Eine neue Perspektive auf die Geschichte der Gastarbeiterinnen
Die 22-jährige Nour kommt in den siebziger Jahren nach Deutschland, um zu arbeiten. Sie ist eine der vielen Gastarbeiterinnen, sie ist jung, motiviert und optimistisch. Nour kommt aus Istanbul und lebt nun in einem Wohnheim in der Oberpfalz, mit Frauen aus Spanien, Italien, Griechenland, Jugoslawien, Marokko, Tunesien oder der Türkei. Während Nour Minirock trägt, tragen die oberpfälzischen Frauen im Dorf Kopftuch. Die Arbeitsbedingungen in der Fabrik sind fragwürdig, die Entlohnung ist nicht gerecht. Als Nour vom Frauenstreik im Thüringen der zwanziger Jahre erfährt, ist sie inspiriert und stellt sich diesem Land: Gemeinsam mit all ihren Freundinnen wird sie für die Rechte der Arbeiter und vor allem der Arbeiterinnen kämpfen.
Mit ihrem Debüt 'Die Optimistinnen' feiert Gün Tank die vielen Frauen, die dieses Land mit aufbauten und veränderten, und die sich doch in der deutschen Geschichte kaum wiederfinden. Starke Frauen, mutige Frauen: unsere Mütter. Unsere Großmütter.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
5/5
19.09.2022
eBook (ePUB 3)
Ein sehr berührendes und bereicherndes Buch
Von der 1. bis zur letzten Zeile hat mich diese besondere Buch fasziniert und berührt.
Die so eindrucksvoll dargestellte wichtige Rolle der 1. Gastarbeiterinnen in Deutschland wird leider selten so thematisiert.
Die Stärke dieser Frauen, ihre Liebe, ihr Mut haben mich sehr beeindruckt.
Zeitgleich taucht man in das Familienleben und die Sehnsüchte der Frauen ein.
Dieses Buch kann ich nur wärmstens empfehlen.
mimitatis_buecherkiste
aus Krefeld
5/5
15.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Menschenwürde
In diesem Buch erzählt die Autorin die fiktive Geschichte von Nour, die 1972 mit 22 Jahren als Gastarbeiterin aus der Türkei nach Deutschland kam. Mir persönlich war bisher überhaupt nicht bekannt, dass es auch Gastarbeiterinnen gab. Allein in der Fremde und doch nicht einsam, die Solidarität unter den Frauen aus aller Welt ist unglaublich. Als sie realisieren, dass sie ausgebeutet werden, formieren sie sich und fangen auch ohne Sprachkenntnisse an, für ihre Rechte zu kämpfen; für gleichen Lohn, für Sprachunterricht und eine menschenwürdige Unterbringung. Dies passierte in einer Zeit, als deutsche Frauen eine Erlaubnis ihres Ehemannes benötigten, um überhaupt arbeiten zu dürfen, was mir unglaublichen Respekt abnötigt.
Es ist eine interessante Erzählweise, denn das Leben von Nour wird nicht vollständig erzählt, es sind Bruchstücke, Auszüge, die sich hauptsächlich mit ihrer Zeit in Deutschland, aber auch mit ihrer Beziehung zur Familie und Freundinnen beschäftigen. Parallel kommt die Tochter von Nour als Ich-Erzählerin immer wieder zu Wort und schildert ihre Sicht. Gabriele Su wurde in Deutschland geboren, was dazu führt, dass sie ihre Identität sucht und hinterfragt. Aus beiden Erzählsträngen ergibt sich das faszinierende Leben einer Frau, die zusammen mit anderen Frauen etwas geleistet hat, von dem alle anderen Frauen profitierten. Das ist großartig und bewundernswert, zudem fand ich es sehr spannend und informativ, etwas über diese Zeit zu erfahren, über Zustände, die anscheinend nicht wichtig genug erschienen, um darüber zu berichten. Zumindest bis jetzt.
Ich habe die Geschichte von Nour sehr gerne gelesen, vergebe die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung. Ich freue mich bereits sehr auf weitere Werke der Autorin, deren Debüt mich wunderbar unterhalten hat.
Lesefuchs - Bücher mit Herz
aus Bargteheide
5/5
07.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
So habe ich es noch nie gesehen
Gün Tank hat einen Roman über Gastarbeiterinnen geschrieben, die um 1972 nach Deutschland kamen. Einen Roman, der mir die Augen geöffnet hat, denn sie erzählt die Geschichte der zum Arbeiten eingereisten Frauen ganz anders, als ich mir sie vorgestellt hatte
Die Autorin hat Journalistik in Istanbul und Verwaltungswissenschaften in Berlin studiert, d.h. sie könnte die Tochter ihrer Hauptperson Nour sein. Aber sie erzählte in einem Interview der Berliner Zeitung vom 21.09.2022, dass der Roman nicht autobiografisch sei. Auf das Thema des Romans sei sie gekommen, als sie die Ausstellung „22:14… und es kamen Frauen“ mitkuratiert hatte. Dabei ist sie mit vielen Arbeitsmigrantinnen ins Gespräch gekommen und hatte dadurch so viel Stoff, dass sie die Geschichten zu einem Roman verarbeitet hatte.
Sie erzählt die Geschichte von Nour, einer 22jährigen Türkin, die alleine aus Istanbul nach Deutschland kommt, um Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familie in der Heimat unterstützen möchte. In der Türkei hatte sie bereits als Telefonistin gearbeitet. Aber das Gehalt war zu wenig. Als sie in Deutschland ankommt, spricht sie kein Wort Deutsch. Sie wird von ihrem Arbeitgeber in ein Wohnheim gesteckt, wo sie mit anderen Frauen auf engstem Raum zusammenleben muss. Platz für Privatsphäre gibt es keinen. Aber die Frauen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen, freunden sich an. Und es gibt auch einige wenige einheimische Frauen, mit denen sie in Kontakt kommen. Nour ist fleißig und aufgeweckt. Sie möchte mehr als nur arbeiten. So möchte sie z.B. die deutsche Sprache lernen.
Was mich an dieser Geschichte so überrascht hat, war, dass es teilweise junge Frauen waren, die ohne männliche Begleitperson nach Deutschland kamen. Sie waren gebildet und hatten teilweise sogar schon in der Türkei in anspruchsvollen Jobs gearbeitet. Aber sie verdienten, wie auch ihre männlichen Kollegen, nicht genug, damit die Familie leben konnten. Also sind sie nach Deutschland gekommen. Aber die Arbeits- und Lebensbedingungen waren nicht gut. Sie sollten arbeiten und zufrieden sein. In den Firmen hatte man nicht damit gerechnet, dass diese Frauen sich gegen die Bedingungen wehren würden. Doch das haben sie gemacht. Und sie haben einiges erreicht, was zu dieser Zeit für deutsche Frauen noch unvorstellbar war.
Gün Tank erzählt einerseits in einfachen Worten die Geschichte Nours. Ihre Freundschaft zu ihrer Landsfrau Tüley und zu der Spanierin Mercedes. Und sie gibt tiefere Einblicke in das Familienleben Nours aus der Sicht ihrer Tochter Su, die Ende Dezember 1974 in Berlin zur Welt gekommen ist. Mich hat begeistert, wie die Frauen zusammengehalten haben. Und wie sie versucht haben, mehr aus ihrem Leben zu machen. So haben die Frauen sich organisiert, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.
Gerade die Geschichte, in der Su erzählt, wie sie die Urlaube bei ihren Großeltern genossen hatte, haben mich fasziniert. Sie erzählte von so einer weltoffenen und klugen Familie, in der der Großvater weise war und seiner Tochter und Enkelin alle Wünsche von den Augen abgelesen hat. Und auch die Brüder Nours waren offen und haben ihrer Schwester keine Steine in den Weg gelegt. Und trotzdem hat diese Familie eine unglaubliche Geborgenheit ausgestrahlt.
1972 war ich 9 Jahre alt, und dort, wo ich lebte, kann ich mich nicht dran erinnern, dass wir Gastarbeiter:innen hatten. Dabei gab es in meinem Heimatort eine Tabakfabrik von British American Tobacco. Mein Bild von den Gastarbeiterinnen war von den Frauen geprägt, die Kopftuch trugen, kein Deutsch sprachen und immer ein paar Schritte hinter ihren Männern gingen. Ich hatte mir bis zu der Lektüre dieses Buches nie vorstellen können, dass die jungen Frauen, die nach Deutschland kamen, durchaus auch in der Türkei selbstbestimmte und freie Leben gelebt haben. Und ich habe mir auch nicht vorstellen können, dass sie tatsächlich den Mut hatten, für ihre Rechte einzustehen. Das war in Deutschland nämlich noch die Zeit, wo die Frauen zu vielem die Erlaubnis ihrer Ehemänner oder Väter brauchten!
Geschämt habe ich mich, wie die Firmenchefs darauf reagiert haben, als die Frauen Forderungen stellten. Sie seien als Gäste hier. Da habe man keine Forderungen zu stellen. Aber hat man als Gastgeber nicht auch die Pflicht dafür zu sorgen, dass es den Gästen gut geht? Mir kamen die „Gastgeber“ eher so vor, als ob sie sich als Kolonialherren fühlten, die ihre Gäste einfach ausbeuten konnten.
Auch wenn der Roman nur kurz ist und damit Themen wie Heimweh z.B. nur kurz anreißt, so hat er mir doch die Augen für die Situation der Frauen geöffnet. Was ich mich allerdings nach der Lektüre frage, ist, wie es zu so einer Parallelgesellschaft kommen konnte, die wir heute in Deutschland zum Teil haben. Die damaligen Frauen waren offen und teilweise gleichberechtigter als die deutschen Frauen der damaligen Zeit. Wie hat es sich im Laufe der Zeit so ändern können, dass ich heute das Gefühl habe, dass jetzt in Deutschland die konservativen Türken leben, bei denen die Frauen einen deutlich geringeren Wert als die Männer haben.
Ein Roman, der zu Nach- und Überdenken alter Muster einlädt. Und ein Roman, der dazu einlädt, miteinander zu sprechen.
J. Kaiser
5/5
18.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Interessante Gastarbeitergeschichte
Das Cover finde ich gelungen. In den siebziger Jahren kommt Nour als 22-jährige nach Deutschland. Sie möchte hier arbeiten. Nour stammt aus Istanbul und wohnt mit anderen Frauen in einem Wohnheim. Sie ist jung, motiviert und sehr optimistisch. Hier wohnen Frauen aus Spanien, Italien, Griechenland, Jugoslawien, Marokko, Tunesien und der Türkei. Sie trägt einen Minirock, die Frauen im Dorf ein Kopftuch. Die Arbeitsbedingungen und Entlöhnungen sind nicht gerecht. Als Nour von einem Frauenstreik in Thüringen erfährt, stellt sie sich dem Land. Mit ihren Freundinnen beginnt sie für bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmerinnen zu kämpfen. Vielfach liest man, dass die Frauen, welche nach Deutschland kommen unselbständig sind. Gün Tank räumt mit diesen Vorurteil in dieser Geschichte auf. Man kann lesen, wie die Gedanken von Nour sind und auch die ihrer Tochter in der Gegenwart. Das fand ich sehr spannend umschrieben und man kann sich viele Gedanken dazu machen. Für mich passt der Titel zu diesem Buch bestens. Das Lesen ist bei einigen Passagen schwierig und gleichwohl wird Optimismus vermittelt. Dieses Buch kann ich sehr empfehlen zu lesen. Es vermittelt ein Thema, das aktuell ist und bleibt.
mari_liest
4/5
02.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte der Arbeitsmigrantinnen
„Tochter, egal was geschieht, vergiss eines nie: Bir elin nesi war, iki elin sesi var. Nicht die einzelne Hand, zwei machen Lärm.“ (S. 37)
Nour kam Anfang der 1970er aus Istanbul nach Almanya, um zu arbeiten. Es war nötig das Land zu wechseln, um die Familie in der Heimat finanziell zu unterstützen und weil sie sich auch erhoffte vieles zu (er-)lernen. Gelandet ist sie einer Fabrik für Arbeitsmigrantinnen, mit denen sie sich auch ihr Zimmer im Wohnheim teilen muss; kein Raum für Rückzug, keine Geheimnisse. Die Frauen unterstützen sich so gut es geht, doch wo viele Köpfe sind, fängt frau an, Dinge zu hinterfragen. Für die gleiche Arbeit erhalten sie schlechtere Bezahlung. Sie sind Akkordarbeiterinnen, den ganzen Tag auf Vollgas. Sie haben keine Rechte, dürfen nicht aufmucken und müssen alles so hinnehmen, wie es ihnen der deutsche, weiße Mann, ihr Chef, vorschreibt. Nour findet schließlich ihren Rückzugsort am Grab von Koyungözu, namentlich Stein Margarete. Eine junge Frau, die in den 1920er Jahren starb, aufgrund einer Lungenkrankheit, welche sie arbeitsbedingt niederrang. Doch Koyungözü ist wie ein Vorbild, denn sie kämpfte für die bessere Bezahlung von Frauen, für bessere Bedingungen am Arbeitsplatz. Und so fühlt Nour, dass auch sie und die Frauen sich auf die Füße stellen müssen, dafür kämpfen müssen, denn von nichts kommt nichts. Und so planen die Frauen einen Streik und stellen sich dem ausbeuterischen Gefüge in den Weg.
„Der Ehemann kam am Morgen und habe für Birgit die Kündigung eingereicht. Sie müsse jetzt für die erkrankte Schwiegermutter und den Haushalt da sein. Seine Unterschrift wird vom Bürgerlichen Gesetzbuch der Bundesrepublik getragen, […]. Der Mann sei der Ernährer […]. Während die Frau für den Haushalt zu sorgen habe […].“ (S. 58)
Wir lesen hier ein Stück Geschichte, welches mir wieder mal niemals im schulischen Kontext „gelernt/erzählt“ wurde. Wie auch von den chinesischen Arbeitsmigrantinnen in Amerika ist auch dieses Deutsche Stück Historie offensichtlich unter den Tisch gekehrt worden.
Gün Tank @guen_tank hat zwei Erzählstränge miteinander verwoben und so pirscht sich die Geschichte langsam und heimlich an. Die Perspektive der Vergangen aus Sicht von Nour, die zweite aus der Gegenwart, mit der Stimme von Nour’s Tochter, Cebraili Su (mit dem 29.12 als bestes Geburtsdatum überhaupt ;-) )
Die Kapitel von Su starten immer mit „Heute, eingetaucht im Gestern“ und liefern eine alternative Sichtweise auf das Geschehene; die subjektive Wahrnehmung der Tochter. Über das Fortgehen aus der Heimat, über das Gefühl des Nicht-erwünscht-Seins, der schwierigen Sprachbedingungen und „nicht-verstehen-können“ bis hin zu verbalen Übergriffen und dem Heimweh nach ihren Eltern, dede und nene; überhaupt nach IHRER Heimat. Diese Rückblende unterstreicht Su mit den Geschichten aus der Heimat, von den Großeltern, den Cousins und Cousinen, den Träumen und was dies alles für ihre Mutter bedeutete. Der inneren und äußeren Rebellion ihrer Mutter, wie sie und ihre Freundinnen sich dem System entgegenstellten und Forderungen stellten, um in Deutschland gleich leben zu dürfen, wie andere.
Das Buch hat mich auf eine Reise mitgenommen … eine lehrreiche Reise und mir viele Denkanstöße gegeben (ich würde Nour’s Vater gerne kennenlernen!!, er ist ein wunderbarer Mensch in diesem Buch).
Ein nachdrücklicher Roman und ein feines Debüt mit einer großen Leseempfehlung von mir!
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