage.
Ich warte auf ein gutes Vorzeichen in die Welt.
Ich liege nicht in mathematischer Zuverlässigkeit.
Zwei schlechte Ereignisse ergeben kein gutes.«
Geißler liegt im Bett, auf dem Sofa, liegt sich durch den Tag, durch die Stadt, durch das Arbeiten, die Arbeitsunfähigkeit, durch die Produktivität, in den Gedanken, oder den Gedanken im Weg, im Schreiben, in Müdigkeit, mit Ermüdung, in Ratlosigkeit, mit Trotz und Abkehr, in der Frage ob ihr Liegen nicht doch eine Haltung ist, eine Suche nach einem anderen Sinn, oder doch das Label einer Krankheit verdient, eine Abkehr, ein Verpassen und sich abwenden ist.
Es ist heiter, ernst, bejahend, verneinend, subversiv, passiv und aktiv, was Heike Geißler über das Liegen schreibt. Sie dichtet, sie sinniert über das Liegen und das »ist keine Attitüde, es könnte natürlich eine sein, denn es wäre so leicht, aus dem Liegen eine Attitüde zu machen.« Als ein Manifest des Liegens liest sich Geißler lyrischer Essay und sie macht klar, die Lösung für alles ist das Liegen auch nicht, verschiebt es höchstens den Blick und lässt die Lesenden mit inspirierenden Gedanken zurück.
Erschienen ist dieser stimulierende Text bei Rohstoff, dem neuen Imprint von Matthes und Seitz, der junge experimentelle Texte erschwinglich zugänglich macht. Ganz mein Geschmack, wird nicht mein letztes von Rohstoff sein.
Weltschmerz als Buch
Bewertung am 05.02.2024
Bewertungsnummer: 2124366
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Liegen, das ist ein durch und durch ambivalentes Hobby. Es ist gesund, erholsam und die von den meisten Menschen bevorzugte Körperhaltung zum Schlafen. Gleichzeitig verbinden wir das Liegen aber auch mit Krankheit, ob in Form von körperlich bedingter Bettlägerigkeit oder psychisch bedingter Antriebslosigkeit. Heike Geißler fängt genau diese Ambivalenz in einem Werk ein, das sich selbst einer klaren Einteilung entzieht.
“Liegen” ist ganz eindeutig Prosa, erinnert durch sein Layout aber doch immer wieder an die Verse und Strophen eines Gedichts. Es ist weit davon entfernt ein Sachbuch zu sein – auch wenn es streckenweise auch einer philosophischen Abhandlung über das Leben in der Horizontalen gleicht – und lässt sich doch nur schwer als Erzählung beschreiben, da hierfür häufig keine ausreichende Menge an Geschehen zu finden ist. Damit ist “Liegen” sicher nichts für Freund*innen des literarischen Mainstreams, fängt aber das Gefühl des Liegenwollens oder Liegenmüssens besser ein, als es in einer weniger kunstvoll gestalteten Form möglich gewesen wäre.
Dabei entsteht zwar auch eine bedrückende Grundstimmung - entsprechend dem bedrückenden Gefühl, sich von gesellschaftlichen Erwartungen oder politischen Entwicklungen zum Liegen gezwungen zu fühlen -, gleichzeitig kann Geißlers Text aber auch in ganz unerwarteten Momenten herrlich komisch werden.
Am besten liest sich “Liegen” übrigens im Liegen und mit etwas Weltschmerz in der Brust. Oft fällt es ja gerade danach deutlich einfacher, wieder aufzustehen.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.