Autobiographischer Bericht eines Mediziners aus dunkler Zeit.
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Die 3 Sterne-Gesellschaft
Bewertung aus Wien am 26.03.2025
Bewertungsnummer: 2449314
Bewertet: Buch (Klappenbroschur)
Ein lesenswertes Buch, mit guten Beobachtungen und klugen Gedanken. Leider mit einer gewissen Liebe zur Kompliziertheit geschrieben, und in der Kritik dann auch wieder stark schaumgebremst.
In dem Umstand, dass wir in einer modernen Leistungsgesellschaft leben, entdeckt der Autor mit kritischem Blick, was dies den Menschen abverlangt. Nämlich als „Leistungssubjekte“ zu agieren, als Unternehmer ihrer selbst, die zwar frei sind von den Zwängen vergangener Zeiten, in denen die Gesellschaft noch von Kontrolle und Disziplin beherrscht wurde. Die andererseits in dieser Freiheit aber auch ihre Hochleistungsfähigkeit sicherzustellen haben. In diesem Druck erblickt der Autor eine der Leistungsgesellschaft innewohnende „systemische Gewalt, die psychische Infarkte hervorruft“. Zugespitzt erkennt der Autor darin eine Menschheit, „die mit sich selbst Krieg führt“, und den depressiven Menschen als denjenigen, der sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge.
Dieser kritische Befund wird durch allerlei Beobachtungen angereichert, die einleuchten. Etwa, dass Multitasking kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt ist, da es eher einer Aufmerksamkeitstechnik entspricht, die unerlässlich für ein Überleben der Wildnis war. Weiter, dass die Aufmerksamkeit gegenwärtig die Struktur einer Hyperaufmerksamkeit hat, die durch raschen Fokuswechsel zwischen verschiedenen Aufgaben gekennzeichnet ist - mit nur sehr geringer Toleranz, Langeweile auszuhalten.
In einer philosophischen Publikation, die auf sich hält, ist offenbar unvermeidlich, diesen interessanten Überlegungen mit alle möglichen Sprachpirouetten und Name-Dropping zu verbinden. Ohne, dass klar würde, was etwa eine Negation der Negation zum Verständnis beitragen soll oder die Nennung berühmter Geister so ganz nebenbei in einer Fußnote (vielleicht ein Augenzwinkern für die Eingeweihten?). Zugegeben, bei manchen Denker:innen wird der Autor nachvollziehbar fündig. Man staunt nicht schlecht, etwa bei Friedrich Nietzsche zu lesen, dass die Fähigkeit, auf einen Reiz nicht sofort zu reagieren, weitgehend verschwunden sei, und fragt sich, an welchen Vorläufer von Whatsapp Nietzsche im Jahr 1888 (!) da wohl gedacht haben mag.
Woher nun eigentlich die Probleme rühren, die der Autor ja mit recht scharfen Formulierungen kritisiert – da wird es dann doch etwas verschwurbelt, wenn es heißt, es gebe ein gesellschaftlich Unbewusstes, dem offenbar das Bestreben innewohne, die Produktion zu maximieren. Aha, und wozu das alles, möchte man fragen. Stattdessen ist nicht nur von einer Leistungsgesellschaft die Rede, sondern auch von einer Aktivgesellschaft, einer Erschöpfungsgesellschaft, einer Dopinggesellschaft – und natürlich: von einer Müdigkeitsgesellschaft. Diese wird vom Autor einerseits attackiert, gleichzeitig soll sie aber auch als Utopie einer Friedenszeit herhalten, in der Müdigkeit entwaffnend wirkt.
Wers glaubt.
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